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Irische Sorgen

Irland fürchtet den „Brexit“

von Martin Alioth / 08.02.2016

Ein „Brexit“ wäre für Irland dramatischer als für jedes andere Land. Die traditionell enge Bindung zwischen den Inseln ist gefährdet.

Wo einst Soldaten mit geschwärzten Gesichtern und angeschlagener Waffe aus vergitterten Befestigungen starrten und die Grenzgänger sich durch monströse Schikanen schlängeln mussten, gleitet nun eine Autobahn durch die karge Hügellandschaft. Die Grenze zwischen der Republik Irland und der britischen Provinz Nordirland ist virtuell, ohne sichtbare Spuren in der Landschaft. Wie lange noch?

Seit der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, diese Woche seine Vorschläge für eine Anpassung der britischen EU-Mitgliedschaft veröffentlicht hat, rüsten sich die Briten für eine Volksabstimmung von historischer Bedeutung. Erstmals seit 1975 dürfen sie über einen Austritt abstimmen. Obwohl die exakte Vereinbarung erst in etwa zwei Wochen verabschiedet werden soll, drängt der britische Premierminister David Cameron auf ein Referendum am 23. Juni.

Derweil hat in Irland eben der Wahlkampf begonnen. Am 26. Februar wählt die Republik ein neues Parlament und eine neue Regierung. Es dominiert die Diskussion über den drohenden „Brexit“. „Für uns ist das wichtiger als für irgendein anderes Land in Europa“, stellte ein besorgter Bericht eines irischen Parlamentsausschusses im letzten Juni fest. In der Tat teilt das Königreich nur mit Irland eine Landgrenze. Seit die 26 südlichen Grafschaften der irischen Insel 1922 aus dem britischen Staatsverband ausscherten, behandeln beide Länder die Bürger des anderen Staates als Einheimische. Iren gelten unter britischem Recht als „non-foreign aliens“, ein linguistischer Widerspruch, der für kein anderes Land angewendet wird. Iren genießen im Nachbarland Bürgerrechte wie Briten. Dasselbe gilt umgekehrt.

Nordirland wäre isoliert

Diese Zone der bilateralen Freizügigkeit wäre gefährdet, wenn die Briten die EU verließen. Der irische Premierminister Enda Kenny prophezeite im Januar, in diesem Falle seien Grenzkontrollen an der inneririschen Grenze wohl unvermeidlich; Nordirland, meinte der Regierungschef, käme in „ernsthafte Schwierigkeiten“.

Ein umfangreicher Bericht des angesehenen irischen Forschungsinstituts Esri zog im letzten November eine trübe Bilanz: Der bilaterale Handel zwischen den beiden Nachbarn könnte im Falle eines „Brexit“ um ein Fünftel schrumpfen. Dabei wären es nicht die im irischen Exportsektor dominanten amerikanischen Multis, die am empfindlichsten von den Einbußen betroffen wären, sondern die einheimischen irischen Firmen, namentlich in der Sparte Nahrungs- und Genussmittel. Sie konzentrieren ihre Exporte besonders stark auf den britischen Markt.

Als die beiden Inselstaaten 1973 der damaligen EG beitraten, gingen fast 60 Prozent der irischen Warenexporte ins Nachbarland. Heute sind es zwar nur noch 15 Prozent, aber das Königreich bleibt der zweitgrößte Exportmarkt – nach den USA. Bei den irischen Importen dominieren britische Produkte gar. Gesamthaft rechnet das ESRI im Falle eines „Brexit“ mit einem Rückgang der irischen Wirtschaftsleistung um bis zu drei Prozent. Für Nordirland, dessen Außenhandel weit stärker von der Republik abhängig ist als umgekehrt, wären die Folgen noch gravierender.

Das Bewusstsein für die Risiken dieser britischen Volksabstimmung ist in Irland noch nicht in eine breite Debatte durchgesickert. Die Warnungen kommen von Politikern und Akademikern. Sie sind sich einig: Irland hat bei einem „Brexit“ nichts zu gewinnen.

Plötzlich engste Freundin

So findet sich die Republik, deren Verhältnis zu den Engländern lange von Missgunst geprägt war, nun in der Rolle der engsten Freundin der Briten. Je nach Berechnung fließt in den Adern von 10 bis 24 Prozent der britischen Bevölkerung irisches Blut, 400.000 gebürtige Iren leben auf der Nachbarinsel, 230.000 Briten in Irland. Sie alle sorgen sich um ihren zukünftigen Rechtsstatus.

Irland verzeichnete 2015 erneut das höchste Wachstum in Europa. Ob das so bleibt, wird nicht bei den kommenden Wahlen entschieden: Das Votum der Briten über einen „Brexit“ wird für die Iren folgenschwerer sein als ihr eigener Stimmzettel.