EPA/TOLGA BOZOGLU

Putschversuch in Istanbul

Hetze gegen Ausländer und Journalisten zeigt Wirkung

von Inga Rogg / 16.07.2016

Schüsse, Kampfjets im Tiefflug über der Stadt, ein lynchender Mob auf der Bosporus-Brücke: Die Putschnacht in Istanbul war dramatisch. Eine Reportage.

Der Spuk scheint vorbei. Danach sieht es am Samstagmittag im Zentrum von Istanbul zumindest aus. Noch sind viele Läden auf der Istiklal-Strasse, der zentralen Einkaufsmeile der Bosporus-Metropole, geschlossen. Aber die ersten machen bereits wieder auf. Einige hundert Meter entfernt ist es schon fast, als wäre nichts geschehen. Frauen in leichten Sommerkleidern flanieren, die Cafés sind einigermassen gut besucht. Istanbul, wie man es kennt, an einem Samstagnachmittag.

Stunden zuvor: Die Kneipen im Zentrum sind brechend voll, so wie jede Freitagnacht, als Twitter-Nutzer kurz vor 22 Uhr die Nachricht verbreiten, es habe einen Zusammenstoss zwischen Soldaten und Polizisten auf der asiatischen Seite von Istanbul gegeben. Minuten später tauchen Bilder auf, die zeigen, wie Soldaten die beiden Brücken über den Bosporus blockieren. Aus Ankara berichten Journalisten und Bürger, dass F-16-Kampfjets im Tiefflug über die Stadt fliegen. Panzer rollen durch das Zentrum der Hauptstadt. Was geschieht gerade in der Türkei? Auf die Informationen der Regierung ist in solchen Situationen kein Verlass, dass haben die Bürger gelernt. Keiner weiss, was jetzt passiert.

Soldaten besetzen den Fernsehsender

Im Zentrum von Istanbul eilen die Menschen nach Hause. Binnen einer halben Stunde sind sämtliche Kneipen dicht. Nachbarn eilen noch schnell zum Lebensmittelhändler um die Ecke, decken sich mit Trinkwasser, Brot und was es sonst gibt um diese Zeit ein. Besorgte Fragen von Freunden, und Mahnungen: „Geh nicht aus dem Haus!“ Eine Freundin schickt eine Textnachricht. „Panzer sind auf der Strasse. Es ist verrückt. Was ist los?“ Kurz vor Mitternacht endlich Klarheit. Soldaten besetzen den staatlichen Fernsehsender TRT, lassen eine Erklärung verlesen. Ein „Rat für den Frieden im Land“ habe die Macht übernommen. Das Ziel: Kampf gegen die Korruption, Schutz der Demokratie und Wiederherstellung des Rechtsstaats und der laizistischen Ordnung.

Das Militär als Gralshüter der Demokratie? Das kann in der Türkei nicht gutgehen, dazu hat die Armee, die zuletzt 1980 eine gewählte Regierung aus dem Amt putschte, eine viel zu blutige Geschichte. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Selbst die Opposition, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gnadenlos verfolgt, springt seiner Regierung zur Seite. Die Putschisten sind ziemlich isoliert.

Kurz nach der scheinbaren Machtübernahme erklärt Ministerpräsident Binali Yildirim auf einem Privatsender, es sei ein Aufstand von Teilen der Armee, der jedoch gescheitert sei. Dann meldet sich erstmals der Präsident zu Wort. Ausgerechnet auf dem von ihm geächteten Privatsender CNN Türk sagt er in einem Video-Anruf, hinter dem versuchten Staatsstreich stecke der islamische Prediger Fethullah Gülen. Gleichzeitig ruft er Türken auf die Strassen, um den Putschisten die „richtige Antwort“ zu geben. Ähnlich äussert er sich auf Twitter. Den Nachrichtendienst nannte er vor ein paar Jahren noch eine Plage, nach Anschlägen lässt er ihn regelmässig sperren.

Panzer rollen über Autos und Protestierende

Helikopter fliegen pausenlos über das Istanbuler Stadtzentrum. Kurz darauf ertönt auch hier das Donnern von Kampfjets. Soldaten besetzen den Atatürk-Flughafen, dann auch das Gebäude von CNN Türk und der zum gleichen Konglomerat gehörenden Tageszeitung „Hürriyet“.

In der Nähe unseres Quartiers fallen Schüsse. Was wie Bombeneinschläge klingt, stellt sich als Überschallknalls heraus, verursacht von Kampfjets. In Ankara rollen Panzer jedoch über Autos und Protestierende, die dem Aufruf von Erdogan gefolgt sind. Abgeordnete verschanzen sich in Luftschutzbunkern. Am Samstagmorgen wird klar, dass das Parlamentsgebäude angegriffen wurde. Von den Moscheen erschallen Rufe zum Gebet und „Gott ist gross“-Rufe.

Kurz vor drei Uhr morgens machen wir uns auf den Weg zum Taksim-Platz. Etwa dreissig Soldaten haben sich mit gezogenen Waffen vor dem Republik-Denkmal aufgebaut. Daneben steht ein Armee-Lastwagen. Von Panzern keine Spur. Stattdessen etwa dreimal so viele Erdogan-Anhänger. Sie beschimpfen die Soldaten, ein paar junge Männer klettern über diese, hängen ein Transparent auf, auf dem sie die Gülenisten verantwortlich machen.

„Sag es – und wir werden töten, werden sterben“

Die Soldaten bleiben ruhig. Doch die ständige Hetze gegen Ausländer und Journalisten, die Erdogan und seine Hofpresse als Verschwörer geisseln, wirkt. Plötzlich wendet sich ein Trupp Männer mittleren Alters uns zu, brüllt uns an, wir sollten verschwinden. Während sie mich nur schubsen, prügelt einer meinem Begleiter auf Kopf und Rücken, versetzt ihm Tritte. Auf der Bosporus-Brücke entgeht ein türkischer Kollege nur knapp einem Lynchmord.

Erdogan landet kurz nach sechs Uhr morgens am Atatürk-Flughafen. „Sag es – und wir werden töten, werden sterben“, skandieren seine Anhänger. Erdogan erklärt den Putsch für beendet. Soldaten ergeben sich, Polizisten rücken aus, es gibt erste Verhaftungen. Tausende seiner Unterstützer strömen auf die Strassen, klettern auf Panzer, auch zur Bosporus-Brücke. Auf Twitter tauchen brutale Bilder auf. Fanatische Erdogan-Anhänger, die mit gezückten Schwertern durch die Menge laufen. Auf der Bosporus-Brücke lyncht die Menge mehrere Soldaten.

Für den Abend ruft der Präsident alle Bürger des Landes per SMS zu einem „Marsch des nationalen Willens“ auf. Erdogan, so scheint es, hat den Machtkampf gewonnen. Ob auch die Demokratie gesiegt hat, wie er sagt, muss sich aber erst noch zeigen.