Haft in Syrien: Ein Friedhof der Lebendigen

von Monika Bolliger / 11.09.2016

Kulturschaffende vermitteln manchmal, was Worte allein nicht können. Zwei Projekte leisten einen Beitrag zum Verständnis jener systematischen Gewalt in Syrien, welche im Verborgenen geschieht.

„Es hiess, vergesst die Welt da draussen, willkommen in der Hölle auf Erden.“ Mohammed Nemr erinnert sich gut an jenen Tag, als er vor vier Jahren zusammen mit anderen Gefangenen in einem Fleischtransporter mit verbundenen Augen vom Adra-Gefängnis ins Militärgefängnis von Sednaya gebracht wurde. Er war nur fünfzehn Tage dort, und der heute 29-Jährige empfand diese kurze Zeit als schlimmer als die ganzen Monate von Verhör und Folter davor. „An die anderen Gefängnisse kannst du dich gewöhnen. Wenn sie dich zu fest verprügeln, kommt irgendwann ein Arzt. In Sednaya kommt nie ein Arzt. Es gibt dort keine Grenzen. Es gibt keine Verhöre mehr. Nichts ist vorhersehbar, du lebst 24 Stunden am Tag in Angst.“

Einer von sechs überlebt

Für Abdelhamid Kadek, 27, der fast zwei Jahre in Sednaya war, ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben ist. Von den sechs, mit denen er zusammen ins Gefängnis kam, ist er der einzige Überlebende. Sein Cousin wurde von Wächtern zu Tode geprügelt. Dieser hatte es gewagt, seinen Peinigern zu widersprechen statt sich schweigend erniedrigen zu lassen. Andere starben an Infektionen, die sie sich wegen der offenen Wunden von den Peitschenhieben und der miserablen Hygiene zuzogen, oder an Erkältungen, nachdem sie bei winterlichen Temperaturen mit kaltem Wasser aus Schläuchen abgeduscht worden waren. Wenn einmal der Gesundheitszustand so schlecht sei, dass man ins Militärspital transferiert werde, sei es vorbei, sagt Abdelhamid: „Dort geben sie dir eine Spritze, und du bist tot. Keiner will dich am Leben erhalten.“

Abdelhamid ringt öfters um Worte. Nach einem einstündigen Gespräch meint er: „Was ich erzählt habe, ist nicht mal 10 Prozent von dem, was ich erlebt habe. Es ist unmöglich, diese Realität zu vermitteln. Sagen wir es so: Sednaya ist der Friedhof der Lebendigen.“ Abdelhamid ist einer von Tausenden, die in Syriens Kerkern darbten. Amnesty International geht in einem Bericht von fast 18 000 Personen aus, die seit 2011 in syrischer Haft starben. In einem aufwendigen Projekt will die Organisation Sednaya der Weltöffentlichkeit näherbringen. Ex-Häftlinge haben mit Forensic Architecture, einem Team aus Architekten, Künstlern und Wissenschaftern am Goldsmiths-Institut der Universität London, Sednaya digital rekonstruiert. Die Gewalt im Verborgenen, die sich so schwer in Worte fassen lässt, wird ein bisschen fassbarer.

Rekonstruktion des Traumas

Der Architekt Eyal Weizman und sein Team dokumentieren mittels Satellitenbildern, Videoaufnahmen, Fotografien und Zeugenberichten Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Sie haben Drohnenangriffe in Pakistan und Jemen oder Angriffe auf den Gazastreifen 2014 untersucht. Das Team arbeitet oft mittels Architektur, da diese einerseits eine Orientierungshilfe für das Gedächtnis ist – verdrängte Erinnerungen kommen in Verbindung mit Orten oder auch Geräuschen wieder zum Vorschein. Andererseits ist Architektur in ihrer extremsten Form, dem Gefängnis, selber eine Form von Gewalt, wie Weizman ausführt.

Im Fall von Sednaya musste sein Team sich neben Satellitenbildern vor allem auf Geräusche stützen, denn die Gefangenen sitzen meist im Dunkeln oder haben die Augen verbunden. Der libanesische Musiker und Tonkünstler Lawrence Abuhamdan sagt, die Syrer hätten sich erstaunlich präzise an Geräusche erinnert. Sie seien in der Haft in einer Art hyperaufmerksamem Zustand gewesen. Geräusche zu erkennen, konnte manchmal über Leben und Tod entscheiden. Wenn ein Wächter die Zelle betrat, mussten die Gefangenen hintereinander aufgereiht mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand knien. Wer nicht rechtzeitig in Stellung war, musste mit Folter rechnen.

Die Zustände in Sednaya haben sich seit Beginn des Aufstandes 2011 massiv verschlechtert. Sprechen ist verboten, und in den letzten Jahren ist selbst tonloses Flüstern so gut wie unmöglich geworden. Unter der Folter darf man nicht mehr schreien, sonst gibt es zusätzliche Schläge. Die anderen Gefangenen hören trotzdem, wie der Mitgefangene geplagt wird – am Geräusch der Peitsche, das sie mit der Zeit genau erkennen.

Als Abuhamdan zusammen mit einem ehemaligen Häftling die Grösse der Tür von dessen Zelle zu eruieren versuchte, machte er eine verblüffende Entdeckung. Er spielte seinem Gegenüber Geräusche zuschlagender Türen mit verschiedenen Grössen vor. Als dieser ein Geräusch wiedererkannte, stutzte Abuhamdan: Es müsste sich um eine riesige Tür handeln. Das konnte fast nicht sein. Die beiden gingen der Erinnerung des Syrers nach, bis sie herausfanden, dass das Geräusch keine Tür war, sondern die Lieferung des Essens, wenn diese im Innenhof mit einem heftigen Knall vom Laster abgeladen wurde. Das Geräusch dürfte kaum so laut gewesen sein. Aber weil die Gefangenen permanent Hunger litten, erhielt die Erinnerung an die Lieferung von Essen ein überdimensionales Ausmass.

Traumatische Erlebnisse werden im Gedächtnis blockiert oder verstärkt. Eyal Weizman schildert ein Beispiel von Zeugenaussagen zum Holocaust. Eine Zeugin berichtete von der Revolte in Auschwitz und beschrieb, wie vier Kamine explodiert seien. Die Schilderung irritierte: Es wurde nur ein Kamin zerstört. Ihre Aussage wurde als fehlerhaft und daher wertlos verworfen. Eine spätere psychoanalytische Lesung der Zeugenaussagen argumentierte, dass sich darin die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses in der Wahrnehmung der Frau manifestiert. Fehler der Erinnerung verweisen auf Traumata und Schmerz. Ungenauigkeiten oder Blackouts sind daher manchmal wichtiger als eine präzise Rekonstruktion, weil sie das Trauma verorten, wie Weizman erklärt.

Königreich des Wahnsinns

Die Erinnerung an den Horror, der sich im Verborgenen in den Gefängnissen abspielt, ist aus zwei Gründen wichtig: Die systematische Gewalt, die Tausenden, die verschwanden – sie sind ein wesentlicher und zugleich wenig sichtbarer Aspekt des Konfliktes in Syrien, und ein klarer Fall für die internationale Gerichtsbarkeit. Für die Opfer ist die Vermittlung vom Erlebten in der Haft eine Form von Anerkennung. Teilnehmer des Projektes von Amnesty sagten, sie hätten damit ihre Würde wiederhergestellt oder sie hätten damit endlich Distanz zum Erlebten gefunden.

Ehemalige Gefangene spielen das Grauen in dem Film „Tadmor“ nach.

Etwas Ähnliches leistet auch der Dokumentarfilm „Tadmor“, für den ehemalige Häftlinge eines syrischen Gefängnisses ihre Zellen nachbauen und zurück in ihre Rollen schlüpfen. Einer von ihnen ist Ali Abudehn. Er sagt, er habe versucht, das Grauen zu vergessen, aber es sei auch fünfzehn Jahre später unmöglich. Stattdessen setzt er sich damit auseinander und will das Unrecht publik machen. Die grösste Anerkennung war für ihn die Reaktion von Zuschauern, die weinten. „Die Männer wollten der Welt zeigen, was sie erlebt hatten“, sagt die deutsche Filmemacherin Monika Borgmann, die zusammen mit ihrem libanesischen Partner Lokman Slim während vier Jahren mit den Ex-Häftlingen in Libanon zusammenarbeitete.

Ein Ei in acht Stücken

Tadmor ist der arabische Name Palmyras und steht für das gleichnamige Militärgefängnis in der syrischen Wüstenstadt, das der IS vergangenes Jahr in die Luft sprengte. Abudehn ist einer von vielen Libanesen, die von den syrischen Sicherheitsapparaten während des libanesischen Bürgerkriegs in den achtziger Jahren verschleppt wurden und in Tadmor landeten. Sein Buch darüber trägt den Titel „Rückkehr aus der Hölle“. Für den Horror, den das Gefängnis von Sednaya heute verkörpert, stand während Jahrzehnten Tadmor. Der Poet Faraj Bayraqdar nannte Tadmor ein Königreich von Tod und Wahnsinn. Die älteren Schilderungen aus Tadmor gleichen den heutigen Berichten aus Sednaya.

„Für die Männer waren Worte nicht genug. Wann immer ihnen die Worte fehlten, standen sie auf und imitierten“, erinnert sich Borgmann an erste Begegnungen. Daraus entstand die Idee für das Projekt, zuerst eine Theaterperformance, dann ein Film. Manchmal sind es Details, die einen besonders aufwühlen. Eine Szene im Film zeigt, wie die Männer ein einziges gekochtes Ei mit einem Faden in acht Stücke teilen. Einer von ihnen bestimmt mit abgewandtem Gesicht, wer welches Stück kriegt. So ist es dem Zufall überlassen, wer ein grösseres oder kleineres Stück bekommt.

Der Hunger geht nicht weg

„Ich habe den Eindruck, der Hunger geht nie weg“, sagt Borgmann. Auch wenn die physischen Wunden verheilen, bleiben die erlebten Qualen im Körper. Medizinisch gesehen weisen die Körper der Männer nach fünfzehn Jahren kaum mehr Folterspuren auf. Aber wann immer sie Schmerzen empfinden, kommt sofort die Erinnerung an die Folter. Es ist das Trauma, das nicht weggeht. Die Performance war, so drückt es Borgmann aus, „eine Art, Gewalt zu exorzieren“. Dazu gehörte auch, dass einige in die Rolle der Wächter schlüpften. Einer der Männer hatte den alawitischen Dialekt seines Peinigers in der Performance perfektioniert und schien sich damit auf seine Art zu rächen. Abudehn erinnert sich, wie die Wächter von Vorgesetzten gezwungen wurden, ihre Loyalität zu Asad zu beweisen, indem sie möglichst brutal folterten. Wer nett zu den Gefangenen war, wurde selber gefoltert.

Die Zerstörung des Gefängnisses von Tadmor durch den IS hat viele gefreut, nicht so Ali Abudehn, der fünf von dreizehn Jahren syrischer Haft in Tadmor verbrachte. „Ich habe geweint, als sie Tadmor zerstörten“, sagt er. Ein Mahnmal des Unrechts sei damit verschwunden. Anhand der Architektur hätten Ex-Häftlinge wie er die Massengräber lokalisieren können, wo die Toten verscharrt worden seien. Abudehn beschreibt, wie er mit den Wänden des Gefängnisses sprach und seinen Namen hineinritzte, um sich seiner Existenz zu vergewissern. „Der Boden trägt unser Blut in sich. Er ist mir teuer geworden. Ich hatte gehofft, dass das Gefängnis eines Tages zu einem Museum des Todes wird. Ein Museum, das an das Unrecht erinnert.“