Philippe Wojazer / Reuters

Französische Vorwahlen: Eine Premiere für Juppé und seine Verfolger

von Nikos Tzermias / 13.10.2016

Heute Abend treten die Präsidentschaftskandidaten des französischen Mitte-Rechts-Lagers gegeneinander an. Der frühere Regierungschef Juppé hat am meisten zu verlieren.

Im Rennen um die Spitzenkandidatur des französischen Mitte-Rechts-Lagers wird es ernst. Am Donnerstagabend, von 21 bis 23 Uhr, strahlen die Sender TF1 und RTL die erste Fernsehdebatte zwischen den sieben bürgerlich-konservativen Bewerbern für die Staatspräsidentschaft aus. Bisher hatten sich die zwei Hauptfavoriten, der frühere Premierminister Alain Juppé und der ehemalige Staatschef Nicolas Sarkozy, sowie deren fünf Herausforderer nur auf Distanz befehdet, mit Wahlveranstaltungen, Interviews und Büchern.

Hollande für Sarkozy

Die Fernsehsender und Organisatoren der Primärwahlen rechnen mit einem grossen öffentlichen Interesse an der Debatte, bei der die Telegenität und die verbale Gewandtheit der Rivalen von erheblichem Gewicht sein dürften. Es wird erwartet, dass rund fünf Millionen Zuschauer, wenn nicht noch mehr, den Match zwischen einem früheren Staatschef, zwei ehemaligen Premierministern, drei Ex-Ministern sowie einem christlich-demokratischen Aussenseiter direkt verfolgen werden. Danach stehen bis zur ersten Runde der Primärwahlen am 20. November zwei weitere Fernsehdebatten auf dem Programm; der vierte und letzte Schlagabtausch soll vor der Stichwahl am 27. November zwischen den beiden Kandidaten stattfinden, die sich für die zweite Runde qualifizierten.

Im Unterschied zu den Sozialisten führt das Mitte-Rechts-Lager unter der Ägide der Partei „Les Républicains“ erstmals Primärwahlen zur Bestimmung seines Spitzenkandidaten durch; an diesen können sich interessierte Bürger schon mit zwei Euro je Runde als Wähler beteiligen. Der Parti socialiste wird seine Primärwahlen erst am 22. und 29. Januar 2017 durchführen, das heisst nur drei Monate vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen.

Das hängt damit zusammen, dass der höchst unpopuläre Präsident François Hollande möglichst spät endgültig entscheiden will, ob für ihn eine erneute Kandidatur noch sinnvoll ist; zudem will er auch abwarten, wer die Primärwahlen auf der Gegenseite gewinnt. Hollandes Lieblingsgegner wäre Sarkozy, da dieser ähnlich umstritten wie er geblieben ist. Entsprechend hatte Hollande in den letzten Wochen vor allem Sarkozy angegriffen und diesen zugleich immer wieder zu öffentlichen Anlässen eingeladen.

Laut neusten Umfragen fiel jedoch Sarkozy wieder deutlich hinter Juppé zurück, nachdem er in den Sommermonaten stark aufgeholt hatte. Sarkozy versucht Kapital aus den Ängsten vor weiteren Terroranschlägen und der angeblich drohenden Islamisierung Frankreichs zu schlagen. Der frühere Staatschef hat kürzlich für den Fall, dass er wiedergewählt werden sollte, auch Volksabstimmungen über die Internierung von Terrorverdächtigen, die Erschwerung der Familienzusammenführung von Ausländern und ein Verbot der Ämterkumulierung angekündigt.

Moderater Juppé in Führung

Juppé, der unter allen Wahlberechtigten erst recht weit populärer als Sarkozy ist, profiliert sich dagegen als moderater Politiker, der die Nation wieder zu einigen vermag. Mitte September hatte er sich an einer Wahlveranstaltung in Strassburg dezidiert gegen die Schwarzmalerei und Angstkampagne Sarkozys gewandt. Er erklärt, dass für ihn eine „glückliche Identität“ das Ziel bleibe und für ihn Frankreich ohne Grösse, ohne die süssen Lebensgewohnheiten und ohne das „Glück, hoffen zu können“, nicht mehr Frankreich wäre.

Die linke Zeitung „Libération“ meinte, dass sich Juppé als Favorit am stärksten vor der Fernsehdebatte fürchten müsse. Tatsächlich wird sich der 71-Jährige darauf gefasst machen müssen, dass er von Sarkozy als linkslastiger Weichling abgetan wird oder von den anderen Herausforderern als alter Politiker, der kaum mehr für eine echte Erneuerung des Landes stehen könne.