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Interview

Hilfstransporte in Syrien: „Ärzte operieren oft ohne Anästhesie“

von Monika Bolliger / 18.08.2016

Jakob Kern ist Direktor des Welternährungsprogramms in Syrien. Im Gespräch mit der NZZ in Damaskus spricht er über Hilfskonvois, persönliche Risiken und die Vorwürfe von Parteilichkeit.

NZZ: Die Operation in Syrien ist eine der grössten des
Welternährungsprogramms. Wie viele Menschen versorgen Sie in Syrien?

Jakob Kern: Unser Budget für dieses Jahr beläuft sich auf 700 Millionen Dollar. Wir unterstützen jeden Monat vier bis viereinhalb Millionen Syrer, davon ein Drittel durch Hilfslieferungen über die Nachbarländer und zwei Drittel via Damaskus. Am meisten Zeit und Energie brauchen die Hilfskonvois in die belagerten Gebiete.

Sie gehen selber auf Konvois mit. Wie muss man sich so eine Verteilung von Hilfsgütern vorstellen?

Es ist eine langwierige Sache, selbst wenn die Gebiete nur zwanzig Minuten Fahrzeit von Damaskus entfernt sind. Wir müssen durch verschiedene Kontrollposten. Am letzten Checkpoint wird nochmals alles geöffnet und kontrolliert, man entfernt Reserveräder unserer Autos und pumpt die Tanks leer. Dann kommen wir durch Niemandsland, wo Scharfschützen stationiert sind, bis wir den Kontrollposten der Opposition passieren. Dann wird abgeladen. Durchschnittlich dauert eine Lieferung etwa zwölf Stunden. Die belagernden Truppen lassen uns oft erst in der Nacht hinein, damit wir mit möglichst wenig Leuten sprechen können. Die Verteilung funktioniert aber gut, es gibt trotz verzweifelter Lage keine Stürmung der Konvois, die Leute sind organisiert, alle wissen, wer was bekommt.

Fühlen Sie sich dabei sicher?

Wenn man zehn Kilometer in eine von Aufständischen kontrollierte Stadt hineinfährt, der ganze Weg ein Defilee von Bewaffneten ist und man nachts wieder rausmuss – da wird mir schon mulmig. Es müsste ja nur einer abdrücken; wenn man hier angeschossen wird, holt einen kein Helikopter raus.

Es gibt dieses Jahr eine Zunahme von Hilfslieferungen in belagerte Gebiete. Dennoch scheint es weiterhin eine extrem zähe Angelegenheit zu sein.

Das Schwierigste ist, grünes Licht für einen Konvoi zu erhalten. Wenn wir einmal losfahren, klappt es meist recht gut. Manchmal lässt man uns warten, um zu schauen, ob wir aufgeben. In Moadamiya haben wir einmal zwanzig Stunden am Checkpoint gewartet. Die Armee hat kein Interesse an Hilfslieferungen ins Feindesgebiet, das ist mittelalterliche Belagerung, man will ja die Leute aushungern. Um Bewilligungen gibt es alle möglichen Spiele – mal dürfen wir nicht alle Orte versorgen, mal nicht alle Güter liefern, mal dürfen wir für weniger Personen Güter verteilen, als sich vor Ort befinden. Oder wir erhalten die Bewilligung, und dann wird das Gebiet bombardiert, und wir müssen warten. Dennoch: Dieses Jahr haben wir insgesamt schon 1 275 000 Leute in belagerten und schwer zugänglichen Gebieten versorgt.

Jakob Kern. (Bild: PD)

Welche Güter dürfen Sie denn konkret nicht verteilen?

Die Liste mit den Gütern wird jeweils von Sicherheitsbeamten überprüft, was eine lange Prozedur ist. Lebensmittel sind meist kein Problem. Erste-Hilfe-Ausrüstung, Amputationsgerät und dergleichen werden entfernt, weil es Krieger wieder auf die Beine stellt, so die Argumentation. Völkerrechtlich gesehen hat aber jeder Verletzte ein Recht auf medizinische Versorgung, und abgesehen davon würde die Ausrüstung auch von Zivilisten dringend benötigt. Weil auch Schmerzmittel entfernt werden, führen Ärzte in den belagerten Gebieten oft Operationen ohne Anästhesie durch.

Wie stellen Sie sicher, dass die Hilfe wirklich die Bedürftigen erreicht?

Wir gehen von etwa zwei Prozent Verlusten aus. Hundertprozentige Kontrolle ist nicht möglich, aber wir haben keine Hinweise auf grossflächigen Missbrauch. Wir machen Stichproben, Kontrollbesuche, gehen selber vorbei oder schicken, wenn wir keinen Zugang haben, Drittparteien. In Deir al-Zur, das vom IS umzingelt ist, haben wir dort lebende Angehörige unserer Mitarbeitenden befragt, ob die Hilfsgüter angekommen sind. Wir werfen Hilfe dort aus der Luft ab. Am Tag vor dem Abwurf war übrigens plötzlich der Markt voll von Linsen, Bohnen und Kichererbsen – Güter, welche wir verteilen. Die Händler hatten zuvor die Lebensmittel zurückgehalten, um höhere Preise zu verlangen. Nach unseren Lieferungen sind die Preise um sechzig Prozent gefallen.

Sind Hilfslieferungen aus der Luft eine gute Alternative zu Konvois?

Es ist kompliziert und teuer und deshalb immer die letzte Option. Wir müssen den Fall aus fünf Kilometern Höhe unter Berücksichtigung des Windes berechnen. Wir verlieren dabei etwa zehn Prozent. Die Mengen sind viel kleiner. Wir haben in Deir al-Zur in drei Monaten so viel abgeworfen, wie wir in einem einzigen Konvoi nach Moadamiya brachten.

Die oppositionsnahe Nichtregierungsorganisation „The Syria Campaign“ hat in einem Bericht der Uno Parteilichkeit vorgeworfen. Die Gebiete des Regimes würden viel besser versorgt als jene der Opposition. Die Uno helfe dem Regime, die Rebellengebiete auszuhungern.

Die Kritik ist unfair. Der Bericht sagt, 90 Prozent der Hilfe gehe an Gebiete des Regimes. Aber das ist nur die Hilfe, die wir von Damaskus aus verteilen, was 70 Prozent der gesamten Hilfe ausmacht. Der Bericht verschweigt, dass wir Güter über Nachbarländer in Rebellengebiete liefern, und zwar via Nichtregierungsorganisationen. Selber dürfen wir die Grenzen ja nicht überqueren. Und wir können doch nicht sagen, wir ziehen unsere Hilfe aus Damaskus ab, solange keine Hilfe nach Madaya gelangt – damit bestrafen wir nicht die Regierung, sondern all die Bedürftigen, welche aus den umkämpften Gebieten nach Damaskus geflohen sind.

Aber wenn eine so grosse Institution wie die Uno Damaskus mit dem Abzug gedroht hätte, glauben Sie nicht, dass man eingelenkt hätte, anstatt auf Hilfsgüter in Milliardenhöhe zu verzichten?

Das kommt für uns nicht infrage und verstösst gegen grundsätzliche humanitäre Prinzipien. Das Problem ist doch, dass es keine politischen Fortschritte gibt. Weil es da stagniert, versucht man stattdessen humanitär Erfolge zu erzielen. Wir Humanitären sagten von Anfang an, dass es eine schlechte Idee ist, den politischen Prozess mit humanitären Anliegen zu vermischen.

Manche Kritiker stossen sich auch daran, dass das ganze Uno-Personal in Damaskus im luxuriösen „Four Seasons“-Hotel einquartiert ist.

Das „Four Seasons“ ist der einzige Ort in Damaskus, der von der Uno als Unterkunft bewilligt wurde, weil die Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden können. Nach dem Anschlag auf den Uno-Hauptsitz in Bagdad vor dreizehn Jahren, wo 23 Uno-Mitarbeitende ums Leben kamen, wurden die Vorschriften sehr strikt. Es ist ein goldener Käfig. Gleichzeitig hört man die Bomben und weiss, dass einige Kilometer von hier Leute fast verhungern. Dieser Widerspruch ist nicht leicht zu ertragen. Aber wenn ich ein Zelt neben Darayya aufschlage und dort lebe, nützt das wenig. Und wenn wir rausgehen, riskieren wir jedes Mal unser Leben. Auf dem Weg nach Aleppo beispielsweise wurde mein Auto angeschossen. Als wir bei einer Verteilaktion nachts in Moadamiya waren, hörten wir alle dreissig Minuten über uns einen Helikopter, der Fassbomben abwarf. Da kann man nur hoffen, dass man nicht getroffen wird.