Charles Platiau / Reuters

Für einen „französischen Islam“

von Nikos Tzermias / 15.09.2016

Der frühere französische Premier Juppé gilt als Favorit im Mitte-Rechts-Lager. Seinem Hauptrivalen, dem Ex-Präsidenten Sarkozy, wirft er vor, ein Prediger des Niedergangs zu sein.

Für die Eröffnung seiner Präsidentschaftswahlkampagne hat der ehemalige Premier- und Aussenminister Alain Juppé bewusst Strassburg gewählt. Die Hauptstadt des Elsasses ist relativ weltoffen und tolerant, wohlhabend und ein kultureller Schmelztiegel, wo zwar die Marseillaise komponiert wurde, doch das fanatische Jakobinertum nie Fuss fassen konnte. Strassburg passt mithin zur Identité heureuse (glücklichen Identität), zu der sich Juppé am Dienstagabend in einer Rede bekannte und die er der Schwarzmalerei und Angstkampagne entgegensetzte, mit der der frühere Staatschef Nicolas Sarkozy in den Elysée zurückzugelangen versucht.

Für einen „französischen Islam“

Juppé wandte sich entschieden gegen die Propheten des Unglücks und fatalistischen Prediger des Niedergangs. Er wolle Hoffnung vermitteln. Frankreich befinde sich derzeit zwar unbestreitbar in einer schwierigen Lage, doch die glückliche Identität bleibe seine Ambition. Denn ohne Grösse, ohne die süssen Lebensgewohnheiten und ohne das Glück, hoffen zu können, wäre Frankreich nicht mehr Frankreich, rief Juppé aus. Der 71-jährige Gaullist befeuerte seine Kampagne zwar mit viel Patriotismus, doch distanzierte er sich klar von der „unglücklichen“ und verbitterten Identität seines Hauptrivalen Sarkozy und erst recht von jener der Ultranationalistin Marine Le Pen.

An einer Pressekonferenz übte er auch Kritik an Sarkozys Vorschlag, Internierungslager für Terrorverdächtige zu schaffen. Das drohe auf ein französisches Guantánamo hinauszulaufen und den Rechtsstaat und die Freiheitsrechte auszuhöhlen. Juppé forderte aber doch einen unerbittlichen Kampf gegen den Terrorismus. Solange man sich strikt an die eigenen Prinzipien halte und für die eigenen Werte kämpfe, müsse man keine Angst haben.

Unter Berufung auf den Historiker Fernand Braudel propagierte Juppé eine französische Identität, welche die „Frucht einer kreativen Spannung sei, eines Dialogs zwischen der Diversität unserer Wurzeln und der nationalen Einheit“. Auch würde ein isoliertes, ängstliches und sich abschottendes Frankreich sein ungewöhnlich grosses Gewicht in der Welt verlieren. Juppé erklärte auch seinen Stolz auf die französische Tradition, Fremde aufzunehmen. Allerdings müssten sich jene, die in Frankreich aufgenommen werden, integrieren, was ein anspruchsvoller, komplexer und schwieriger Prozess sei. Dazu formulierte Juppé erst noch drei Bedingungen, die den in Frankreich weitverbreiteten Überfremdungsängsten Rechnung tragen sollen, doch deutlich weniger weit gehen als die Forderungen Sarkozys. So spricht sich Juppé, erstens, für eine restriktivere Einwanderungspolitik aus, die der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit Rechnung tragen soll. Zweitens will er die Bildung ethnisch oder religiös begründeter Parallelgesellschaften verhindern. Allerdings weist Juppé die Forderung Sarkozys nach einer Assimilierung zurück; eine gewisse Verbundenheit mit den Ursprüngen sei legitim, doch dürfe sie gegenüber dem Zugehörigkeitsgefühl zur Nation nicht überhandnehmen. Eine dritte Bedingung sei schliesslich, dass sich die Zuwanderer um das Allgemeingut kümmerten, ohne das es keine Nation geben könne. Sich zu integrieren, bedeute, sich die Prinzipien der Nation anzueignen.

Als ungelöstes Problem identifizierte Juppé die Rolle des Islam. Nach den christlichen Religionen und dem Judentum, die schon lange zu Frankreich gehörten, müsse auch der Islam Wege finden, mit der Republik in Übereinstimmung zu gelangen. Die dritte grosse monotheistische Religion müsse ein Islam von Frankreich werden.

Vorwurf der Naivität

Sarkozy versucht Juppé als Naivling und Weichling zu diskreditieren. Laut Umfragen ist Juppé aber nicht nur der Favorit im Rennen für die Spitzenkandidatur des bürgerlich-konservativen Lagers, das im November Primärwahlen durchführt. Er ist auch der Politiker, der Le Pen schon in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühling schlagen könnte. Bemerkenswert ist auch, dass laut einer Umfrage des „Journal du Dimanche“ weit mehr Franzosen Juppé in der Sicherheitspolitik vertrauen als Sarkozy oder Le Pen.