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Britisches EU-Referendum

Fremd in der eigenen Stadt

von Markus M. Haefliger / 31.05.2016

Britische EU-Gegner nennen die Einwanderung als Hauptgrund, weshalb sie für den Brexit stimmen wollen. In den Agrargebieten Ostenglands werden Nutzen und Risiken der Immigration besonders deutlich.

Die Grafschaft Lincolnshire in den englischen East Midlands ist so flach, dass hier während des Zweiten Weltkriegs Propagandafilme gedreht wurden, die in den Niederlanden spielten. Die britischen Tommies waren darin die Helden und gewannen immer. Heute finden viele Einheimische, die Engländer seien in Lincolnshire auf dem Rückzug. In der Region, der Gemüsekammer Englands, wachsen Blumen- und Rosenkohl, Broccoli, Kartoffeln, Kopfsalat. Die arbeitsintensive Produktion zog schon immer Arbeitsmigranten an, aber mit der EU-Erweiterung vor zwölf Jahren nahm die Zuwanderung ungeahnte Ausmaße an.

UKIP auf dem Vormarsch

„Ich erkenne meine Stadt nicht mehr“, sagt Beryl Bailey, eine über 80-jährige Rentnerin aus Boston, „sie (die Einwanderer) verdrängen uns Engländer.“ Immigranten aus Polen und den baltischen Staaten prägen das Gesicht der ländlichen Provinzstadt. 1990 hatte Boston 40.000 Einwohner, vor fünf Jahren 55.000, heute sind es 67.000. Das Bevölkerungswachstum – über 20 Prozent in den letzten fünf Jahren – gehe hauptsächlich auf Immigranten zurück, sagt Matt Warman, konservativer Unterhausabgeordneter von Boston.

Bei der Volkszählung 2011 lag der Ausländeranteil im Distrikt Boston mit 13 Prozent landesweit mit am höchsten. Nur einzelne Quartiere Londons wiesen höhere Werte auf. In Boston nahm die Einwanderung allerdings rascher zu als in der Hauptstadt und ist in der Beschaulichkeit einer historischen Marktstadt auch deutlicher spürbar. Die Einwanderungsproblematik schürte Ressentiments und hat die Lokalpolitik umgekrempelt. Bei den Lokalwahlen vor einem Jahr gewann die UK Independence Party (UKIP) auf Anhieb 13 von 30 Sitzen im Distriktrat. Die nationalkonservative Partei Nigel Farages politisiert unentwegt mit dem Thema Einwanderung. Der UKIP ist es gelungen, der britischen EU-Debatte damit den Stempel aufzudrücken. Der Verlust der Stimmen konservativer Wähler an die Partei – bei den letzten Unterhauswahlen kam sie landesweit auf fast vier Millionen Stimmen – war einer der Gründe, warum Premierminister David Cameron ein Plebiszit über die britische EU-Mitgliedschaft versprach. Gewählt wird am 23. Juni. Während die Anhänger eines Verbleibs Großbritanniens in der EU eher wirtschaftliche Gründe geltend machen, führen die Befürworter des Austritts (Brexit) vor allem die hohe Einwanderung ins Feld.

Bostoner Bürger verweisen den Besucher etwa auf den Wirtschaftsbetrieb Staples. Die Gemüsefarm mit über 4.000 Hektaren Ackerfläche liegt 15 Kilometer außerhalb der Stadt in den trockengelegten Sümpfen am Ufer der Wash Bay. Bewässerungskanäle durchqueren die Ebene, nur moderne Windkraftanlagen durchbrechen den Horizont. Die Landschaft liegt grün oder weiß vom Plastik der Gewächshäuser in der Sonne, kein Quadratmeter bleibt ungenutzt. Jeden Tag biegen Dutzende von Kühllastwagen aus England, Frankreich und Spanien in die geteerte Landwirtschaftsstraße ein, die zu den Verpackungsanlagen und den Laderäumen von Staples führt.

Die Firma hat den Zustrom von billigen Arbeitskräften genutzt und in den letzten Jahren Anbaufläche und Produktion deutlich ausgeweitet. Mitarbeiter, vornehmlich ledige junge Männer, werden über Vermittlungsagenturen direkt in Polen, Litauen und Rumänien rekrutiert. Um ihre Lebenskosten zu senken, kommen über 600 Saisonarbeiter in einer Art Dorf aus Wohnwagen unter. Auch Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten sowie eine Kantine bietet Staples den Angestellten direkt auf dem Firmengelände. Die Firma wolle die Kontakte der Fremdarbeiter mit den Einheimischen gering halten und Scherereien aus dem Weg gehen, sagt Warman, ein Tory, der für den Verbleib in der EU wirbt.

In Boston hat Warman damit keine leichte Aufgabe. Er streicht die guten Seiten der Einwanderung hervor; ihr wirtschaftlicher Nutzen sei groß, werde aber oft nicht wahrgenommen. Als Beispiel vergleicht der Politiker den erbärmlichen Zustand vieler High Streets, also Haupteinkaufsstraßen, in englischen Provinzstädten mit der Lage in Boston. Während Rezessionen anderswo Narben ins Stadtbild gerissen haben, leere Häuserzeilen und mit Brettern verbarrikadierte Läden, blüht in Boston die Innenstadt.

Polens Würste riechen besser

Unternehmungslustige Einwanderer aus Osteuropa haben Läden aufgekauft und ausgebaut. Laut Dominika, einer 23-jährigen Polin, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, zählt Boston 27 polnische oder baltische Läden, von der Metzgerei, die polnische Würste fabriziert, über eine Bäckerei mit süß gepudertem Gebäck bis zu mehreren Supermärkten. Dominika selber verkauft in ihrem „Julia Polish Shop“ polnische Biere, Liköre, Kosmetika, Fleischwaren, Salzgurken, Kekse. Der Laden riecht würzig, die Kundschaft spricht Polnisch. „Einkaufen hilft gegen das Heimweh“, sagt Sebastian, ein Mittdreißiger aus Krakau. Er folgte 2011 seiner Schwester nach England und arbeitet als Disponent. Die Bostoner Polen sehen dem EU-Referendum mit gemischten Gefühlen entgegen. Der katholische Priester Stanislaw Kowalski von der polnischen Kirchgemeinde St. Mary’s macht unter seinen Landsleuten „eine gewisse Unsicherheit“ aus. Niemand weiß, was im Falle eines Brexit kommt. Marcin Pretki, ein Familienvater mit drei Kindern, ist zuversichtlich, dass Polen, die hier leben, auf jeden Fall bleiben können. Pretki kam 2004 nach Boston. Er studierte in Polen Betriebswirtschaft, in Boston arbeitete er an einer Verpackungsanlage. „Die meisten von uns haben einen Hochschulabschluss, aber dann gehen wir in die Fabrik.“ Er selber hatte vor drei Jahren genug und startete ein eigenes Online-Business für den Vertrieb von Videospielen. Laut Pretki drängen Polen nicht nach England, weil sie von Wohlfahrtsleistungen profitieren wollen, wie viele meinen, sondern wegen des Lohngefälles. „In Polen kannst du mit einer Stunde Arbeit anderthalb Liter Benzin kaufen, in England sieben Liter“, sagt er. Der 36-Jährige ist stolz auf den Fleiß und den Willen seiner Landsleute, die Lebenschancen zu packen, die ihnen England bietet. „Wir liegen niemandem auf der Tasche, wir zahlen Steuern. Wer zieht in die baufälligen Häuser in der Innenstadt und renoviert sie eigenhändig? Die Polen sind es“, sagt Pretki. Dass Cameron Anfang des Jahres mit Brüssel einen Deal abschloss, wonach EU-Einwanderer weniger Sozialleistungen beanspruchen können als Einheimische, kann er politisch nachvollziehen, findet es aber kleinlich.

Am empfindlichsten reagieren Polen, wenn sie von Engländern in einen Topf mit Einwanderern aus anderen Weltteilen geworfen werden. „Die Briten haben Panikattacken wegen Asiaten und Muslimen, und ich kann sie verstehen“, sagt die 35-jährige Kamila Bridgen, „aber wir Polen, wir haben mit den Briten doch so viel gemeinsam.“ Die Immobilienmaklerin kam vor zwölf Jahren von Krakau nach Boston und heiratete einen Engländer. „Ich dränge meinen Mann dazu, für den Brexit zu stimmen“, sagt sie fröhlich. Ein Widerspruch? Kamila räumt ein, ohne die EU würde sie noch immer in Polen leben. Aber sie lehnt die „Diktatur der EU-Bürokratie“ ab. Jeder Staat müsse das Recht haben, die Einwanderung nach eigenem Gutdünken und nach den eigenen Bedürfnissen zu regeln.

Überforderte Bürger

Wenn sogar polnische Immigranten den Brexit befürworten, muss etwas schiefgelaufen sein. In Boston ist es die Geschwindigkeit, mit der sich Bevölkerungszusammensetzung, Stadtbild und Sitten verändert haben. Die Veränderungen überfordern vor allem ältere Einwohner. Die eingangs erwähnte Beryl Bailey sagt, sie und ihr Mann verließen ihr Haus am Stadtrand nur noch, wenn sie unbedingt müssten. Im Sog des wirtschaftlichen Booms kommen Landstreicher aus südosteuropäischen Ländern in die Stadt. Sie lungern herum und trinken auf offener Straße, was in der Kleinstadt noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Bei einer spontanen, unrepräsentativen Straßenumfrage nehmen jüngere Einheimische die Erscheinung als lästigen Begleitumstand hin, ältere Einwohner rücken sie ins Zentrum ihrer Ängste. „Die Immigranten sind frech, das ist nicht richtig“, sagt Beryl Bailey.

Yvonne Stevens, eine letztes Jahr gewählte Abgeordnete der UKIP im Distriktrat, klagt über raue Sitten und steigende Kriminalität. Auch, dass man auf dem offenen Markt eher fremde Sprachen als Englisch höre, behagt ihr nicht. Die Gebärabteilung im Spital sei überlastet, desgleichen Arztpraxen und Schulen, sagt Stevens. Der Unterhausabgeordnete Warman hält das Lamento für übertrieben und führt Zahlen an, nach denen Schulplätze und Spitalbetten im Gleichschritt mit der demografischen Entwicklung ausgebaut wurden. Ältere Einwohner erinnern sich auch, dass früher englische Saisonarbeiter aus dem nordenglischen Yorkshire auf den Gemüsefeldern arbeiteten. Sie behaupten, die Einwanderer schnappten ihnen die Arbeit weg.

Warman, ein ehemaliger Journalist, der in Boston aufwuchs, widerspricht der Auffassung. Kaum ein Engländer sei für die harte Feldarbeit zu gewinnen. Es sei gerade umgekehrt: Dank der Einwanderung wachse die lokale Wirtschaft und schaffe Beschäftigungsmöglichkeiten auch für qualifizierte Arbeitskräfte. „Das Problem ist nicht, dass die Immigranten den Einheimischen die Jobs wegnehmen, sondern dass sie das Lohnniveau drücken“, sagt Warman. Um die Folgeerscheinung zu lindern, die im übertragenen Sinn landesweit gilt, erhöhte die Regierung im April den Mindestlohn für über 25-Jährige um 7 Prozent auf 7 Pfund 20 pro Stunde.

Die Politik aufgegeben

Beryl Bailey und ihren Mann kann das nicht trösten. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land – so sehr, dass sie am 23. Juni nicht abstimmen wollen. Die Begründung, weshalb sie als überzeugte EU-Gegner, die Brüssel für Einwanderung, Sittenzerfall und noch viel mehr die Schuld geben, dann doch die Faust im Sack machen, fällt langfädig aus und kann in der Auffassung zusammengefasst werden, die politischen Eliten machten so oder so, was sie wollten. Man wird zum Abschied den Gedanken nicht los, dass die Baileys wohl an die Urne gingen, wenn sie einen englischen Donald Trump wählen könnten.