Stephanie Pilick / EPA

Frankfurt diskutiert Frauen-Schwimmen

Im Bikini unter sich

von Cornelia Derichsweiler / 09.08.2016

Die Bäder sollten öfter nur für Frauen öffnen, findet der Frankfurter Ausländerbeirat. Das fördere auch die Integration von Musliminnen. Viele halten diese Form der Geschlechtertrennung für einen Rückschritt.

Ganz vorsichtig paddeln sie mithilfe ihrer Schwimm-Nudeln durchs Becken, lassen sich durchs Wasser tragen. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, die munter im Becken planschen. Ein Grüppchen älterer Frauen, teilweise im Ganzkörper-Badeanzug, im Burkini, hat sich in eine Ecke zurückgezogen. Sie beobachten das Treiben lieber vom sicheren Beckenrand, stehen tuschelnd und lachend beisammen.

Einige der jüngeren Frauen wagen ein paar Züge im flachen Wasser, spornen sich gegenseitig an. Etwa siebzig Frauen sind an diesem Sonntagmorgen ins Frankfurter Gartenbad gekommen. Die meisten von ihnen sind Musliminnen.

Ein ganz fremdes Medium

„In meinem Land ist es nicht üblich, schwimmen zu lernen“, berichtet eine Pakistanerin, die mit ihren Kindern schwimmen war und nun draussen vor dem Bad darauf wartet, von ihrem Mann mit dem Auto abgeholt zu werden. Männer und Frauen dürften auch nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit baden, fügt sie, mit leisem Lächeln, hinzu. „Ich habe grosse Angst vor dem Wasser.“ Die junge Pakistanerin kommt vor allem wegen ihrer fünfjährigen Tochter hierher; sie soll sich ans Wasser gewöhnen. Im Herbst will sie gemeinsam mit ihr einen Schwimmkurs belegen. Sie sei schon mehrmals zum Üben im Bad gewesen: „Dann aber kam der Ramadan, und jetzt habe ich wieder alles verlernt“, sagt die Frau mit einem Seufzer. Ihre Älteste jedoch habe hier in Frankfurt bereits das Seepferdchen-Abzeichen gemacht, erzählt sie, während ihr Blick bewundernd zu der halbwüchsigen Tochter schweift.

Zurück ins finstere Mittelalter?

Das Gartenbad im Frankfurter Stadtteil Fechenheim ist eine von zwei Schwimmhallen in der Mainmetropole, die spezielle Zeiten nur für weibliche Besucher anbieten. Am Sonntagmorgen zwischen 8 und 11 Uhr sind die Frauen dann in dem Bad, das von aussen nicht einsehbar ist, ganz unter sich. Das gesamte Personal ist weiblich, von der Kassiererin bis zur Bademeisterin. Der kommunale Ausländerbeirat in Frankfurt aber hält das bestehende Angebot für nicht ausreichend. Die Nachfrage sei enorm gestiegen, vor allem Musliminnen seien am Frauenschwimmen sehr interessiert. Auch unabhängig vom Glauben jedoch gebe es Frauen, die dem anderen Geschlecht ihren Körper nicht zeigen wollten, meint Hüseyin Kurt, der Vorsitzende des kommunalen Ausländerbeirats: „Genau aus diesem Grund gibt es auch Sauna-Abende, Fitness-Studios oder Gymnastik speziell für Frauen“, argumentiert Kurt. Er findet, der Austausch von Frauen unterschiedlicher Kulturen im geschützten Raum könne zudem eine Chance für die Integration von Musliminnen sein.

Der Antrag an die Stadtverwaltung, das Angebot auf weitere Bäder auszuweiten, hat in Frankfurt hohe Wellen geschlagen. Erhitzt ist die Debatte sowohl am Beckenrand als auch auf den Social-Media-Kanälen im Internet: „Wenn wir wieder mit der Trennung der Geschlechter anfangen, sind wir bald zurück im finsteren Mittelalter“, protestieren die einen im Netz. Andere wiederum bekennen, im Schwimmbad lieber unter sich, also unter Frauen, zu sein: „Da kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren, ohne gegen meinen Willen begutachtet zu werden“, schreibt eine andere Nutzerin. Auch in der Politik der schwarz-rot-grün regierten Mainmetropole ist man gespalten: Ein Teil der örtlichen SPD unterstützt das Plädoyer. Die Frankfurter CDU aber steht einer Ausweitung der Badezeiten für Frauen eher kritisch gegenüber. Integrationspolitisch seien solche Initiativen das falsche Signal, heisst es.

Kein Raum für Sonderwünsche

Die städtischen Bäder-Betriebe in Frankfurt reagierten ebenfalls zurückhaltend. Wegen der ohnehin grossen Auslastung seien solche Sonderwünsche sowieso kaum umsetzbar. „Rund 60 Prozent der verfügbaren Zeiten sind mit Schulen und Vereinen ausgelastet“, berichtet Frank Müller, der Geschäftsführer der Bäder-Betriebe. Für die breite Öffentlichkeit verblieben damit nur 40 Prozent der Zeit zur freien Nutzung der Bäder. Wenn man mehr exklusives Frauenschwimmen anbieten wolle, müsse man andere Angebote einschränken. Es gebe allerdings auch keinen Nachweis für eine gestiegene Nachfrage, meint Müller. Das gehe aus Befragungen von Badegästen hervor.

Baden im Burkini sei in Frankfurt ohnehin schon seit Jahren erlaubt, fügt er hinzu. Frankfurt verstehe sich zudem als eine multikulturelle Stadt. Integration laufe gerade gut, wenn man unterschiedliche Nutzer gemeinsam für etwas gewinnen könne, findet Frank Müller. Und er berichtet von den positiven Erfahrungen, die man mit dem gemeinsamen Schwimmunterricht an den Schulen gemacht habe. Am Prinzip der Koedukation wolle man ja auch nicht rütteln, entgegnet Enis Gülegen, der Vorsitzende des hessischen Landesausländerbeirats. Das sei selbstverständlich ein wichtiger Eckpfeiler der Erziehung. In diesem Falle aber gehe es um Wahlfreiheit für Erwachsene. „In einer pluralistischen Gesellschaft soll sich jeder frei entfalten können“, findet Gülegen.

Ein Stück Freiheit

Auch in vielen anderen deutschen Städten, von Hamburg bis München, sorgt das Frauenschwimmen immer wieder für Kontroversen. Ein einheitliches Angebot gibt es nicht, auch nicht in Hessen. In Oberursel, nicht weit von Frankfurt, ist das Hallenbad bereits seit fast zwei Jahren an jedem zweiten Sonntagmorgen für Frauen reserviert. Die Gleichstellungsbeauftragte der 45 000 Einwohner zählenden Stadt, Gabriela Wölki, versteht zwar, dass so mancher getrenntes Schwimmen für rückständig erklärt.

Nicht nur religiöse Gründe allerdings sprächen dafür: Unter den Teilnehmerinnen seien auch solche, die eine Operation hinter sich hätten oder im Frauenhaus Zuflucht gefunden hätten. Wölki sieht vor allem jedoch die Chance, Musliminnen und deren Kinder an eine ihnen fremde Tradition heranzuführen: „Die Frauen gewinnen Vertrauen, lernen die Gepflogenheiten des Bades kennen und ermuntern dann auch die eigenen Kinder zum Schwimmen“, berichtet sie. Ausserdem sieht Wölki das Schwimmen als eine geeignete Plattform für viele Frauen, aus der häuslichen Isolation herauszukommen.

Das kann Safia Noor aus Pakistan nur bestätigen: „Es bietet Frauen die Chance, Teil der Gesellschaft zu werden“, erzählt die 34-Jährige begeistert. Sie lebt schon lange in Oberursel, hat aber erst vor kurzem schwimmen gelernt. Im vergangenen Sommer war sie in Ägypten in den Ferien. Dort sei sie erstmals im Meer baden gewesen, habe sich sogar aus dem Boot heraus ins Wasser getraut, berichtet die Frau. Das hätte sie sich früher nie träumen lassen. Viele Badeunfälle mit Flüchtlingencdw. Frankfurt ⋅ Bei hochsommerlichen Temperaturen ist die Versuchung, sich mit einem Sprung ins Wasser abzukühlen, gross. Viele aber überschätzen sich: vor allem Flüchtlinge, die häufig gar nicht schwimmen können. 27 Migranten sind allein im vergangenen Jahr in Deutschland beim Baden ertrunken. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) warnt bereits seit längerem vor den Gefahren offener Gewässer speziell für Zuwanderer: „Die Zahl der Flüchtlinge, die beim Baden umkamen, liegt in diesem Jahr mit 35 bis 40 Toten schon jetzt weit über der des gesamten letzten Jahres“, berichtet Achim Wiese, Pressesprecher der DLRG, besorgt. Für viele gehöre der Erlebnisraum Wasser und eben auch das Schwimmenlernen nicht zum Kulturgut. In Deutschland hingegen können etwa 80 Prozent der Bevölkerung schwimmen. Unter den ertrunkenen Migranten seien vorwiegend junge Menschen, so Wiese. „Wenn sie mit ihren Freunden an Seen und an Flüssen unterwegs sind und sehen, wie ihre deutschen Altersgenossen dort Spass haben, sagen sie sich: Das kann ich auch“, erklärt Wiese. Plötzliche Untiefen, Strömungen und Temperaturunterschiede aber könnten Wasser-Laien zum Verhängnis werden. Die DLRG fordert daher Konsequenzen. So hat man Flyer mit Baderegeln in mehr als 20 Sprachen verfasst. Ausserdem gehen die Wasser-Retter in Flüchtlingsheime, um vor den Gefahren beim Baden in offenen Gewässern zu warnen. Vielerorts konnten die Neuankömmlinge schnell in bestehende Kurse integriert werden. All dies aber erfordere die Kooperation der Behörden, sagt Achim Wiese. Es gebe eine grosse Nachfrage, aber eben auch lange Wartelisten für Schwimmkurse.