Elisalex Henckel

Flüchtlingskrise

Fünf Bürgermeister aus fünf Ländern – und ihre Lehren aus der Flüchtlingskrise

von Elisalex Henckel / 22.01.2016

„Prellböcke“ nannte sie André Heller, von der Politik oft überfordert, von der Bevölkerung angefeindet: Den Bürgermeistern, so der Tenor von Hellers Rede zur Eröffnung der NOW-Konferenz, käme in der Flüchtlingskrise eine besonders schwierige Aufgabe zu. Umso mehr hätten sie es verdient, dass man ihnen Gehör schenkt.

21 Bürgermeister und drei Vizebürgermeister aus sieben Ländern entlang der wichtigsten Flüchtlingsrouten hat das Bruno-Kreisky-Forum mit großer Unterstützung der Karl-Kahane-Stiftung diese Woche in Wien versammelt. In einer von der ÖBB zur Verfügung gestellten Werkstättenhalle haben sie zwei Tage lang mit Flüchtlingen und NGO-Vertretern über alte und neue Strategien in der Flüchtlingskrise gesprochen. Bevor sie am Freitag Nachmittag „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ vereinbart haben, haben wir fünf der Ortschefs gefragt, was ihre Gemeinde am dringendsten braucht – und was andere von ihr lernen können.

1. Jordanien


Credits: Foto: Daniel Novotny / fotonovo.at für NOW-Conference; Grafik: Gerald Gartner

 


Credits: Gerald Gartner

Was ist das größte Problem in Ihrer Gemeinde?

Infrastruktur. Vor allem die Straßen sind sehr schlecht geworden, seit das Lager über sie versorgt wird.

Was braucht sie am dringendsten?

Ich würde mir von Europa mehr nachhaltige Unterstützung wünschen, damit wir den Flüchtlingen weiter in unserer Region helfen können.

Was können andere Gemeinden von Ihrer lernen?

Wie man Flüchtlinge human behandelt. Nicht nur die Stadt, auch ihre Einwohner haben sich den Menschen geöffnet. Familien sind zusammengezogen, um Flüchtlingen Platz zu machen.

2. Libanon


Credits: Foto: Daniel Novotny, fotonovo.at / NOW Conference, Grafik: GG

Credits: Grafik: Gerald Gartner

Was ist das größte Problem in Ihrer Gemeinde?

Der Müll. Die Kosten für seine Entsorgung haben sich verdreifacht.

Was braucht sie am dringendsten?

Geld. Alles andere können wir selbst organisieren.

Was können andere Gemeinden von Ihrer lernen?

Wie groß das Problem wirklich ist. Und dass es nur in Syrien gelöst werden kann.

3. Griechenland


Credits: Foto: Oliver Novotny / fotonovo.at for NOW Conference. Grafik: Gerald Gartner

Credits: Gerald Gartner

Was ist das größte Problem in Ihrer Gemeinde?

Die Schlepper. Die finanzielle und die organisatorische Last der Flüchtlingskrise können wir irgendwie tragen. Aber wir können nicht länger mitansehen, wie jeden Tag Leichen an unsere Strände gespült werden.

Was braucht sie am dringendsten?

Dass wir alle gemeinsam gegen die Schlepper vorgehen. Wenn wir schon nicht imstande sind, den Krieg in Syrien zu beenden, könnten wir doch zumindest dafür sorgen, dass diese Verbrecher nicht mehr mit dem Leben der Leute spielen.

Was können andere Gemeinden von Ihrer lernen?

Wir versuchen zu helfen, obwohl wir selbst durch eine Krise in die Knie gezwungen wurden. Wir tragen ein Weltproblem auf unseren Schultern, weil das, was wir tun, von Herzen kommt.

4. Italien


Credits: Foto: Daniel Novotny / fotonovo.at für NOW-conference, Grafik: Gerald Gartner

Credits: Grafik: Gerald Gartner

Was ist das größte Problem in Ihrer Gemeinde?

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Sie werden dem Bürgermeister direkt anvertraut, und er hat die Pflicht, sie aus dem Erstaufnahmezentrum zu holen und woanders unterzubringen. Vergangenes Jahr hatten wir 1.000.

Was braucht sie am dringendsten?

Eine EU-weite Vereinbarung zur Aufteilung der Flüchtlinge im Verhältnis zur Bevölkerungszahl.

Was können andere Gemeinden von Ihrer lernen?

Denjenigen, die sich für die Zurückweisung der Flüchtlinge starkmachen, sage ich immer: Setzen Sie sich doch einmal auf eine Bank im Hafen von Pozzallo und schauen Sie sich die Menschen an, die bei uns ankommen. Sie sind durchnässt, durstig, hungrig, es sind Schwangere dabei und Kinder. Und dann sagen Sie mir, ob Sie immer noch Mut haben, diesen Menschen zu sagen, dass sie nicht aussteigen dürfen.

5. Österreich


Credits: Bild: APA / Pfarrhofer, Grafik: Gerald Gartner

 


Credits: Gerald Gartner

Was ist das größte Problem in Ihrer Gemeinde?

Die hysterisch geführte Diskussion über das Thema. Und der Wettbewerb unter Landes- und Bundespolitikern, wer seine Bürger am besten vor den Schutzsuchenden schützt.

Was braucht sie am dringendsten?

Nichts. Es gibt einen Schulterschluss zwischen allen Parteien. Wir haben vor Fremden keine Angst. Wir lieben sie vielleicht nicht alle, aber wir respektieren sie.

Was können andere Gemeinden von Ihrer lernen?

Aufrechten Gang.

Hinweise zu den DatenDie in den Grafiken verwendeten Daten beruhen auf Auskünften des jeweiligen Bürgermeisters im Rahmen der NOW-Konferenz.

→ Warum eine Mäzenin die Bürgermeister zum Flüchtlingsgipfel lädt