Stoyan Nenov / Reuters

Billigarbeit in Rumänien und Bulgarien

Hungerlöhne in Osteuropas Kleiderkammer

von Laura Stefanut / 04.03.2016

Rund 400 Euro im Monat verdienen Arbeiter in osteuropäischen Kleiderfabriken. Modefirmen wie Hugo Boss und Zara lassen hier billig produzieren. Strenge Regeln fehlen. Eine Reportage von Laura StefanutLaura Stefanut ist freie Journalistin in Rumänien. aus Calafat und Goze Deltschew.

Calafat, im Süden Rumäniens, sieben Uhr morgens. Hunderte von Arbeitern der Maglierie Cristian Impex kommen mit dem Bus oder zu Fuß über eine lange Autobahnbrücke. Sie scharen sich um einen provisorischen Markt, um sich vor ihrer Schicht mit Proviant einzudecken. Chipspackungen und Limonadenflaschen türmen sich auf den Motorhauben zweier Fahrzeuge. Die italienische Strickwarenfabrik in der Stadt mit 17.000 Einwohnern ist der größte Arbeitgeber der Gegend. Sie produziert für Hugo Boss, Marc O’Polo oder Zara.

„Arbeit, Arbeit, Arbeit – aber kein Lohn“, beschwert sich eine Angestellte, die 34-jährige CristinaName der Redaktion bekannt. . Sie berichtet, dass man ihr von Ende Januar bis Mitte Juli ihren Lohn nur zwei Mal ausbezahlt habe, umgerechnet etwa 370 Franken für ein halbes Jahr Arbeit. Sie ist nicht die Einzige. Etwa ein Dutzend aktive oder ehemalige Mitarbeiter der Fabrik in Calafat berichteten dem Balkan Investigative Reporting Network (Birn), dass ihre Löhne nicht pünktlich und nur teilweise bezahlt würden.

Nach Streik entlassen

Die schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilbranche sind bekannt. Oft konzentriert sich die Kritik aber auf Asien. Doch selbst innerhalb der Europäischen Union, in Rumänien und Bulgarien, werden Arbeiter zu skandalös schlechten Bedingungen beschäftigt. Die Arbeitskräfte, zum überwiegenden Teil Frauen, werden meist zum gesetzlichen Mindestlohn von einigen hundert Euro pro Monat eingestellt und verdienen mitunter noch weniger.

Im April 2014 traten in Calafat mehr als 300 Mitarbeiter in einen wilden Streik. Sie kritisierten die überfälligen Löhne. Cristi Deseanu, 29, einer der Streikenden, erzählt, dass die Löhne schließlich ausbezahlt worden seien. Zusammen mit anderen Demonstranten wurde er danach aber entlassen. Gegenüber Birn erklärt ein leitender Angestellter der Firma, dass Deseanu seinen Job gekündigt habe. Aus Unterlagen der Maglierie Cristian Impex geht jedoch hervor, dass das Unternehmen ihn aufgrund eines internen Disziplinarverfahrens entlassen hat; er habe an einem nicht genehmigten Streik teilgenommen und die Firma in Misskredit gebracht. Deseanu war in der Fabrik als Mechaniker beschäftigt und für das Programmieren und Instandhalten der Maschinen zuständig gewesen. Sein offizielles Gehalt lag bei etwa 250 Euro im Monat, wovon er jedoch nicht immer die ganze Summe ausbezahlt bekommen habe – insbesondere im Winter, wenn das Unternehmen weniger Aufträge hatte. In manchen Monaten habe er weniger als 100 Euro verdient, sagt Deseanu.

Die Fabrik in Calafat ist mehrheitlich im Besitz von Enzo Mantovani, dem Gründer eines Luxus-Cashmere-Labels, und seinen beiden Söhnen Cristian und Gianluca. Letzterer ist auch der Geschäftsführer des rumänischen Betriebs, der laut dem Ministerium für öffentliche Finanzen 2014 einen Umsatz von über 8,3 Millionen Euro verbuchte. 2014 beschäftigte das Unternehmen laut eigenen Angaben 900 Mitarbeiter. In ganz Rumänien arbeiten 182.000 Menschen in der Textilindustrie, in Bulgarien sind es 111.000. Birn bemühte sich wiederholt um eine Stellungnahme der rumänischen Firma zu den in diesem Artikel erhobenen Vorwürfen. Abgesehen von der Stellungnahme zu Deseanus Weggang gab es keinen Kommentar.

Catalin Mohora, ein Inspektor der Arbeitsaufsichtsbehörde im Kreis Dolj, zu dem auch Calafat gehört, erklärt, dass es für einen Arbeitgeber legal sei, auch weniger als den Mindestlohn zu bezahlen. In bestimmten Situationen, etwa bei geringer Nachfrage nach seinen Produkten, könne der Arbeitgeber die Arbeitszeit reduzieren und entsprechend weniger Lohn zahlen. Auch gebe es keine gesetzliche Strafe für unpünktliche Lohnzahlungen. Bleiben die Zahlungen aus, müssen die Inspektoren den Arbeitgeber zur Auszahlung der Löhne auffordern und können erst Geldstrafen verhängen, wenn das Unternehmen dieser Aufforderung nicht nachkommt. Mohora sieht Maglierie Cristian Impex als einen der besseren Arbeitgeber im Kreis. Andere Firmen testeten die rechtlichen Grenzen noch viel stärker.

Machtlose Lokalbehörden

Der Vizebürgermeister der Stadt, Dorel Mituletu, sitzt an seinem Schreibtisch, neben ihm auf dem Boden die Flaggen Rumäniens und der EU. Calafat habe Schwierigkeiten, Investoren anzuziehen, die Fabrik Maglierie Cristian Impex sei der Lebensatem der Stadt, erzählt er. Im einstigen Industriezentrum der Ceausescu-Ära haben nur wenige Fabriken den Übergang zum Kapitalismus in den neunziger Jahren überlebt. Entsprechend abhängig ist die Stadt von den wenigen Investoren. „Niemand kann es sich leisten, sich mit jemandem anzulegen, der Arbeitsplätze für tausend Menschen bietet“, sagt Mituletu. „Wenn sie abwandern, stehen wir vor einem riesigen sozialen Problem.“

Mituletu gibt zu, dass die Arbeit in der Fabrik ein kräftezehrender Job für die Frauen ist, besonders im Sommer, wenn es drinnen heiß wird und manche Arbeiterinnen kollabieren. „Die Armen fallen um wie die Fliegen“, meint Mituletu. Im Juli des letzten Jahres, erzählt auch Cristina, habe sie drei Frauen in ihrer Abteilung gesehen, bei denen die Hitze zu Schwindel oder Kollaps geführt habe. Sie erinnert sich an einen italienischen Vorarbeiter, der sie auslachte und meinte, er müsse jetzt wohl einen Friedhof im Hinterhof improvisieren, wenn die Frauen weiterhin umkippten. Die Fabrik verfüge zwar über Klimaanlagen, doch diese reichten nicht, um die von den Maschinen und Bügeleisen erzeugte Hitze zu kompensieren, sagen sowohl Cristina als auch Cristi Deseanu.

Dorel Mituletu, in seinem Büro, im Juni 2015.
Credits: Laura Stefanut

Laut Studien von Nichtregierungsorganisationen sind die von Birn dokumentierten Probleme in der gesamten Region verbreitet. Ein Bericht der „Clean Clothes“-Kampagne, einer internationalen Gruppe, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, zeigte für Osteuropa und die Türkei auf, dass Hungerlöhne, gefährliche Arbeitsbedingungen und Zwangsüberstunden „charakteristisch für die gesamte Bekleidungsindustrie“ seien. Die Gruppe stellte fest, dass die staatlichen Mindestlöhne in allen untersuchten Ländern unter der Armutsgrenze lagen – und weit unter dem geschätzten Existenzminimum für eine vierköpfige Familie. Sowohl in Rumänien als auch in Bulgarien betrug der Mindestlohn nur etwa 20 Prozent dieses Existenzminimums.

Missstände schwer aufzudecken

Arbeiter versorgen sich mit Snacks, bevor Sie ihre Schicht in der Maglierie Cristian Fabrik in Calafat, im Süden Rumäniens, antreten.
Credits: Laura Stefanut

Markenfirmen und Zulieferbetriebe geben zuweilen Sozial-Audits in Auftrag, die überprüfen sollen, ob die Arbeitsbedingungen internationalen Standards entsprechen. Audits sind jedoch kein Patentrezept. Laut Experten können diese schwere Missstände wie etwa den Einsatz von Kinderarbeit aufdecken. Es sei jedoch schwieriger, weniger offensichtliche Probleme wie den Zahlungsverzug bei Löhnen oder die Nichtabgeltung von Überstunden nachzuweisen. Auditoren verbringen nur kurze Zeit in den Fabriken, und Arbeiter haben mitunter Angst davor, offen mit ihnen zu reden. Zudem gibt es laut Experten zu wenige solcher Prüfungen in Osteuropa.

Fabrikseigentümer in Rumänien und Bulgarien behaupten, sie seien kaum in der Lage, Löhne zu erhöhen, weil die Marken großen Druck ausübten, um Kosten niedrig zu halten. „Sie wollen nur die Preise drücken, immer tiefer, das ist alles“, sagt Radina Bankowa, die Präsidentin des bulgarischen Verbandes der Textilproduzenten und -exporteure.

In manchen Fällen haben es die Arbeiter allerdings geschafft, sich zu organisieren und bessere Bedingungen einzufordern. 2007 traten Arbeiter in der Pirin-Tex-Fabrik in der bulgarischen Stadt Goze Deltschew in Streik. Sie forderten eine Lohnerhöhung von 100 Euro im Monat. Bertram Rollmann, der 59-jährige deutsche Fabrikseigentümer, war schockiert. Seit er den Betrieb in den neunziger Jahren übernommen hatte, glaubte er, keine Mühen gescheut zu haben für gute Beziehungen zur Belegschaft. Die Löhne seien jedes Jahr gestiegen und für den Sektor überdurchschnittlich hoch gewesen, sagt er.

Unrealistische Forderungen

Bertram Rollmann in seiner Pirin-Tex Fabrik in Bulgarien.
Credits: Laura Stefanut

Rollmann verfügt über langjährige Erfahrung in der Bekleidungsbranche. Sein Großvater, seine Mutter und sein Vater waren alle Schneider. Sein Vater besaß eine Bekleidungsfabrik in Deutschland, „im goldenen Zeitalter der Industrie“, wie Rollmann die siebziger und achtziger Jahre nennt. „Zu dieser Zeit ging es mehr um solide Qualität, und die Marken haben nicht so stark auf den Preis gedrückt“, erzählt er.

Rollmann sah die riesige Welle der Produktionsverlagerung voraus und suchte in Osteuropa einen neuen Produktionsstandort. Er fand kooperative Behörden in Goze Deltschew und eröffnete 1993 seine Fabrik. Das Unternehmen wuchs auf über 2.000 Beschäftigte an und ist heute die größte Bekleidungsfabrik in Bulgarien. 2007 hatten die Arbeiter das Gefühl, nicht ausreichend entlohnt zu werden. Ihr Streik war, zumindest zum Teil, Bulgariens kurz zuvor erfolgtem Beitritt zur Europäischen Union geschuldet. Die Arbeiter wollten nun wie Westeuropäer bezahlt werden.

Sogar ein Gewerkschaftsführer fand ihre Forderungen unrealistisch. Dimitar Tabakow, der Präsident der Leichtindustrie-Sparte der Konföderation unabhängiger bulgarischer Gewerkschaften, erinnert sich daran, ihnen dies 2007 gesagt zu haben. Sie warfen ihm vor, sich auf die Seite ihres Arbeitgebers zu schlagen. Rollmann wandte sich an seine Kunden, die großen Markenfirmen, und ersuchte sie, ihm einen besseren Preis für seine Produkte zu zahlen. Daraufhin habe er seinen größten und zugleich langjährigsten Kunden verloren, dessen Aufträge 25 Prozent der Produktion der Fabrik ausgemacht hätten. Andere Kunden waren damit einverstanden, mehr zu zahlen.

Der Streik endete nach siebzehn Tagen, als Rollmann seiner Belegschaft eine Lohnerhöhung von etwa 60 Euro anbieten konnte. Derzeit betrage das durchschnittliche Gehalt in seiner Fabrik etwa 415 Euro, sagt er. Rollmann glaubt, dass sich die Bedingungen und Löhne in der Branche langsam verbessern, da Kampagnen und Medienberichte von Tragödien wie jenen in den Bekleidungsfabriken in Asien dazu geführt haben, dass Markenfirmen von Kunden unter Druck gesetzt werden. „Sie reagieren jetzt“, sagt Rollmann. „Die öffentliche Haltung ändert sich.“

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der Erste-Stiftung und den Open Society Foundations in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network. Übersetzung: Barbara Maya.