Susana Vera / Reuters

Länderanalyse der NZZ

Gefährdeter Aufschwung Spaniens

von Cornelia Derichsweiler / 08.06.2016

Während das Land derzeit politisch gelähmt ist, glänzt Spaniens Wirtschaft nach Jahren der Rezession wieder mit einem kräftigen Wachstum. Doch die Reformen sind in Gefahr.

José Antonio Peche ist jedes Mal mächtig stolz, wenn er Olivenöl aus eigener Produktion im fernen Australien oder in China im Regal stehen sieht. In fast 30 Länder exportiert die nicht weit von Toledo gelegene Ölmühle der Finca Hualdo das kostbare flüssige Gold, und das durchaus mit Erfolg: Allein im letzten Jahr sind die Einkünfte der Firma um 35 Prozent gestiegen. Sogar in Spanien, dem von der Krise lange Zeit schwer getroffenen Heimatmarkt, sei die Auftragslage inzwischen wieder erfreulich, berichtet Geschäftsführer Peche.

Das Heil im Export gesucht

Krise und Apathie herrschen derzeit kaum in der Wirtschaft, sondern eher in der Politik: Am 26. Juni muss ein neues Parlament gewählt werden, nachdem sich Spaniens Parteien nicht auf ein tragfähiges Regierungsbündnis haben einigen können. Wirtschaftlich prescht das Land, von alledem offenbar unbeeindruckt, weiter voran: Gerade einmal sechs Jahre jung etwa ist das Projekt der Olivenbauern der Finca Hualdo, das 2010 an den Start ging. Es sei ein denkbar ungünstiger Moment gewesen, um in Spanien eine Firma zu gründen, erinnert sich Peche. Das Land litt unter einer schweren Rezession mit rekordhoher Arbeitslosigkeit, der Konsum lag darnieder. Exquisites Olivenöl sei damals kaum auf Nachfrage gestoßen, berichtet José Antonio Peche. Also suchte die Firma ihr Heil im Export.

Heute sitzen die Abnehmer vor allem in China, Taiwan und in Japan, aber auch in Europa, darunter die Schweiz, sowie in den USA und in Kanada. Nahezu 70 Prozent der Produktion sind für das Ausland bestimmt. Gezielt nutzt die junge Mannschaft um Peche auch die neuen Informationstechnologien zur Vermarktung. Die Finca mit ihren über 300.000 Olivenbäumen ist beispielhaft für ein innovatives Unternehmen. Hochwertige spanische Öle haben die internationalen Märkte erobert. Spanien verzeichnet derzeit einen wahren Exportboom. Inzwischen führt das Land bereits mehr als ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. 2009, zu Beginn der Krise, lag der Anteil noch bei 27 Prozent. Dabei haben viele Firmen zunächst aus der Not eine Tugend gemacht und sich im Zuge einer schwächelnden Binnennachfrage auf ausländische Märkte fokussiert. Die von der konservativen Regierung Rajoy verabschiedete Arbeitsmarktreform, die mit sinkenden Löhnen und flexibleren Tarifverträgen einhergegangen ist, hat die Wettbewerbsfähigkeit erhöht und so auch die Exporte beflügelt. Während das Land politisch derzeit gelähmt ist, glänzt es konjunkturell, nach Jahren schwerer Rezession, wieder mit erfreulichen Zahlen: 2015 ist die Wirtschaft um 3,2 Prozent gewachsen, und auch für 2016 wird von der Regierung Rajoy immer noch ein Plus von 2,7 Prozent erwartet.

„Spanien ist ein Land mit enormen Möglichkeiten“, schwärmt Daniel Lacalle, ein gefragter Wirtschaftsexperte, Fondsverwalter und Buchautor. Nicht umsonst gehöre das Land derzeit zu den attraktivsten Investitionsstandorten Europas. Die Arbeitsmarktreform habe wichtige Rahmenbedingungen dafür geschaffen, meint Lacalle. Noch aber sei das vor Jahren eingeleitete Reformwerk nicht beendet, mahnt der Experte. Risiken sieht er vor allem in der politischen Instabilität und der Gefahr, dass bereits eingeleitete Maßnahmen rückgängig gemacht werden könnten.

Das linke Spektrum überschlägt sich schon jetzt mit Versprechungen wachsender Ausgaben und mit Steuererhöhungen. Die linke Protestpartei Podemos sperrt sich gegen jede Sparübung. Sie will zudem die Arbeitsmarktreform rückgängig machen, die unter anderem auch den Kündigungsschutz aufgeweicht hat. Noch kann Spanien vom positiven Image eines Landes profitieren, das sich erfolgreich aus der Krise herausgearbeitet hat: Sollten sich aber radikale Positionen durchsetzen und damit Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen gefährdet werden, droht dem Land laut dem Wirtschaftsexperten Lacalle ein griechisches Desaster.

Dabei ist Spanien lange Zeit als „Musterschüler der Austerität“ gelobt worden. In Zeiten schwerer Rezession hat die konservative Regierung Rajoy eisern gespart und das Defizit zwischen 2011 und 2015 von neun Prozent auf 5,1 Prozent gedrosselt. Im Wahljahr 2015 aber hat man alle guten Vorsätze über Bord geworfen, eilig vor dem Urnengang noch die Einkommenssteuer gesenkt und die Bezüge für Staatsdiener und Rentner erhöht. Zwar hat Brüssel Milde signalisiert und dem spanischen Defizitsünder mehr Zeit zur Budgetsanierung in Aussicht gestellt. Dafür aber müssten bis Ende 2017 etwa acht Milliarden Euro eingespart werden. Wer immer im Land die Zügel übernehmen wird, wird somit einschneidende Budgetkürzungen vornehmen müssen. Sorge bereiten dürften einer neuen Regierung auch die Last der Staatsschulden, die bei hundert Prozent des BIP liegen.

Ein drängendes Problem bleibt ebenso die hohe Arbeitslosigkeit. Zwar ist sie seit 2013 von einem Höchststand von 27 Prozent auf 21 Prozent gesunken. Ein Großteil der neu geschaffenen Jobs aber sind temporär, die Verträge häufig nur auf ein bis zwei Wochen befristet. Sie entstehen zudem in wenig produktiven Bereichen wie im Fremdenverkehr oder in der Bauindustrie. Das neue Wachstum ruht nämlich weitgehend auf altbekannten Säulen wie dem Tourismus.

Mängel im Bildungswesen

Chronische Defizite bestehen auch im spanischen Aus- und Weiterbildungssystem. Der hohe Anteil temporärer Beschäftigung – mit 25 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt von 15 Prozent – führt dazu, dass die Unternehmen wenig in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Hinzu kommt, dass 99,9 Prozent aller Firmen kleine und mittlere Betriebe mit weniger als 250 Angestellten sind. Die Hälfte davon sind Minibetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern. Sie können Fortbildungsmaßnahmen in der Regel nicht aus eigener Kraft stemmen.

Schon bei der Ausbildung aber mangelt es seit Jahrzehnten. Spanien gehört zu den Ländern Europas mit der höchsten Abbrecherquote. 20 Prozent aller Spanier kehren dem Bildungssystem schon mit 18 Jahren den Rücken, ohne einen Abschluss in der Tasche zu haben. Die Abbruchquote ist damit nahezu doppelt so hoch wie diejenige im EU-Schnitt. Mit der Krise hat sich die Situation insofern leicht verbessert, als dass Abschlüsse und Qualifikationen inzwischen unter jungen Leuten eine größere Wertschätzung erfahren. Das führt zu einem in Europa eher ungewöhnlichen Phänomen: In Spanien gibt es sowohl einen sehr hohen Anteil Geringqualifizierter (44 Prozent) als auch viele Universitätsabsolventen (33 Prozent). Ein mittleres Qualifikationsniveau ist hingegen im Land eher wenig vertreten. Dieses Defizit wird mit den fehlenden Angeboten einer adäquaten Berufsausbildung in Verbindung gebracht. Experten fordern schon seit Jahren die Einführung eines dualen Systems nach Schweizer oder deutschem Vorbild. Hier wurden zwar, mit EU-Geldern gefördert, 2012 erste Schritte in diese Richtung unternommen. Bisher haben in Spanien aber nur drei Prozent der jugendlichen Zielgruppe eine duale Berufsausbildung absolviert.

Viele kleinere Betriebe schreckt vor allem die Finanzierung ab sowie die Furcht, teuer ausgebildete Absolventen später an die Konkurrenz zu verlieren. Neue Rezepte aber sind im Land mit einer rekordhohen Jugendarbeitslosigkeit von 46 Prozent dringend gefragt.

Gleichwohl gibt es in Spanien ein großes Potenzial an unternehmerischer Einstellung, nicht nur im Tourismus, sondern auch etwa im Gesundheitswesen, das eine gut ausgebildete Ärzteschaft vorweisen kann und in Bereichen wie Transplantationen international führend ist. Chancen biete auch Spaniens enge Verbindung zu Lateinamerika. Dieser Brückenschlag hat es vielen Firmen, vor allem großen Banken wie Santander oder BBVA, ermöglicht, die Krise weitestgehend unversehrt zu überstehen. Zugleich hat Spanien eine ganze Reihe von Konzernen vorzuweisen, die sich zu Global Players aufgeschwungen haben. Zu ihnen zählen neben den beiden Großbanken etwa der Kommunikationsriese Telefónica sowie mehrere bedeutende Bau- und Infrastrukturunternehmen. Auch in der Bekleidungsindustrie kann das Land mit international erfolgreichen Marken wie Zara oder Mango oder im Hotelgewerbe mit global agierenden Ketten wie Meliá oder NH aufwarten.

Problematisch ist aber, dass Spaniens Wirtschaft extrem von zyklischen Faktoren abhängt. Der Ausbau eines effizienten Bildungssystems und einer dynamischen und innovativen Unternehmensstruktur mit qualifiziertem Personal erfordert im Gegenzug politischen Willen und viel Zeit. Firmen und Anleger dürften nun erst einmal den Atem anhalten und sich mit Investitionen zurückhalten, bis die politische Lage geklärt ist.