Als Athen den Bayern Geld schuldete

von Christoph Eisenring / 14.04.2015

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Athen ein Schuldenproblem – gegenüber Bayern. Entgegen einer verbreiteten Meinung hat Griechenland den Kredit Jahrzehnte später getilgt. Dies geschah aber erst auf Druck von Reichskanzler Bismarck. Von Christoph Eisenring, NZZ-Korrespondent in Berlin.

Griechenland ist seit langem ein unsicherer Kantonist, wenn es um die Rückzahlung von Schulden geht. In Deutschland verweist man dabei auf eine Episode aus dem 19. Jahrhundert, als das damalige Königreich Bayern den Griechen Geld auslieh. Wenn Athen Berlin mit fantastischen Reparationsforderungen konfrontiert oder die Rückzahlung einer Zwangsanleihe verlangt, werden jeweils rasch Stimmen laut, die auf die angeblich unbeglichene Schuld Griechenlands gegenüber Bayern aufmerksam machen. Doch die historische Forschung zeigt, dass Bayern und Griechenland die Angelegenheit 1880 beigelegt hatten. Schuldeneintreiber war damals kein Geringerer als der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, dessen Geburtstag sich am 1. April zum 200. Mal jährte.

Romantische Begeisterung

Doch wie kommt Bayern dazu, Griechenland Geld zu leihen? In einem blutigen Befreiungskrieg und mit Unterstützung der Großmächte England, Russland und Frankreich hatte sich Griechenland 1829 die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpft. Die drei Großmächte sahen für Griechenland den Status einer Erbmonarchie vor. König Ludwig I. von Bayern teilte mit vielen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts eine romantische Begeisterung für Griechenland. Er hatte deshalb den Freiheitskampf mit Spenden unterstützt. Es war nicht nur diese Schwärmerei, die ihn dazu bewog, den Großmächten seinen 17-jährigen Sohn Otto als König von Griechenland vorzuschlagen. Ludwig habe zudem die Chance packen wollen, das Ansehen Bayerns, eines deutschen Mittelstaates, im Kreis der deutschen und europäischen Mächte zu erhöhen, schreibt die Historikerin Katharina Weigand. Die Großmächte gingen darauf ein, da, um Konflikte zu vermeiden, niemand aus ihren eigenen Reihen infrage kam. Ab 1835 führte der volljährig gewordene Otto die Regierungsgeschäfte. Ihm zur Seite stand ein Corps von 3.500 Mann aus Bayern. Der lange Krieg hatte das Land ausgezehrt. Es war deshalb auf Kredite zum Wiederaufbau angewiesen. Die drei Großmächte sagten je 20 Millionen Gulden zu – doch die letzte Tranche floss nie.

Ludwig sah sich zunehmend gezwungen, Finanzlöcher zu stopfen. Der König geriet zugleich in Bayern zunehmend in die Defensive. Durch eine Liebschaft mit der Tänzerin Lola Montez hatte er die Monarchie in Verruf gebracht. Auch sorgte das Darlehen an Griechenland ab 1840 im Bayerischen Landtag zunehmend für unangenehme Fragen, wie der Biografie über Ludwig I. von Heinz Gollwitzer zu entnehmen ist. 1848 dankte Ludwig als König ab und überließ dem erstgeborenen Sohn Maximilian den Thron. Damit nahm er auch dem revolutionären Elan die Spitze. Ein Jahr später zahlte er dem Staat Bayern zudem die verbliebenen Schulden Griechenlands zurück. Es waren 1.233.333 Gulden plus aufgelaufene Zinsen von 296.000 Gulden (vier Prozent für sechs Jahre). Nun war Ludwig als Privatmann Gläubiger Griechenlands. Zugleich trat immer klarer zutage, dass sich Ludwig mit dem Griechenland-Abenteuer verkalkuliert hatte.

König Otto wird verjagt

Durch die Kinderlosigkeit von Otto und seiner Gemahlin Amalie stellte sich die Nachfolgefrage. Dazu kam, dass die ständigen Differenzen zwischen den Großmächten das Land destabilisierten. Schließlich wurden König Otto I. von Griechenland und seine Frau Amalie 1862 aus Griechenland verjagt. Aus war der Traum vom Bedeutungszuwachs Bayerns. Schmerzhaft war für Ludwig auch, dass er das Darlehen an die Griechen zu seinen Lebzeiten nicht wieder einbringen konnte. Die Ansprüche wurden nach seinem Tod 1868 an die Nachkommen vererbt.

Neuen Schwung erhielt die Sache erst wieder 1880 durch Otto von Bismarck. Der Reichskanzler schloss sich französischen Vorschlägen an, damit Griechenland seine Grenzen nach Norden erweitern konnte. Bayerische Vertreter nutzten die Gunst der Stunde. Sie baten Berlin, auf Athen Einfluss zu nehmen, damit dieses die Schulden zurückzahle. Bismarck machte sich deren Forderungen zu eigen: Ein Staat, der seine Ehrenschulden nicht zahle, verdiene es nicht, vergrößert zu werden, machte er Athen klar. Er knüpfte somit seine Unterstützung an eine Rückzahlung der Kredite. Griechenland wollte den Kredit über 20 Jahre abstottern, doch die bayerische Königsfamilie bestand auf einer sofortigen Barzahlung. Bei einer Verzinsung von vier Prozent hatte sich die Schuld von 1849 bis 1880 auf 3,1 Millionen Gulden verdoppelt.

Ehrenschulden muss man tilgen

Bismarck legte den Nachfahren Ludwigs jedoch ans Herz, nicht auf Maximalforderungen zu beharren, da es keineswegs sicher war, ob Griechenland letztlich neue Provinzen erhielte. Nach monatelangem Hin und Her war Griechenland schließlich bereit, 2,6 Millionen Franken (es galt die Golddeckung) zu überweisen. Bei einem Kurs von etwa 0,8 Mark pro Franken kommt man auf 2,1 Millionen Mark, was wiederum etwa der ursprünglichen Forderung von 1,23 Millionen Gulden entspricht. Ludwigs Nachfahren erhielten also die ursprünglichen Kredite zurück – verzichteten aber auf die Zinsen. Die Sache war damit erledigt. König Ludwig II., Enkel von Ludwig I., bedankte sich handschriftlich bei Bismarck für dessen Dienste. Dieser schrieb dem „Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten König“ zurück, es habe ihn sehr glücklich gemacht, den Beifall von Ludwig erlangt zu haben.