Die Billiglohn-Insel

von Markus Städeli / 15.04.2015

Großbritannien erlebt wie die Schweiz einen Bevölkerungsboom. Die Wirtschaft wächst rasant, die Arbeitslosigkeit ist tief. Doch die Bevölkerung profitiert bis jetzt nicht vom Aufschwung. Eine Analyse von NZZ-am-Sonntag-Redakteur Markus Städeli.

London ist die sechstgrößte französische Stadt. In der britischen Hauptstadt leben mehr Franzosen als in Straßburg oder Bordeaux. Diese gründen Unternehmen, arbeiten bei Banken und Hedgefonds. Und betreiben eigene Cafés, denn wenn es um Pains au chocolat und Croissants geht, sind die Franzosen chauvinistisch.

Dazu bevölkern hunderttausende junge Polen, Italiener und Spanier Londons Straßen – ganz zu schweigen von den besonders augenfälligen Immigranten aus Commonwealth-Staaten wie Indien oder Nigeria.

Letztes Jahr ließen sich 624.000 Menschen neu auf der Insel nieder, unter ihnen auch 37.000 Personen aus den Armenhäusern der EU, aus Rumänien und Bulgarien. Das ist ein neuer Rekord, selbst wenn man die relativ hohe Zahl an Auswanderern in Abzug bringt: Netto gewann Großbritannien letztes Jahr (per Ende September) 298.000 Einwohner dazu.

Und die jungen Leute finden, was sie zu Hause in vielen Fällen vergeblich gesucht haben: Jobs und unternehmerische Freiheit. Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien liegt mit 5,7 Prozent im europäischen Vergleich sehr tief.

Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die Briten von der Finanzkrise überproportional stark betroffen waren. Von 2008 auf 2009 brach die Wirtschaftsleistung pro Kopf um 6,9% ein. Die europäische Schuldenkrise bremste die Konjunktur dann zusätzlich. Doch nun wächst die Wirtschaft in Großbritannien wieder. Mit 2,8 Prozent sogar wesentlich schneller als in Deutschland, dem wirtschaftlichen Champion der Eurozone.

Es schadet sicher nicht, dass die Bank of England ganz großes Geschütz aufgefahren hat. Sie pumpte, zu heutigen Wechselkursen gerechnet, 540 Milliarden Schweizer Franken in die Wirtschaft und macht bis jetzt keine Anstalten, diese Liquidität wieder abzuschöpfen.

Allerdings ist vier Wochen vor den Wahlen völlig offen, ob die regierende Koalition von Tories und Liberaldemokraten die Früchte des Wirtschaftsbooms auch ernten kann.

Denn dieser Aufschwung wird oft mit dem Attribut joyless, also freudlos, versehen. Wieso? Bis zur Krise kamen die Briten in den Genuss von kaufkraftbereinigten Lohnerhöhungen von 2,6 Prozent pro Jahr. Seither sinken die Reallöhne um 1,2 Prozent per annum.

Diese Entwicklung macht sich auch im europäischen Vergleich bemerkbar. Ein britischer Lohnempfänger kostete seinen Arbeitgeber letztes Jahr im Schnitt 22,30 Euro pro Stunde. Im Vergleich zu den Euro-Kernländern ist das ein Dumpingpreis. Selbst in Italien müssen die Firmen im Schnitt sechs Euro mehr veranschlagen.

Und weil die Angestellten wenig Geld nach Hause tragen, kommt auch der Staat auf keinen grünen Zweig. Trotz Sparanstrengungen und Wirtschaftswachstum gibt der Staat 5,5 Prozent mehr aus, als er einnimmt. Beunruhigend aber ist vor allem der Umstand, dass britische Arbeiter im Vergleich zu anderen Ländern immer unproduktiver werden. Pro geleistete Arbeitsstunde erwirtschaften Briten mittlerweile sogar weniger als Italiener. „Das Fehlen von Produktivitätswachstum während sieben Jahren seit 2007 ist beispiellos in der Nachkriegszeit“, schrieb die nationale Statistikbehörde Anfang April in einem Bericht. Was passiert in Großbritannien? Offenbar investieren die Firmen weniger. Sie substituieren Kapital mit Arbeit. Und das in einer Zeit, wo selbst an Chinas Werkbänken immer mehr Roboter einziehen.

Ökonomen rechnen nun aber mit einer Erholung bei Löhnen und Investitionen. „Private Arbeitgeber reagierten mit rigorosen Kosteneinsparungen auf die Krise – auch mit dem Segen der Gewerkschaften“, sagt Stephen Jones, Anlagechef beim schottischen Vermögensverwalter Kames Capital. „Die zunehmende Diskrepanz zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor hat die Regierung dann dazu veranlasst, die Löhne ebenfalls einzufrieren.“

Doch wieso steigen die Saläre noch immer nicht, trotz dem guten Konjunkturgang? Der britische Arbeitsmarkt sei eben besonders flexibel und kompetitiv, sagt Jones. „Die Arbeitnehmer sind daher zurückhaltend, wenn es darum geht, Lohnerhöhungen zu fordern.“ Nun sieht der Ökonom aber Anzeichen dafür, dass solche Lohnverhandlungen vermehrt stattfinden werden.

Weil gleichzeitig die Teuerung aufgrund der tiefen Energiepreise gegen null tendiert, könnte die Kaufkraft der Briten einen doppelten Schub erfahren. Und da sich die Konjunktur in der Eurozone, dem wichtigsten Handelspartner, erholt, investieren vielleicht auch britische Firmen wieder in Roboter, neue Maschinen oder IT-Systeme.

Für den amtierenden Tory-Regierungschef David Cameron kommt das vielleicht zu spät.