Griechische Börse hat ein Wunder nötig

von Christof Leisinger / 31.03.2015

Die allgemeine Euphorie an den europäischen Aktienmärkten geht am griechischen Aktienmarkt vorbei. Die Finanzwerte spiegeln die Folgen der erratischen Politik der Regierung wider. Eine Analyse von Christof Leisinger aus der NZZ-Wirtschaftsredaktion.

Die griechische Börse gehört zu den schwächsten weltweit. Auf ein Jahr betrachtet hat der Athens-Composite-Index umgerechnet in Franken bis zu 54 Prozent seines Wertes verloren, während der Swiss-Market-Index (SMI) im gleichen Zeitraum – trotz wechselkursbedingten Kursrückschlags am 15. Januar – um bis zu 14 Prozent zugelegt hat.

Schwache Kursentwicklung

In der Schweiz zogen Aktien wie jene von Novartis, Actelion, Givaudan, Swiss Re, Geberit, Julius Bär, aber auch die von Zurich mit Kursavancen zwischen gut 20 Prozent und knapp 35 Prozent den Index nach oben. In Griechenland hingegen wurde die Entwicklung des breiter gefassten Marktbarometers vor allem von den Finanzwerten belastet. Die Valoren der Piräus Bank etwa haben in den vergangenen zwölf Monaten fast 82 Prozent ihres Wertes verloren, die der Eurobank Ergasias 80 Prozent, die der Marvin Investment Group 76 Prozent, jene der National Bank of Greece 72 Prozent und die der Alpha Bank 61 Prozent.

Die Kurseinbußen in Athen waren jedoch keineswegs nur auf den Finanzsektor beschränkt. Denn die wegen der hohen Staatsverschuldung notwendig gewordenen Sparmaßnahmen haben das Wirtschaftswachstum Griechenlands belastet und indirekt auch die operative Entwicklung der Industrieunternehmen. Aus diesem Grund haben zum Beispiel die Aktien des Ingenieur- und Bauunternehmens J&P-Avax, des Stahlunternehmens Sidenor und des Verpackungsmaterial-Herstellers Frigoglass auf Jahressicht um knapp 65 bis 77 Prozent nachgegeben. Vor allem bei den Finanzwerten scheint derzeit der Trend nach unten unaufhaltsam zu sein.

Das war nicht immer so. Man kann es angesichts der Griechenland-Querelen kaum glauben, aber vor dem Höhepunkt der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise zählte die griechische Börse zu den Überfliegern an den internationalen Aktienmärkten. Ausgehend von einem Tief im März 2003 legte der Athens-Stock-Exchange-General-Index bis Ende 2007 um bis zu 400 Prozent zu, die Kurse der Finanzwerte stiegen sogar noch stärker. Damals konnten die Schweizer und die europäischen Börsen mit Athen nicht mithalten.

Inzwischen hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Hatte die griechische Wirtschaft, vor allem die Banken, nach der Einführung des Euro von den tiefen Zinsen und von einer kreditinduzierten Wachstumseuphorie profitiert und an der Börse enorme Bewertungsniveaus erreicht, so ist heute nicht mehr viel davon übrig. Die National Bank of Greece zählt zwar mit einer Börsenkapitalisierung von 3,8 Milliarden Euro bei einem Kurs von 1,10 Euro noch zu den wertvollsten Unternehmen. Im November 2007 wurden für diese Aktien noch Spitzenkurse von bis zu 390 Euro bezahlt. Anleger, die die Valoren damals erworben und gehalten haben, verloren fast ihr ganzes Kapital. Die Inhaber anderer Finanzwerte mussten ähnliche Einbußen hinnehmen.

Die weiteren Aussichten in diesem Bereich sind wenig ermutigend. Denn die griechische Wirtschaft leidet unter einer Verunsicherung, die von der erratischen Verhaltensweise der seit kurzem amtierenden Linksregierung ausgeht. Zuvor hatte es so ausgesehen, als ob die griechische Wirtschaft von den Restrukturierungsversuchen der Vorgängerregierungen profitieren und sich auf tiefer Basis erholen könnte.

Die politischen Wirren haben das zarte Pflänzchen geknickt und die Wachstums- und Finanzierungsschwierigkeiten des Staates wieder in den Vordergrund gerückt. Das spüren vor allem die Banken. Ihre Kapitalbasis schwindet, weil Anleger ihre Ersparnisse abziehen. Sie gilt zwar noch als ausreichend, allerdings nur, weil die Europäische Zentralbank großzügig sogenannte ELA-Mittel bereitstellt und weil steuerliche Verlustvorträge gegen den klammen Staat geltend gemacht werden. Die von einem Zahlungsausfall bedrohten Kredite bei den vier größten Banken sind höher als die Summe aus Eigenkapital und Rückstellungen.

Flaue Aussichten

Die Aktien griechischer Banken würden für spekulative Investoren erst dann interessant werden, wenn die Regierung ein überzeugendes finanzielles Arrangement mit Europa und dem IMF beschließen würde. Sonst halten Fachleute die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen für unvermeidlich. Solche würden auch die Aussichten anderer griechischer Firmen belasten, obwohl manche operativ vergleichsweise solide sind und rentabel wirtschaften.