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Flucht vor dem IS

Fünfhundert Dollar für den Marsch durchs Minenfeld

von Inga Rogg / 22.08.2016

Immer mehr Iraker fliehen aus dem Herrschaftsgebiet des Islamischen Staats. Aber die Flucht ist lebensgefährlich – und danach erwartet die Vertriebenen weiteres Elend.

Die Nacht brach bereits an, als Umm Mohammed ihre beiden Kinder an die Hand nahm und ihr Dorf verließ. Zwölf Stunden ist sie marschiert, über trockene Äcker und Feldwege, immer die Angst im Nacken, von Kämpfern der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS), die ihr Dorf nordwestlich von Kirkuk seit zwei Jahren beherrschen, entdeckt zu werden. Die Extremisten kennen für Männer und Frauen wie Umm Mohammed, die ihrem „Kalifat“ den Rücken kehren, keine Gnade: „Wenn sie dich erwischen, schießen sie.“

Wie Umm Mohammed sind zurzeit Tausende auf der Flucht vor den Extremisten. Hunderttausende sitzen indes im Kalifat fest. Der IS hält sie entweder als menschliche Schutzschilde fest, oder sie können wegen der Kämpfe zwischen dem IS und dessen Gegnern nicht fliehen. Es gibt aber auch jene, die bleiben, weil sie sich auf die Seite der Extremisten geschlagen haben.

Nackte Gewalt im IS-Utopia

Als der IS vor zwei Jahren große Teile des Iraks überrannte, versprachen die Extremisten den Irakern ein Leben in Würde und Gerechtigkeit. Volle Marktstände, spielende Kinder und lachende Kämpfer in idyllischen Landschaften – eine Art islamisches Utopia nach dem Vorbild des Propheten, so sieht das Leben in den Bildern, Videos und Hochglanzmagazinen der IS-Propagandamaschinerie aus. Anfangs waren viele Sunniten im Irak noch froh, das Joch der schiitisch dominierten Sicherheitskräfte losgeworden zu sein. Inzwischen hat sich jedoch Ernüchterung breitgemacht. An vielen Orten sind die Lebensmittel- und Benzinpreise explodiert.

Vor allem aber ist die anfängliche Erleichterung blankem Entsetzen über die beispiellose Brutalität der neuen Herrscher gewichen. „Wir haben alles erlebt: Folter, Morde“, sagt Umm Mohammed. Selbst die Kinder hätten zusehen müssen, wie die Extremisten in ihrem Dorf einen Mann auf der Straße hingerichtet hätten. „Wir wären schon früher geflohen“, sagt sie. „Aber dann hätten sie unsere Verwandten umgebracht.“ Mit Dutzenden von weiteren Frauen, Kindern und einigen Männern sitzt die Enddreißigerin auf dem nackten Boden am Checkpoint der Peschmerga, der Kämpfer des kurdischen Teilstaats im Nordirak, am nordwestlichen Ortseingang von Makhmur. Es ist heiß und staubig. Nur eine weiße Plastikplane bietet Schutz vor der sengenden Sonne. Einige der Frauen tragen noch den schwarzen Vollschleier, mit dem sich Frauen im IS-Gebiet verhüllen müssen. Manche haben ein Bündel, in dem ein paar Habseligkeiten verknotet sind, oder eine Tasche neben sich liegen. Umm Mohammed ist wie viele nur mit den Kleidern am Leib geflohen. „Endlich sind wir frei“, sagt eine Frau mit hellrosa Kopftuch. Eine andere macht das Siegeszeichen.

Vorwürfe gegen die Retter

„Sag ihr, dass wir sie gut behandeln“, meint der Befehlshaber der Peschmerga-Einheit zu dem Offizier, der unsere Fragen beantworten soll. Im Kampf gegen den IS werden schiitischen Milizen, aber auch den Kämpfern des kurdischen Teilstaats im Nordirak schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Immer wieder gibt es Berichte über Morde an sunnitischen Zivilisten durch schiitische Milizionäre, Hunderte werden vermisst. Die Peschmerga werden beschuldigt, ganze Dörfer von sunnitischen Arabern zerstört zu haben.

Die Frontlinie ist nur wenige Kilometer von Makhmur entfernt. Ende März unternahmen irakische Armee-Einheiten von hier aus einen Vorstoß in Richtung Westen, der den Auftakt für die Rückeroberung der irakischen IS-Hauptstadt Mosul bilden sollte. Die Offensive kam freilich bald zum Erliegen. Anfang Juli gelang den Soldaten jedoch ein Durchbruch, als sie den IS aus Kayara, knapp 30 Kilometer westlich von Makhmur, vertrieben. Die Einnahme der Stadt am Tigris ebnet den IS-Gegnern den Weg für Angriffe in Richtung Norden und Süden ins Kernland des Kalifats. Zudem befindet sich in der Nähe ein alter irakischer Militärflughafen. Mitte August brachten Peschmerga-Einheiten nördlich von Kayara mehrere Dörfer unter ihre Kontrolle.

Direkt gegenüber dem Checkpoint in Makhmur ist in einem heruntergekommenen ehemaligen Regierungsgebäude der Operationsstab untergebracht, in dem Kommandanten der Armee und der Peschmerga gemeinsam mit den Amerikanern das militärische Vorgehen koordinieren. Aber bis nach Mosul ist es noch ein weiter Weg. Die Großstadt, in der weiterhin Hunderttausende von Zivilisten leben, liegt rund hundert Kilometer entfernt. Nicht nur muss der IS erst einmal aus diesem Gebiet vertrieben werden, es braucht dazu auch eine Einigung zwischen der Zentralregierung und den Kurden. Die Kurden fordern neben einem militärischen auch einen politischen Plan. Erst wenn geregelt sei, wie Mosul künftig verwaltet werde, könne der Angriff beginnen, sagte der kurdische Regionalpräsident Masud Barzani im Gespräch. Da eine Einigung zwischen Bagdad und den Kurden auf nahe Sicht so unwahrscheinlich ist wie eh und je, scheint die Devise zu sein: Dorf um Dorf.

Doch jeder Angriff hat eine neue Fluchtwelle zur Folge. In den letzten Wochen seien Tausende von Flüchtlingen in Makhmur angekommen, sagt Leutnant Mohammed Sabir. Jeden Tag kämen mehrere Hundert. „Sie kommen vor allem nachts und im Morgengrauen, wenn der IS sie nicht sehen kann.“

Etwas abseits von den Frauen, Kindern und Alten sitzen zwanzig bärtige Männer im Schatten eines Containers. Einer sieht mit seinem buschigen Bart und der knöchellangen Pumphose richtig furchteinflössend aus. Ist er ein IS-Kämpfer? Er habe den Aufzug nur gewählt, um dem IS zu entkommen, sagt Abu Ahmed. Abu Ahmed, ein Lehrer, dessen wahren Namen wir wie den von Umm Mohammed nicht nennen sollen, stammt aus Hawija.

Das Falluja des Nordiraks nennen manche Iraker die Stadt südwestlich von Kirkuk, weil sie ähnlich wie Falluja seit 2003 immer eine Hochburg von Aufständischen und der IS-Vorgängerorganisation, der Kaida im Irak, war. Ein Massaker von Regierungstruppen, dem 53 Demonstranten zum Opfer fielen, war im April 2013 das Fanal für den Aufstand der sunnitischen Araber, der den Boden bereitete für den IS-Eroberungsfeldzug ein Jahr später. „Das Leben in Hawija ist völlig zum Erliegen gekommen“, sagt Abu Ahmed. „Die Schulen haben sie in Indoktrinationszentren umgewandelt, in denen sie unsere Kinder nach ihrem Ebenbild formen wollen.“

„Sie werden immer fanatischer“, sagt Abu Ahmed. Im Kalifat herrscht Paranoia. Nachdem mehrere Führungsfiguren durch amerikanische Luftangriffe getötet worden sind, machen die Extremisten Jagd auf vermeintliche Kollaborateure. „Sie verhaften willkürlich Leute und bringen sie um.“ Wie Umm Mohammed floh der Lehrer in einer dunklen Nacht. Doch die Fluchtwege sind lebensgefährlich, viele haben die Extremisten mit Sprengfallen vermint. „Ohne einen Schmuggler schaffst du es nicht“, sagt der Lehrer. „Von jedem kassieren sie 500 Dollar.“ Die Peschmerga bestätigten die Angaben. Früher hätten die IS-Schmuggler 300 Dollar verlangt, inzwischen seien es 500 Dollar, sagt Leutnant Sabir. Angesichts von Dutzenden von Flüchtlingen, die derzeit täglich in Makhmur ankommen, spült der Menschenschmuggel den Extremisten monatlich Hunderttausende Dollar in die Taschen.

Weil der Weg so gefährlich ist, hat der Lehrer seine Familie in Hawija zurückgelassen. „Ich hatte Angst, dass meine Kinder sterben.“ Immer wieder kommen Vertriebene in den Minenfeldern ums Leben, wie viele es genau sind, weiß niemand. Wann Abu Ahmed seine Familie wiedersehen wird, weiß er nicht. Am Checkpoint unterziehen die Peschmerga die Flüchtlinge einer ersten Überprüfung. „Manchmal wissen wir, schon bevor einer ankommt, dass er ein IS-Kämpfer ist“, sagt Leutnant Sabir. „Daash“, wie Iraker den IS nach der arabischen Abkürzung eines früheren Namens der Extremisten nennen, sei erledigt.

Überforderte Helfer

Es ist bereits Nachmittag, als die Flüchtlinge auf Militärlastwagen gepackt und in das Flüchtlingslager Dabega transportiert werden. Nach Kirkuk oder in ihre Regionalhauptstadt Erbil lassen die Kurden nur Personen, die einen Bürgen vorweisen können. In Dabega, rund 30 Kilometer nordwestlich von Makhmur, erwartet die Flüchtlinge erst einmal eine weitere Überprüfung. Und das kann dauern. Bei den Männern dauere das Prozedere zwei Tage, bei den Frauen gehe es schneller, sagt der stellvertretende Camp-Leiter Bezhwen Said. Die Flüchtlinge berichten jedoch von einer Woche und mehr. Die angeblichen IS-Kämpfer landen in den kurdischen Gefängnissen. Über die Zahl der Inhaftierten schweigen sich Regierungsvertreter jedoch aus.

Mit seiner großen Moschee, der Schule, einem Spielplatz, einer Krankenstation und der kleinen Ladenstraße wirkt das Camp fast wie ein Dorf. Statt in Zelten wohnen die Vertriebenen hier in Holzbaracken. Obwohl erst im Oktober mit Geldern des Roten Halbmonds der Vereinigten Arabischen Emirate gebaut, platzt das Camp längst aus allen Nähten. Es sei für maximal 4.500 Personen geplant gewesen, sagt Said. „Aber mittlerweile sind es 7.500, es ist völlig überfüllt.“

Mehr als 3,3 Millionen Iraker wurden durch den Krieg in ihrem Land vertrieben. Fast 32 000 Personen flohen seit Ende März nach Dabega. Den Hilfsorganisationen fehlt es an Mitteln, um sie mit dem Mindesten wie Wasser, Essen und Medikamenten zu versorgen. In der Region um das westirakische Falluja, das irakische Truppen im Juni eroberten, leben nach Angaben der UNO mehr als 85.000 Vertriebene in 66 Camps, öffentlichen Einrichtungen oder behelfsmäßig errichteten Unterkünften. Mancherorts gibt es für Tausende von Personen gerade einmal eine Toilette. Helfer sprechen von katastrophalen Zuständen.

Der irakischen Regierung fehlt es freilich an Geld, und die UNO hat nach eigenen Angaben weniger als die Hälfte der Gelder erhalten, die sie in diesem Jahr brauchte. Im Norden ist die Versorgung der Vertriebenen zwar einfacher, da internationale Organisationen wegen der besseren Sicherheitslage besser Hilfe leisten können. Aber außer den irakischen Vertriebenen haben im Nordirak auch rund 220.000 Syrer Zuflucht gesucht. Auch hier klagen Hilfsorganisationen über fehlende Mittel, Programme wurden zusammengestrichen. Und je mehr das IS-Kalifat zerfällt, umso mehr Flüchtlinge wird es geben. Die UNO rechnet damit, dass bis 2,5 Millionen Personen vertrieben werden könnten, wenn die Offensive auf Mosul beginnt. So viel Geld werde in den Feldzug gegen den IS investiert, sagte die UNO-Koordinatorin Lise Grand kürzlich. Es sei dringend nötig, mehr in die Hilfe für die irakischen Familien zu investieren, die alles durch den Konflikt verloren hätten.

In Dabega hat die UNO auf dem Sportplatz eine Zeltstadt errichtet, ein paar Dutzend Kilometer entfernt entsteht ein weiteres Camp. „Wir erwarten in den nächsten Wochen Zehntausende weitere Flüchtlinge“, sagt Said, der stellvertretende Camp-Leiter. „Wenn der Angriff auf Mosul beginnt, werden es noch viel, viel mehr sein. Wie wir das bewältigen, weiß ich nicht.“