AFP PHOTO / Polizia di Stato

Rätsel um einen Schleuser

Hat der Sudan bewusst den falschen Mann ausgeliefert?

von Andrea Spalinger / 10.06.2016

Italien glaubte, erstmals einen einflussreichen Menschenhändler gefasst zu haben. Kurz darauf stellte sich jedoch heraus, dass Khartum wohl einen eritreischen Flüchtling überstellt hatte.

Einen Tag nachdem ein mutmaßlicher Boss eines Menschenhändlerrings aus dem Sudan nach Italien ausgeliefert worden war, gibt es schwere Zweifel an dessen Identität. Die BBC hat am Donnerstag unter Berufung auf Bekannte des Schleusers berichtet, der auf den von Italien veröffentlichten Bildern zu sehende Mann sei nicht der gesuchte Medhane Yehdego Mered. Eine in Schweden ansässige und mit Flüchtlingen aus Eritrea vernetzte Journalistin sagte in einem Interview, bei dem Ausgelieferten handle es sich nach Angaben von Bekannten und Verwandten um Medhane Tesfamariam Berhe, einen 28-jährigen Flüchtling, der im Sudan gelebt habe und offenbar mit dem Schmuggler verwechselt worden sei. Am Donnerstagabend meldeten sich schließlich auch noch dessen entsetzte Schwestern zu Wort.

Jahrelange Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft in Palermo ermittelt seit Jahren gegen den Eritreer, der eine Schlüsselrolle im Menschenschmuggel zwischen Afrika und Europa spielen soll. Die Italiener arbeiteten in dem Fall unter anderem mit der britischen Kriminalbehörde NCA zusammen, die im Sudan gut vernetzt ist und den angeblichen Schleuser am 24. Mai mithilfe der lokalen Behörden in einem Vorort von Khartum verhaftet hat.

Aus abgehörten Telefongesprächen geht hervor, dass Medhane Yehdego Mered seit 2012 im Menschenschmuggel zwischen Ostafrika und Libyen wie auch zwischen Libyen und Italien aktiv ist. Der 35-Jährige ist in der Szene unter dem Namen „der General“ bekannt, weil er sich gerne wie Ghadhafi kleidet und prahlt, dass er in Libyen so einflussreich sei wie einst der frühere Machthaber. Er soll mindestens 13.000 Migranten nach Europa geschmuggelt und damit Milliarden verdient haben. Laut den italienischen Ermittlern organisierte er unter anderem eine Überfahrt, bei der im Oktober 2013 vor Lampedusa 359 Bootsflüchtlinge ums Leben kamen.

Der Boss spielte beim Transport von Migranten selbst keine Rolle, sondern agierte als Strippenzieher im Hintergrund. Er soll den Menschenschmuggel über Mittelsmänner koordiniert, lokale Beamte und Milizen bestochen und dabei auch mit einflussreichen Figuren in Libyen zusammengearbeitet haben. Der Eritreer wusste eindeutig, dass die Flüchtlinge auf der Überfahrt ihr Leben riskierten. Laut dem zuständigen Staatsanwalt dürfte es aber dennoch schwierig werden, ihm eine direkte Verantwortung für den Tod von Migranten nachzuweisen.

Ein schwerer Schlag

Die involvierten italienischen und britischen Stellen gaben sich am Donnerstag bedeckt. Man werde die Identität des Verhafteten überprüfen und den möglichen Hergang klären, hieß es nur. Der überstellte Eritreer befindet sich derzeit in einem Gefängnis in Rom. Dank der aufgezeichneten Telefonate dürfte eine Identitätsüberprüfung eigentlich nicht allzu lange dauern. Sollte es sich tatsächlich um den falschen Mann handeln, wäre das ein schwerer Schlag für die Italiener. Sie hatten bisher nur kleine Fische gefasst und gehofft, endlich an einen der verantwortlichen Hintermänner heranzukommen.

Die italienischen Ermittler hatten den Verdächtigen bis zuletzt abgehört und waren ihm dicht auf den Fersen. Wieso die Sudanesen am Ende jemand anders überstellten, ist unklar. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Verwechslung kein Zufall war. Dem milliardenschweren Kriminellen fehlt es auf jeden Fall nicht an Geld, um die lokalen Behörden zu bestechen.