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Nachruf

Helmut Schmidt 1918–2015: Weitsichtig als Politiker, als Ökonom gescheitert

von Gerd Kolbe / 10.11.2015

Der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt ist im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg gestorben. Er genoss bis ins hohe Alter große Verehrung. Mit seiner eigenen Partei hatte er oft zu kämpfen.

Helmut Schmidt hätte es sich in seiner aktiven Zeit wohl kaum träumen lassen, dass er sich bei seinen Landsleuten bis ins hohe Alter hinein großer Anerkennung und Beliebtheit erfreuen würde. Sein kühler, mitunter auch sarkastischer Verstand konnte abstoßend wirken. Oft auch musste er sich in Wahlkämpfen von politischen Gegnern anhören, leider sei er bei der SPD in der falschen Partei. Doch ebendieser Sozialdemokratie fühlte er sich von Herkunft und Überzeugung her tief verbunden, obwohl der linke Flügel der Partei immer wieder gegen ihn aufbegehrte, gleich welche Funktion er gerade innehatte.

Im Schatten Willy Brandts

Lange Zeit stand er im Schatten seines Vorgängers und Parteivorsitzenden Willy Brandt. Er litt schwer darunter, der ewige Zweite zu sein, wie auch jüngst veröffentlichte Briefe darlegen und viele seiner engsten Mitstreiter von einst bezeugen. Dennoch drückte er der deutschen Politik in wesentlichen Fragen seinen Stempel auf. Dank seiner Popularität brachte Schmidt es als Bundeskanzler bei zwei Bundestagswahlen auf 42 Prozent der Stimmen. Gemessen aber wurden seine Ergebnisse stets an Brandts Erfolg von 1972; der SPD-Vorsitzende hatte damals seine Partei als Regierungschef in die Nähe der absoluten Mehrheit gebracht.

Willy Brandt und Helmut Schmidt 1973
Credits: imago/Sven Simon

Schmidt rechnete seine Eltern dem „beamteten Mittelstand“ zu. Der Vater war zunächst Anwaltsgehilfe, brachte es im Abendstudium aber zum Pädagogen und schließlich zum Leiter einer Handelsschule. Für das Proletarische in der Familie Schmidt steht der Großvater, der im Hamburger Hafen als ungelernter Schauermann und Gelegenheitsarbeiter sein Leben fristete. Stärker ausgeprägt war die Nähe zur Arbeiterklasse bei Helmut Schmidts Frau Loki, der Tochter eines arbeitslosen Elektrikers, die in äußerster Armut aufwuchs.

Dem späteren Verteidigungs-, Wirtschafts-, Finanzminister und schließlich Bundeskanzler blieb wie vielen Politikern der Nachkriegszeit die kritische Frage nicht erspart, was er denn während der Nazizeit gemacht habe. Viele Sozialdemokraten mussten sich ihr Exil vorwerfen lassen, so etwa Brandt seine Zeit in Skandinavien und der langjährige Bonner Fraktionschef Herbert Wehner seine kommunistische Vergangenheit in Moskau.

Bei Schmidt war es umgekehrt. Ihm wurde vorgehalten, als Leutnant und Oberleutnant bei der Luftwaffe mit den Nazis sympathisiert zu haben, was zeitweilig sogar zutraf. Als Kind seiner Zeit zog es ihn in die Hitlerjugend. Seine Eltern sagten kategorisch Nein. Den Grund erfuhr er, als er 15 Jahre alt war. Seine Mutter erklärte ihm, dass Opa Schmidt nicht sein leiblicher Großvater sei. Sein Vater war der uneheliche Sohn eines jüdischen Bankiers. Die Familie lebte in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Nur nicht auffallen, hieß in der Nazizeit folgerichtig die Devise.

Schmidt machte überdies für sich geltend, einer Generation anzugehören, die nicht merkte, was das Dritte Reich wirklich war. Das Schlüsselerlebnis war für ihn ein Tag im Volksgerichtshof, zu dem er von seiner Truppe abkommandiert wurde. Er wurde Zeuge, wie der Gerichtspräsident Freisler die Mitwisser des Attentats gegen Hitler am 20. Juli 1944 zutiefst demütigte. Da habe er begriffen, „dass die Nazis Verbrecher waren“, schrieb Schmidt im letzten seiner vielen Bücher.

Für seine Tochter Susanne war Schmidt viel zu lange „ein apolitischer Mensch“. Denn auch als der Oberleutnant Schmidt aus britischer Gefangenschaft in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrte, deutete zunächst nichts auf eine politische Karriere hin. Dann allerdings trat er doch noch in die SPD ein, die in Hamburg stets ebenso arbeiternah wie pragmatisch war. Er studierte Volkswirtschaft bei Professor Karl Schiller – sein späterer Chef in der Hamburger Wirtschaftsbehörde und 1972 sein Vorgänger als Wirtschafts- und Finanzminister. Die Lehren des britischen Ökonomen John Maynard Keynes waren en vogue und bestimmten lange auch das Denken Schmidts.

Unermüdlicher Reformer

In einer Dienststelle Führerscheine auszugeben oder einzuziehen, war nicht nach dem Geschmack des späteren Bonner Regierungschefs. 1953 gelang ihm der Sprung in den Bundestag. Schon bald wurde dort sein rhetorisches Talent erkannt. „Schmidt-Schnauze“ war nur einer der Spitznamen, die zum Ausdruck brachten, dass er alles andere als zimperlich mit dem politischen Gegner umging. Acht Jahre später war er wieder in Hamburg. Als Innensenator kam für ihn die Sternstunde, die seinen Ruf als Macher und Krisenmanager begründete. Am 16. Februar 1962 wurde die norddeutsche Tiefebene von einer Sturmflut heimgesucht, wie es sie seit über hundert Jahren nicht gegeben hatte. Schmidt übernahm das Kommando und rief in der Stunde der Not die Bundeswehr zu Hilfe. Es war dies strenggenommen ein Bruch des Grundgesetzes, denn es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Notstandsgesetze, die den Einsatz von Soldaten gestattet hätten.


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Zurück in Bonn, wartete 1966 eine neue Aufgabe auf ihn, die ihn für die deutsche Politik definitiv unentbehrlich machte. Mit der Bildung der ersten großen Koalition kam es mehr denn je darauf an, Kompromisse zu schmieden und Konflikte zwischen den grossen Volksparteien CDU/CSU und SPD zu verhindern. Schmidt wurde Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten; mit seinem Gegenspieler Rainer Barzel auf der Seite der Unionsparteien gelang es ihm immer wieder, das schwerfällige Gefährt der Mammutregierung Bundeskanzler Kiesingers auf Kurs zu halten.

Wo er auch hinkam, trat er für Reformen ein. Der ehemalige Oberleutnant der Luftwaffe hatte die Idee der Schaffung einer Bundeswehr-Universität. Unumstritten war der Plan nicht. Im Verteidigungsministerium kam es überdies darauf an, die für führende Militärs noch ungewohnte Vorstellung vom „Bürger in Uniform“ durchzusetzen. Eine Gruppe von Generälen, die noch in der Wehrmacht gedient hatten, hielt nichts vom Grundsatz der Inneren Führung und auch nichts vom Wehrbeauftragten, der doch vermeintlich nur das institutionalisierte Misstrauen gegen die Truppe verkörperte. Der Machtkampf endete damit, dass Schmidt die noch vorhandenen Wehrmachtsoffiziere so rasch wie möglich in den Ruhestand verabschiedete.

Mit den in Behörden üblichen Hierarchien hatte Schmidt wenig im Sinn. Da konnte es passieren, dass er am Minister oder Staatssekretär vorbei einen Fachreferenten unmittelbar zu sich bat, mit ihm ein Problem erörterte und eine Entscheidung traf, die er anschließend der Ministeriumsspitze nur noch mitteilte. Der Chef – so begründete Schmidt seine Vorgehensweise – brauche wegen der Abneigung fast jeder Bürokratie gegen Innovationen die unmittelbare Berührung mit der Arbeitsebene.

Kampf gegen die RAF

Schmidt hinterließ nachhaltige Spuren auf vielen Feldern. In der Auseinandersetzung mit den Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe, die im Jahr 1977 mit der Entführung einer Lufthansa-Maschine und des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ihren Höhepunkt fand, bewies er Härte. Er war überzeugt, dass es seine staatsmännische Pflicht war, sich von Verbrechern nicht erpressen zu lassen. Er war bereit, im Falle des Scheiterns eines Kommandounternehmens zur Befreiung der Lufthansa-Passagiere zurückzutreten. Doch die Aktion verlief erfolgreich.

Zeit seines Lebens blieb Schmidt ein Verteidigungsexperte, der ständig neue Impulse gab. Er entwickelte Pläne für eine MBFR genannte gegenseitige ausgewogene Truppenreduzierung zwischen Ost und West, die allerdings in Moskau, Washington und auch bei Bundeskanzler Brandt auf wenig Interesse stieß. Inzwischen nämlich hatte für die Politiker beider Bündnissysteme die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) Vorrang. In welchem Maß Schmidts Flankensicherung nach Westen der Ostpolitik Brandts Spielraum verschaffte, sei kaum ins öffentliche Bewusstsein getreten, beklagte später Schmidts Biograf, der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Soell.


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Es war dann doch Helmut Schmidt, der als Bundeskanzler die Schlussakte von Helsinki unterschrieb. Das Vertragswerk war für die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR von besonderer Bedeutung. Erstmals hatten die Bürger der DDR ein internationales, auch von ihrer Regierung unterzeichnetes Dokument in den Händen, mit dem sie sich gegen staatliche Willkür wehren konnten.

Der Entspannungsprozess zwischen Ost und West war Mitte der siebziger Jahre schon weit fortgeschritten, als Schmidt voller Sorgen auf die sowjetische Aufrüstung im Bereich nuklearer Mittelstreckenraketen hinwies, auf Waffensysteme wohlgemerkt, die nur Deutschland und Mitteleuropa bedrohten, nicht jedoch die USA. Im amerikanischen Präsidenten Gerald Ford fand er einen verständnisvollen Mitstreiter. Dessen Nachfolger Jimmy Carter jedoch wollte von nuklearen Mittelstreckenwaffen in Europa nichts wissen. Er hielt die Abschreckungskraft amerikanischer Interkontinentalraketen für ausreichend. In Europa bezweifelte man indes längst die amerikanische Bereitschaft, im Falle eines konventionellen Angriffs auf Deutschland einen atomaren Erstschlag zu riskieren, der unzweifelhaft zu einem sowjetischen Gegenangriff auf die USA hätte führen müssen. Das Ergebnis langwieriger Beratungen war der Nato-Doppelbeschluss zur Aufrüstung des Westens mit Pershing-Raketen und Marschflugkörpern bei gleichzeitiger Aufnahme von Abrüstungsverhandlungen mit Moskau. Der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl hielt an der Linie seines Vorgängers fest. Der Erfolg gab ihm recht. Die SPD hingegen bescherte Schmidt die wohl schwerste Niederlage in seiner Karriere. Nur 14 Getreue stimmten an einem Sonderparteitag 1983 für den Doppelbeschluss.

Wegbereiter des Euro

Es war keineswegs das einzige Mal, dass Schmidt Weitsicht und die Fähigkeit zu fundierter Analyse bewies. Mit Giscard d’Estaing – seinem Freund, wie er nie müde wurde zu betonen – schuf er die Grundlagen für den Euro. Er warnte jedoch von Anfang an vor dem Aberglauben, eine Währungsunion könne dauerhaft ohne politische Union existieren. Griechenland wollte er nie in der EU haben. Verstehen kann man das heute besser.

Es ist nachgerade tragisch, dass der Ökonom Schmidt in seinem eigenen Metier scheiterte. Die Einsicht war vorhanden, wie er mit seiner Kritik am fehlenden ökonomischen Sachverstand Brandts zeigte. Doch als er selbst Kanzler war, gab er dem Drängen der eigenen Partei nach sozialen Wohltaten nach. Er übersah die Warnsignale seines Koalitionspartners FDP. Ein konstruktives Misstrauensvotum beendete seine dritte Amtsperiode vorzeitig.

Später hat Schmidt selbst eingeräumt, was sein größter Fehler gewesen sei. Obwohl seine engsten Mitarbeiter ihn immer wieder dazu drängten, hat er nie nach dem SPD-Vorsitz gegriffen. Die Hamburger Wochenzeitschrift „Die Zeit“ bot ihm nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik eine neue Heimat. Von dort aus und als fleißiger Buchautor konnte er noch im hohen Alter Einfluss nehmen und vor Fehlentwicklungen warnen. Mehr aber auch nicht.