Luke Macgregor / Bloomberg

Britisches EU-Referendum

Gespaltene Bauernseele

von Markus M. Haefliger / 20.06.2016

Laut dem britischen Bauernverband überleben viele Betriebe auf der Insel nur dank Brüsseler Agrarsubventionen. Warum wollen die meisten Bauern trotzdem für den EU-Austritt stimmen? Ein Augenschein in Westengland.

In den Wochen vor der Volksabstimmung über die britische EU-Mitgliedschaft ist in öffentlichen Debatten, im Parlament und in den Medien gestritten worden, dass die Fetzen flogen. Aber im Straßenbild fällt der Abstimmungskampf kaum auf. Es gibt keine Plakate wie vor Wahlen, bloß Handzettel, die Aktivisten vor Supermärkten oder in Fußgängerzonen verteilen. Eine Ausnahme ist der Landkreis Worcestershire in Westengland. Entlang der Landstraßen haben Bauern Stangen mit roten Plakaten in ihre Felder gerammt. Darauf steht immer das Gleiche: „Leave“ – die EU verlassen.

Brüssel als Feind und Helfer

Bauernland ist Brexit-Land, praktisch überall in England. Den offiziellen Vertretern der National Farming Union, des Bauernverbands, ist das ein bisschen peinlich. Die Ökonomen der Vereinigung haben die Zahlen durchgerechnet und kamen zum Schluss, dass sich die Mitgliedschaft in der Europäischen Union unter dem Strich lohnt. Großbritannien erhält aus Brüssel aus dem Subventionstopf der gemeinsamen Agrarpolitik über drei Milliarden Pfund pro Jahr und ist damit der fünftgrößte Empfänger der EU-Beihilfen. Diese machen durchschnittlich 55 Prozent der Einkommen von britischen Bauern aus. Dazu kommt der Zugang zum Binnenmarkt; die Produzenten von britischem Schaffleisch beispielsweise exportieren 40 Prozent ihrer Produktion allein nach Frankreich.

Die Bauern in der Umgebung von Worcester schauen jedoch souverän über solche Tatsachen hinweg. Keith Tolley, ein 66-jähriger Viehzüchter, räumt ein, dass er am Tropf der Europäischen Union hänge. Er züchtet auf seinem 240-Hektaren-Hof etwa 100 Rinder und 350 Schafe. „Als Bauer müsste ich für die EU stimmen, aber ich setze die Subventionen gerne aufs Spiel“, sagt er. Anführer des Brexit-Lagers versprechen – ganz so, als bildeten sie schon die Regierung –, die Brüsseler Fördergelder würden nach einem EU-Austritt gleichwertig ersetzt. Tolley glaubt, dass das Versprechen mindestens für die nächsten Jahre gilt, längerfristig ist er nicht so sicher. „Aber das ist nun einmal das Risiko“, sagt er.

Wortkarg im Viehmarkt

Die Landwirte äußern allgemein euroskeptische Meinungen, wie man sie auch in anderen Bevölkerungsschichten hört: Einwanderung, fremde Richter, erschwerte Rechtsdurchsetzung, so lauten die Gründe für einen EU-Austritt. Er könne sich gut an das letzte EU-Referendum von 1975 erinnern, sagt Tolley. Damals habe er als junger Bürger einer Handelsnation Ja zum Beitritt gestimmt, „aber nicht, um von Brüssel regiert zu werden“. Am Mittwoch verkaufte Tolley im Viehmarkt von Worcester für insgesamt über 2700 Pfund drei Rinder. „Ein guter Tag“, sagt er in der Kantine des Auktionshauses und bestellt Toast mit Wurst und weißen Bohnen und einen Becher Tee.

Worcester erfüllt noch immer die alte Funktion als Marktstadt, aber der Viehmarkt hat wenig mit ländlicher Romantik zu tun. Er wird kommerziell betrieben und liegt außerhalb der Stadt an der Autobahn. Am Vormittag werden die Schafe im Dutzend versteigert, am Mittag ist die Reihe an den Rindern. Sie werden einzeln gewogen und in eine Arena getrieben. Am Geländer stehen Metzger und geben dem Auktionator durch unmerkliche Gesten zu verstehen, ob sie bieten. Der Preis schwankt zwischen 1 Pfund 70 Cents und knapp über 2 Pfund pro Kilo. Die Rinder brüllen und schnauben und bäumen sich auf. Die Versteigerung dauert pro Exemplar eine halbe Minute, dann donnern die verwirrten Tiere eine Bahn hinunter, wo sie in Gehege getrieben werden.

Die Bauern tragen karierte Hemden, Gummistiefel, gewachste Jacken und Mützen aus grünem Tweed. Viele antworten einsilbig und wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Nicht nur als Bürger, auch als Landwirt könne er den Brexit kaum erwarten, sagt ein 60-jähriger Bauer, der auf seinem 400-Hektaren-Mischbetrieb Kälber züchtet sowie Weizen und Gerste anbaut. Die Brüsseler Bürokratie ist ihm verhasst, beispielsweise die Richtlinie, die jährlich rotierende Fruchtfolgen vorschreibt. Pro Woche sitze er einen Tag im Büro und widme sich dem „Papierkrieg“ mit den Behörden in Brüssel und deren verlängertem Arm, dem britischen Landwirtschaftsdepartement.

Andere, mit einer Mischung aus Spott und Abscheu genannte Gesetze sind Verbote wie jenes, dass Feldhecken vor September geschnitten werden, oder das Verbot, Dachse wie früher durch Vergasen in ihren Bauten zu töten. (Dachse übertragen das Tiertuberkulose-Bakterium und dürfen von Jägern geschossen werden.)

Biobäuerin zeigt Flagge

Nur wenige Bauern entziehen sich dem sozialen Druck, öffentlich und am Stammtisch dem Brexit das Wort zu reden. Zu ihnen gehört das Ehepaar Melanie und Adrian Steele, das 20 Kilometer südöstlich von Worcester einen großen Biobauernhof (360 Hektaren) betreibt. Zusätzlich zu ihrer Chapel Farm bewirtschaften die Steeles rund 150 Hektaren Land von ausländischen Investoren. Laut Adrian erlaubt die stattliche Größe, die wirtschaftlichen Nachteile des im Vergleich zum konventionellen Anbau weniger intensiven Biobetriebs wettzumachen. Die Familie bezieht ein Drittel ihres Einkommens von EU-Subventionen, eingeschlossen Beihilfen zum Landschaftsschutz.

Die britischen Landwirte würden mit dem Versprechen auf eine Fortführung der EU-Subventionen unter anderem Titel hinters Licht geführt, glaubt Melanie Steele. Das Brexit-Lager sei weder eine Partei noch eine Regierung, sondern bloß eine Allianz. „Sie können überhaupt gar nichts versprechen“, sagt sie, „was folgt fünf oder zehn Jahre nach einem Brexit?“ Mit etwas über 200.000 Bauernhöfen und knapp einer halben Million Beschäftigten hat der Sektor eine schwache Lobby. Mit Bauerninteressen sei in Großbritannien keine Politik mehr zu machen, sagt die Landwirtin. Laut den Steeles ist die EU-Agrarpolitik „eine Art Versicherung“, wirtschaftlich, aber auch was die Erhaltung von Standards im Umwelt- und Tierschutz angeht.

Die Chapel Farm liegt am Fuß der nördlichen Ausläufer der Cotswolds. Die Felder werden abwechslungsweise mit Klee, Getreide und Grasland angebaut. Sie sind von Hecken begrenzt und mit Eichen durchsetzt, Feldlerchen zwitschern im Gras. Auf etwa vier Hektaren kultiviert ein Pächter Biogemüse, das er wöchentlich im Bauernmarkt von Stroud und im Direktverkauf absetzt. Er kann davon leben, wenn auch bescheiden. Über dem Giebel des backsteinroten Wirtschaftsgebäudes erhebt sich ein Glockenturm, dessen Geläut früher die Arbeiter zusammenrief. Der Hofhund jagt der Hauskatze eine tote Maus ab.

Die gute alte Zeit

Melanie Steele macht sich Sorgen um die Zukunft. Ohne Rückendeckung durch die EU könnten sich Betriebe wie der ihrige nicht halten, befürchtet sie. Seit sie offen für den Verbleib in der EU wirbt, hat sie ihre Hausaufgaben gemacht. Sie weiß, dass das Verbot, die Hecken vor dem September zu schneiden, nicht von der EU stammt, wie immer behauptet wird, sondern vom Westminster-Parlament; es kam auf Druck der britischen Vogelschutzvereinigung zustande. Auch die Anordnung betreffend Tötungsmethoden bei Dachsen wurde von der nationalen Behörde erlassen, weil die Vergasung im Bau die Erstellung von Statistiken über die Zahl der getöteten Tiere verunmöglicht. „Die EU ist ein Sündenbock“, sagt die Bäuerin.

Laut Berechnungen sind die Agrarpreise in den letzten 15 Jahren real um ein Drittel gesunken. Zu den existenziellen Sorgen der Landwirte komme bäuerliche Nostalgie, sagt Steele. Das Durchschnittsalter der britischen Bauern liegt bei 59 Jahren. Viele müssten arbeiten, bis sie umfielen; „sie können sich keine Rente leisten“. Die Alten träumten von den guten alten Zeiten, als die Ernährungssicherheit der ganzen Nation von ihnen abhing. Adrian Steele ist weniger pessimistisch. Er ist sich nicht sicher, ob die Bauern tatsächlich für den EU-Austritt stimmen werden. Viele machten sich nur gegenseitig Mut, aber am Ende bekämen sie doch kalte Füße – das zumindest hoffen die Steeles.