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Nach dem Erdbeben

Geisterstadt mit Baukränen: Der Kraftakt von L’Aquila

von Andrea Spalinger / 01.09.2016

Auf der grössten Baustelle Italiens läuft vieles schief. Doch ist der Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben von 2009 nicht nur ein Negativbeispiel.

Romina Muzis Restaurant ist eine Oase inmitten von Staub, Lärm und Chaos. Ein kleines zweistöckiges Häuschen aus dem 18. Jahrhundert im Herzen von L’Aquila. Über sieben Jahre nach dem schweren Erdbeben in der Regionalhauptstadt der Abruzzen ist es noch immer umgeben von Trümmern und riesigen Baustellen. In der Nähe gibt es kein anderes Lokal, keine Geschäfte und auch keine bewohnten Häuser. Tagsüber wimmelt es von Bauarbeitern, viele gelbe Kräne am Himmel vermitteln ein Gefühl der Geschäftigkeit. Doch nachts gleichen weite Teile des Stadtkerns einer Geisterstadt – schwarz und totenstill.

Ghettos in der Peripherie

Rominas Eltern hatten die «Locanda Aquilana da Lincosta» vor über 40 Jahren aufgemacht. Heute führt die Mittvierzigerin den Betrieb. Sie kocht, ihr Mann kümmert sich um die Gäste. Oft helfen die Kinder im Service mit, am Wochenende steht auch die Mutter noch immer gerne in der Küche. An diesem Abend sind nur wenige Tische besetzt. «Viele Touristen sind nach dem Erdbeben abgereist», erzählt die Wirtin, «und auch den Einheimischen ist wohl nicht so ums Ausgehen.» Das Erdbeben, das letzte Woche vier Ortschaften in den Nachbarregionen Latium und Marken zerstörte, hat auch die Bewohner von L’Aquila aus dem Schlaf gerissen und bei vielen schreckliche Erinnerungen wachgerufen.

L’Aquila war am 6. April 2009 selbst von einem schweren Beben stark zerstört worden. Über 300 Personen kamen damals ums Leben, 1500 wurden verletzt. 24 000 Personen mussten längerfristig in Notunterkünften untergebracht werden. Bis heute warten 18 000 von ihnen noch immer darauf, in ihre Häuser zurückzukehren.

Giuliano Bruno ist einer von ihnen. Er lebt mit seiner Freundin Franca seit 2010 in einer der 19 Siedlungen, welche die Regierung Berlusconi nach dem Beben in aller Eile aus dem Boden hatte stampfen lassen. Zuerst waren die beiden in einem Wohnwagen untergekommen. Dann im Haus einer Freundin. Dann in einer provisorischen Unterkunft. Bis sie schliesslich in einer unwirtlichen Siedlung in Assergi am Fusse des Gran-Sasso-Massivs landeten.

Vier grosse Wohnblöcke mit 96 Wohnungen wurden hier errichtet. Viele davon stehen leer. Wer konnte, ist längst weggezogen. «Die Wohnungen sind sehr klein», sagt Giuliano. «Das grösste Problem ist aber, dass dieses Ghetto 15 Kilometer ausserhalb der Stadt liegt und es weit und breit keinen Supermarkt, keine Schule und auch sonst nichts gibt.» Für den 54-Jährigen ist dies umso schwieriger, als er blind ist und sich sowieso nur schwer bewegen kann.

Der Bau der provisorischen Siedlungen, in denen heute noch 12 000 Personen leben, hat 800 Millionen Euro verschlugen. Dennoch befinden sich viele der Häuser bereits in einem lamentablen Zustand. All jenen, die wie Giuliano ein Haus besassen, das durch die Naturkatastrophe unbewohnbar wurde, zahlt der Staat den Wiederaufbau. Doch das Prozedere ist nach seinen Worten bürokratisch und unendlich langsam.

«In der Strasse, in der wir wohnten, haben die Arbeiten noch nicht einmal begonnen», erzählt Franca niedergeschlagen. «Plünderer haben längst alles aus unserem Haus geholt, was sie konnten.» Die beiden sind nicht optimistisch. «Es wird noch Jahre dauern, bis wir hier wegkommen. Wahrscheinlich werden die Leute in Amatrice und den anderen kürzlich verwüsteten Orten vor uns wieder in ihre Häuser einziehen», sagt Giuliano nüchtern.

Bankrotte Kleinunternehmer

Romina und ihre Familie hatten etwas mehr Glück. Aber auch sie mussten dreieinhalb Jahre warten, bis sie in ihr Haus zurückkehren und das Restaurant wieder eröffnen konnten. Im Gegensatz zu vielen anderen Hausbesitzern im historischen Zentrum hatte die Familie Muzi das Gebäude gegen Erdbeben sichern lassen, weshalb es das Ereignis fast unbeschädigt überstand. Doch die meisten Häuser rundherum waren zerstört oder einsturzgefährdet, und auch alle Zufahrtsstrassen waren blockiert. Deshalb wurde auch ihr Haus als unbenutzbar eingestuft.

Seit Juli 2012 ist das Restaurant wieder offen, und bis heute ist es eines von ganz wenigen im Zentrum. Die traditionellen Lokale hatten nach dem Beben alle zumachen müssen. Entlang der Hauptachse, dem Corso Vittorio Emanuele, sind in den letzten Jahren zwar einige neue Bars und Pubs aus dem Boden geschossen, in denen sich abends die Studenten treffen. Doch die eingesessenen Wirte und Ladenbesitzer sind wie die meisten Bewohner noch nicht zurückgekehrt.

Celso Cioni, Besitzer einer Konditorei und Direktor des Detailhandelsverbandes der Region Abruzzen, sagt, die kleinen und mittleren Unternehmen in der Stadt brauchten dringend Hilfe. Über tausend Geschäfte hätten das Centro Storico verlassen müssen, und bis heute seien erst 60 zurückgekehrt. Leider bekämen die Firmen kaum Unterstützung vom Staat, und weil der Wiederaufbau nicht vom Fleck komme, stehe heute vielen das Wasser bis zum Hals. Ein Viertel der Geschäfte sei in der Zwischenzeit Konkurs gegangen, viele weitere seien abgewandert. «Wir Detailhändler haben eine wichtige soziale Funktion. Ohne Zeitungsstände und Lebensmittelläden wird diese Stadt nie mehr zur Normalität zurückfinden», warnt der Kleinunternehmer.

Fehlende Kontrollen

Die offizielle Version tönt optimistischer. In der Peripherie seien die meisten Häuser mittlerweile wieder aufgebaut, sagt Raniero Fabrizi vom Ufficio Speciale per la Ricostruzione dell’Aquila. Im Centro Storico habe es zwar Verzögerungen gegeben. Bei der Hälfte der Objekte hätten die Bauarbeiten mittlerweile aber begonnen. Bis 2023 werde der Wiederaufbau abgeschlossen sein, sagt der Ingenieur. Er gibt zu, dass es in der Vergangenheit Probleme gegeben habe, mittlerweile sei aber alles unter Kontrolle, behauptet er.

Aktivisten und Bürgerorganisationen klagen jedoch, dass Korruption und Missmanagement noch immer verbreitet seien. Obwohl bereits über 12 Milliarden Euro nach L’Aquila geflossen seien, komme die grösste Baustelle Italiens nicht vom Fleck, schimpfen sie. Angelo Venti, der für die Anti-Mafia-Organisation «Libera» verschiedene Projekte durchleuchtet hat, sagt, das Hauptproblem sei das Fehlen von Kontrollen. Nach dem Beben seien enorme Summen nach L’Aquila geflossen, doch habe es – wie so oft in Italien – an den Ressourcen gefehlt, um deren Verwendung zu prüfen.

Insbesondere beim Bau der «New Towns» zur Unterbringung von Obdachlosen wurde demnach viel Geld verschwendet. Doch auch beim staatlich finanzierten privaten Wiederaufbau betrügen laut Venti viele Hausbesitzer und Baufirmen, und selbst bei Arbeiten an öffentlichen Gebäuden kommt es zu Unregelmässigkeiten. Der Staat verliere dadurch bei jedem grösseren Projekt Millionen von Euro, sagt er. Leider profitierten davon auch Firmen, die der Mafia nahestünden. Doch sei es fast unmöglich, Akteneinsicht zu bekommen und den Betrug zu beweisen.

Dank Libera und anderen Organisationen sind in den letzten Jahren einige haarsträubende Skandale publik geworden und auch hohe Beamte vor Gericht gestellt worden. «Was bekanntwurde, ist aber nur die Spitze des Eisbergs», sagt Venti. «Ganz abgesehen davon ziehen sich die Verfahren ewig hin, und die meisten dürften am Ende wegen Verjährung mit einem Freispruch enden.»

In den Medien wird L’Aquila dieser Tage gerne als Negativbeispiel für staatliches Katastrophenmanagement zitiert. Im Fall von Amatrice gelte es, die hier gemachten Fehler zu vermeiden, lautet der Tenor. Die meisten Gesprächspartner in L’Aquila sind jedoch der Meinung, dass sich das Beben von 2009 nicht mit jenem von 2016 vergleichen lasse. Zwar hatten sie eine ähnliche Stärke und forderten ungefähr gleich viele Opfer. Was die Zerstörung von Bausubstanz und damit die Kosten des Wiederaufbaus angeht, liegen aber Welten zwischen den beiden Ereignissen.

80 Prozent denkmalgeschützt

Die vor einer Woche zerstörten Gemeinden Amatrice, Accumoli, Arquata und Pescara del Tronto hatten wenige tausend Einwohner und eine überschaubare Anzahl geschützter Gebäude. In L’Aquila hingegen lebten vor dem Beben 70 000 Personen, und es wurde eines der grössten historischen Zentren Italiens zerstört, mit einem reichen antiken und mittelalterlichen Erbe und unzähligen Kirchen und Palazzi aus der Zeit von Renaissance und Barock.

«Der Wiederaufbau von L’Aquila ist ein unvergleichlicher Kraftakt», sagt die auf Restaurationen spezialisierte Architektin Camilla Inverardi. «80 Prozent der Bauten im Centro Storico sind denkmalgeschützt. Historische Gebäude können nicht einfach abgerissen werden, auch wenn sie schwer beschädigt sind. Und ihre Restaurierung ist sehr teurer und zeitaufwendig.»

Am Anfang hätten die Behörden alles überstürzen wollen, erzählt die Architektin. Das habe zu Problemen geführt. Die Verantwortlichkeiten seien unklar gewesen, und man habe schlecht geplant. «Von einem völligen Versagen in L’Aquila zu sprechen, ist aber unfair. Die Erwartungen waren anfangs einfach unrealistisch», sagt die Architektin. «Ich verstehe, dass jene, die ihr Zuhause verloren haben, langsam ungeduldig werden. Ein kulturelles Erbe dieses Kalibers wieder aufzubauen, braucht aber leider zwanzig bis dreissig Jahre. Umso mehr, als nach den geltenden Vorschriften nicht nur die Struktur der historischen Gebäude bewahrt werden muss, sondern diese auch erdbebensicherer gemacht werden müssen.»

«Solche Tragödien bedeuten immer auch neue Chancen», betont Inverardi. «Aus einer im Mittelalter entstandenen Siedlung können wir bei dieser Restauration eine intelligente Avantgarde-Stadt machen, die nicht nur viel sicherer sein wird, sondern auch moderner, nachhaltiger und umweltgerechter.» So seien unterirdische Kanäle für Strom-, Wasser- und Gaszufuhr geplant sowie ein Glasfasernetz. Das bedeute zwar zusätzliche Investitionen, werde sich aber mehr als auszahlen, erklärt sie.

Hat man Lehren gezogen?

Wie vorbildlich die geplante «Smart City» dann tatsächlich wird, muss sich zeigen. Inwiefern man in Rom die Lehren aus den Fehlern beim Wiederaufbau in L’Aquila gezogen hat, ebenfalls. Italiens Ministerpräsident, Matteo Renzi, scheint sich bewusst, dass das Thema einiges politisches Sprengpotenzial birgt. Nach der Trauerfeier in Amatrice am Dienstag versicherte er, diesmal werde genau kontrolliert, wo die Gelder hinflössen. Er werde persönlich dafür sorgen, dass sich niemand mehr am Unglück der Menschen bereichere.

Dabei dürfte Renzi zugutekommen, dass die Dimensionen diesmal überschaubarer sind. Zudem hat der Regierungschef kurz nach seinem Amtsantritt eine Antikorruptionsbehörde geschaffen, deren Chef sich seither einigen Respekt verschafft hat. Raffaele Cantone soll auf Renzis Geheiss nun auch den Wiederaufbau im Erdbebengebiet überwachen. Der Aktivist Venti befürchtet allerdings, dass dies wenig bringen werde. Die Antikorruptionsbehörde habe wenig Personal, um Beamte zu überwachen, die im Geschäft des Betruges sehr erfahren seien.