Krieg in Syrien

In Aleppo bereiten sich alle auf die nächste Schlacht vor

von Inga Rogg / 11.08.2016

Russland hat für jeden Tag eine dreistündige Waffenruhe für das umkämpfte Aleppo verkündet. Ein Durchbruch ist das nicht.

Das türkisch-russische Tauwetter soll sich laut Ankara auch positiv auf den Konflikt in Syrien auswirken. Nur einen Tag nach dem Treffen der Präsidenten der beiden Länder in St. Petersburg reisten Vertreter des türkischen Aussenministeriums, des Geheimdienstes und der Armee am Mittwoch zu Gesprächen nach Russland. Zwischen Ankara und Moskau gebe es in mehreren Punkten ein Einvernehmen, sagte Aussenminister Mevlüt Cavusoglu in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Die beiden seien sich in der Frage eines Waffenstillstands, der humanitären Hilfe und einer politischen Lösung einig, so Cavusoglu.

Ohne Wasser bei 40 Grad Hitze

Die Uno hat am Dienstag einen zweitägigen Waffenstillstand gefordert, um dringend nötige Hilfe nach Aleppo zu bringen. Am Wochenende war es Aufständischen gelungen, den Belagerungsring um den von ihnen kontrollierten Ostteil der Stadt zu sprengen. Eine sichere Versorgungsroute gibt es aber nach wie vor nicht. Gleichzeitig droht den Bewohnern in dem vom Regime kontrollierten Westteil der Stadt die Belagerung. Der südliche Nachschubweg ist grossteils durch Islamistenverbände und Extremisten blockiert. Dazu gehört auch die Nusra-Front, die ehemalige syrische Kaida, die sich neu Fatah al-Sham nennt. Entlang den nördlichen Zufahrtswegen ist es zurzeit zwar relativ ruhig, das könnte sich aber ändern, sollten die Rebellen dort eine weitere Front eröffnen. Zudem kontrollieren die Kurden den nördlichen Stadtteil Sheikh Maksud. Die Kurden liegen zwar vor allem mit den Islamisten im Konflikt, in den vergangenen Wochen kam es aber auch wiederholt zu Kämpfen mit syrischen Truppen.

In der gesamten Stadt ist nach Uno-Angaben seit Tagen die Wasserversorgung gekappt, und das bei Temperaturen von mehr als 40 Grad. Sollte es keine Feuerpause geben, drohen die bis zu zwei Millionen Einwohner diesseits und jenseits der Frontlinien von jeglicher Hilfe abgeschnitten zu werden. Sollten sich die Türkei und Russland, die in dem Krieg gegnerische Seiten unterstützen, einig werden, wäre das ein erster Durchbruch. Aussenminister Cavusoglu dämpfte freilich überzogene Erwartungen. Zwischen den beiden Seiten gebe es unterschiedliche Positionen über die Umsetzung eines Waffenstillstands. Die Türkei wolle ein Ende der Angriffe auf Zivilisten, auch Angriffe auf die „moderate Opposition“ seien unangemessen. Am Mittwoch kündigte Russland eine tägliche dreistündige Waffenruhe an.

Irakische Hilfe für das Regime

Während auf diplomatischem Parkett das Tauziehen um Selbstverständlichkeiten wie Wasser, Nahrung und Medikamente andauert, gehen die Kämpfe unvermindert weiter. Diese konzentrierten sich am Mittwoch vor allem auf Aleppos Nachbarprovinz Idlib. Dabei flogen die syrische und die russische Luftwaffe nach übereinstimmenden Angaben von regimenahen Medien wie Oppositionellen Dutzende von Luftangriffen auf mehrere Städte. Allein das Zentrum von Idlib-Stadt sei zwölfmal bombardiert worden, sagten Aktivisten.

Die Bombenangriffe auf Idlib hätten mindestens 16 Tote und mehr als 40 Verletzte gefordert, teilten die „Weissen Helme“, der Zivilschutz in den Rebellengebieten, mit. Dabei sei in der Stadt auch eine Kirche bombardiert worden. Videoaufnahmen von lokalen Medienaktivisten zeigten eine Strasse, die in Flammen stand. Die iranische Nachrichtenagentur Fars News berichtete von angeblichen Erfolgen der syrischen Truppen. Die syrische Luftwaffe habe, unterstützt von Russland, Hunderte von „Terroristen“ getötet, so die Agentur am Mittwoch. Von einem Ende der Blockade über Ost-Aleppo könne keine Rede sein. Vom Zivilschutz und von Aktivisten verbreitete Aufnahmen zeigten dagegen vor allem zivile Opfer, unter ihnen auch Kinder.

Die schweren Kämpfe der letzten Woche haben auf beiden Seiten Hunderte von Toten gefordert. Dass die Lage für das Regime keineswegs so rosig ist wie von den Iranern behauptet, zeigt die Mobilisierung von schiitischen Milizionären aus dem Ausland. Zwei irakische Milizen haben nach eigenen Angaben 3000 Kämpfer nach Aleppo geschickt.

Auch die Rebellen bereiten sich auf die nächste Runde in der Schlacht um die geschundene Stadt vor. Dabei hat ein Islamistenbündnis, zu dem auch die frühere Nusra-Front gehört, eine Verstärkung von mehr als tausend Kämpfern angekündigt. Die vierte Phase der Offensive beginne demnächst. „Wir werden ganz Aleppo befreien.“ Trotz den Luftangriffen gelang es ihnen, am Mittwoch aus Idlib grössere Mengen an Gemüse und Früchten in den Ostteil der Stadt zu bringen. Dabei geht es für die Radikalen auch darum, die Eingekesselten für sich zu gewinnen. Sie hatten vor rund zwei Jahren die Nusra-Front aus Aleppo zum Abzug gezwungen.