Gesundheitsversorgung mit halber Dosierung

von Marco Kauffmann Bossart / 17.04.2015

Griechenlands Finanzkrise hat die Regierung zu harten Einschnitten im Gesundheitswesen gezwungen. Das hat zu teilweise fragwürdigen Resultaten geführt, wie ein Augenschein von NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart auf der Insel Samos zeigt.

Es sind Entscheide über Leben und Tod, die im Spital von Vathy gefällt werden – nicht im Operationssaal, sondern in der Telefonzentrale. Dort wird in Absprache mit einem Arzt entschieden, wohin die einzige voll funktionsfähige Ambulanz fährt. Einmal waren die Rettungsleute auf der kurvenreichen, 33.800 Einwohner zählenden Insel unterwegs, um das Opfer eines Verkehrsunfalls zu versorgen. Einen Infarktpatienten, der gleichzeitig Hilfe gebraucht hätte, erreichten sie erst, als dieser schon tot war. Bis in entlegene Winkel der Insel braucht die Ambulanz zwei Stunden.

Psychiatrie ohne Psychiater

In der Notfallstation stößt der Krankenpfleger Stamatis Filippis die Türe zum Vorplatz auf und zeigt drei Ambulanzen auf dem Parkplatz. „Für zwei der drei Fahrzeuge haben wir kein Personal“, sagt er. Manchmal würden Patienten von ihren Angehörigen mit dem Kleinlastwagen eines Bauern ins Spital transportiert. „Wie in einem Drittweltland“, empört sich der Pfleger auf dem von Palmen umgebenen Spitalparkplatz. Wieder drinnen, führt Filippis durch Gänge mit blauen Linoleumböden. Verschiedene Uhren im Gebäude, das 1948 errichtet worden ist, stehen still, und die letzte Renovation liegt zwei Jahrzehnte zurück. Der Krise zum Opfer gefallen sind manche Behandlungsangebote: Es gibt zwar eine Psychiatrieabteilung, aber keinen Psychiater. Ärzte, Pfleger und das administrative Personal wurden frühzeitig pensioniert. Für die Chemotherapie würden die Patienten jetzt nach Athen geschickt. Engpässe treten auch bei medizinischen Geräten und Materialien auf. So müssen sich die Notfallabteilung und die Maternité ein EKG-Messgerät teilen, und manchmal fehlt es an Kathetern und Spritzen.

Der Pfleger Filippis, der in der Gewerkschaft des Gesundheitspersonals organisiert ist, stellt nicht in Abrede, dass im Gesundheitswesen teilweise übermarcht wurde, besonders bei der Medikamentenabgabe. Aufgrund regulativer Bestimmungen hatten die Ärzte keine Anreize, kostengünstigere Generika zu verschreiben. Stattdessen wurden Originalmedikamente abgegeben und mit Steuergeldern finanziert – 2010 wurden dafür 4,37 Milliarden Euro aufgewendet. Griechenland habe zu lang mehr, als was nötig war, für das Gesundheitswesen ausgegeben, notierten Experten der Europäischen Kommission bereits 2010. Vereinbart wurde daher, mithilfe von Strukturreformen die Effektivität des Gesundheitssektors zu erhöhen.

Am falschen Ort gespart?

Trotz der unabdingbaren Entschlackung fragt man sich, ob nicht falsche Akzente gesetzt wurden. Wie ein Wissenschafterteam der Universitäten Cambridge und Oxford sowie eines Londoner Instituts in einem Beitrag für „The Lancet“ darlegte, sind in Griechenland erstmals seit 40 Jahren wieder Malariafälle aufgetreten. Zuvor war das Budget für Sprühaktionen gegen Moskitos gestrichen worden. Zwischen 2007 – zwei Jahre vor der Krise – und 2011, als die wirtschaftlichen Verwerfungen auf ihren Höhepunkt zusteuerten, stieg die Zahl der Selbstmorde um 45 Prozent an. Drastisch zurückgefahren wurden in der ersten Sparrunde auch die Betreuungsprogramme für Drogenabhängige, mit der Konsequenz, dass die Zahl der HIV-Infizierten rasant zunahm. Laut den Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sanken die Gesundheitsausgaben pro Kopf zwischen 2009 und 2012 um rund 20 Prozent auf 2.400 Dollar (kaufkraftbereinigt), was ungefähr dem Niveau von 2005 entspricht.

Abbau mit dem Fleischermesser

Während manche Griechen dazu neigen, die Verantwortung für die Ausgestaltung der Sparpolitik den „Institutionen“ zuzuschieben, sagte der ehemalige Gesundheitsminister Andreas Loverdos, die griechische Bürokratie greife zum Fleischermesser, um die Vorgaben der Kreditgeber zu erreichen. Aus dem Umfeld der „Institutionen“ ist zu hören, dass die Griechen Spielräume für eine sinnvolle Sparstrategie nicht genutzt hätten.

Samos liegt nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt und hat daher eine hohe Militärpräsenz. Diesen Umstand machen sich die Gesundheitsbehörden jetzt zunutze. In Notfällen kann die Ambulanz der Armee angefordert werden, und es besteht die Möglichkeit, psychisch Kranke durch einen Militärarzt behandeln zu lassen. In verschiedenen griechischen Regionen geben Hilfsorganisationen Medikamente an Bedürftige ab, zumal 2,5 der 11 Millionen Griechen nicht mehr krankenversichert sind. Der Anfang des Jahres gewählte Ministerpräsident Alexis Tsipras klagte über die „barbarischen Zustände“ im öffentlichen Gesundheitswesen – es sei ein Opfer der Austerität. Tsipras versprach, den Stellenetat wieder aufzustocken.

Wie in anderen Regionen Griechenlands gibt es auch auf Samos privat praktizierende Ärzte, doch können sich nur wenige eine solche Behandlung leisten. Seit 2010 ist das real verfügbare Einkommen der Haushalte um rund ein Drittel eingebrochen. Stamatis Filippis, der Pfleger im Inselspital von Vathy, musste eine Lohneinbuße von nahezu 50 Prozent hinnehmen: Trotz 25 Jahren Diensterfahrung erhalte er monatlich nur noch 850 Euro. Für den einstündigen Flug in die Hauptstadt Athen geht für ein Retourticket rund ein Fünftel des Monatssalärs weg. Inselbewohner berichten von einem stark redimensionierten Flugangebot im Zuge der Krise, was dazu geführt habe, dass sich die Preise nahezu verdoppelt hätten. Die Alternative – eine zehnstündige Reise auf veralteten Fähren – ist gerade für Patienten, die einer Behandlung wegen nach Athen müssen, kaum zumutbar.

Versteckte Armut

Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass die Bars und Cafés an der Strandpromenade von Vathy gut besetzt sind, obwohl die Touristensaison noch nicht begonnen hat. Einheimische sitzen allerdings sehr lange vor der immer selben Kaffeetasse, und in der größten Inselstadt richten sich einige Geschäfte an einkommensschwache Schichten. Die katholische Kirche, deren Bau dringend eine Renovation nötig hätte, vermietet das Erdgeschoss an chinesische Händler, die Hosen und Blusen ab drei Euro verkaufen. Dass Hausfrauen bei gemeinnützigen Einrichtungen ihr Essen holen und dies aus Scham vor der eigenen Familie verbergen, hört man vielerorts in Griechenland.

An seinem freien Tag will Filippis dem ausländischen Besucher noch einen Bekannten vorstellen. Filippis, der schon bei einem früheren Treffen in Athen dieselben Kleider trug, fährt einen zerkratzten Kleinwagen, dessen Steuer halb abgebrochen ist, zur Kooperative der Weinbauern. Er will zeigen, wie die wirtschaftlichen Verwirrungen nicht bloß das Gesundheitswesen in Mitleidenschaft gezogen haben.

Samos’ 3000 Winzer produzieren auf kleinen Flächen einen süßen Muscat, der vor allem nach Frankreich, aber auch nach China exportiert wird. Der Weinbauer Stelios Giannikakis sorgt sich aber nicht primär um den Absatz. Finanziell in der Bredouille befinde sich die Kooperative wegen des massiven Anstiegs der Liegenschaftssteuern und wegen der höheren Kreditzinsen: „2010 mussten wir für unser Darlehen einen Zins von 2,7 Prozent bezahlen, jetzt beträgt er 11,75 Prozent – so einen Sprung könnte nicht einmal ein Konzern wie Coca-Cola bewältigen“, beklagt sich Giannikakis.

Die ägäische Insel, die den Mathematiker Pythagoras zu ihren berühmtesten Bürgern zählt, gab bei der Parlamentswahl vom Januar ihre Stimme mehrheitlich dem Bündnis der radikalen Linken SYRIZA, die nur knapp eine absolute Mehrheit verpasst hat. In einem Café an der Uferpromenade sind die Meinungen darüber, ob man an einen wirtschaftlichen Umschwung unter der linken Regierung glauben soll, geteilt. Die Besitzerin einer Pension meint, ausschlaggebend für Samos sei der Tourismus, und ob „die Deutschen“ weiterhin auf der Insel Ferien machten.

Keine Hilfe aus Athen

Stamatis Filippis, der Krankenpfleger, erzählt, wie er nach dem Regierungswechsel mit einer Delegation des Inselspitals nach Athen gereist sei, wo sie vom stellvertretenden Gesundheitsminister empfangen wurden. Hoffnung darauf, dass sich das Gesundheitswesen wieder an das Vorkrisenniveau heranführen ließe, kam offenbar nicht auf. Ebenso wie andere öffentliche Einrichtungen wurde auch das Spital von Vathy offenbar „gebeten“, finanzielle Reserven an die Zentralregierung abzuliefern. Diese muss jeden Euro zusammenkratzen, um die nächste Schuldenzahlung zu begleichen.