Terror in Paris

Ismaël Mostefaï: der gut getarnte Terrorist

von Andres Wysling / 15.11.2015

Nur einer der Attentäter von Paris ist bisher offiziell identifiziert. Er stand früher unter polizeilicher Beobachtung, fiel dann aber nicht mehr auf. Vermutlich fuhr er unbemerkt nach Syrien.

Am Freitagabend stürmt der fast 30-jährige Mann, zusammen mit zwei Mittätern, ins Bataclan. Mit einem Kalaschnikow-Schnellfeuergewehr schießt er wahllos in die Menge, als die Polizei anrückt, zündet er seinen Sprengstoffgürtel. Sein Körper wird zerfetzt. Bei der Spurensuche nach dem Massaker in dem Konzertsaal findet die Polizei seinen abgerissenen Finger. Anhand der Fingerabdrücke kann seine Identität festgestellt werden: Ismaël Omar Mostefaï, geboren am 21. November 1985 in Courcouronnes bei Paris, aus einer Familie algerischer Herkunft. Er ist der erste – und bisher einzige – Attentäter von Paris, dessen Identität zweifelsfrei feststeht und über den man einiges weiß.

Der Mann, letzter bekannter Wohnsitz in Chartres, war bei der Polizei aktenkundig. Seit 2010 hatte er eine „fiche S“In Frankreich erhalten Personen, die eine Bedrohung für die Staatssicherheit darstellen, einen „fiche S“-Vermerk. Dieser gestattet den Behörden die umfassende Überwachung der betreffenden Person. ; „S“ steht für Staatssicherheit. Damals fiel er erstmals auf wegen Kontakten zu islamistischen Kreisen. Er verkehrte in einer Moschee in Lucé bei Chartres und geriet dort offenbar unter den Einfluss eines Hasspredigers aus Belgien. Im Herbst 2013 und dann wieder im Frühjahr 2014 wurde er in der Türkei registriert.

Heute nimmt man an, dass er die Türkei auf der Reise nach Syrien durchquerte, sich in Syrien zum Terroristen ausbilden ließ und anschließend wieder durch die Türkei nach Frankreich zurückkehrte. In Chartres wurde er dann in einer Gruppe von Salafisten beobachtet, aber offenbar als ungefährlich eingestuft. Mostefaï sei nie im Zusammenhang mit terroristischen Gruppen aufgefallen, unterstreicht die Staatsanwaltschaft in Paris.

Eine Reporterin von Radio France behauptet jedoch, er sei mit Amedy Coulibaly befreundet gewesen; dieser hat im Januar in Paris eine Polizistin erschossen und in einem Koschergeschäft bei einer Geiselnahme vier Personen getötet. Das wird von den Behörden nicht bestätigt.

Fest steht, dass Mostefaï eine Strafakte mit acht Einträgen aus den Jahren 2004 bis 2010 hat. Es ging jeweils um Kleindelikte wie Fahren ohne Fahrausweis oder Beleidigungen. Der junge Mann kam offenbar mehrfach in Polizeigewahrsam, wurde aber nie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auch wegen Drogenhandels wurde gegen ihn ermittelt, es kam aber nicht zu einer Verurteilung. 2010 bricht die Reihe der Straftaten ab. In diesem Jahr kam Mostefaïs erste Tochter zur Welt; danach habe er sich beruhigt, fanden Bekannte von ihm. In demselben Jahr fiel er aber bei den Behörden auch wegen seiner Kontakte zu islamistischen Kreisen auf.

Nicht nur die Polizei bemerkte keine deutlichen Anzeichen einer gefährlichen Radikalisierung, sondern offenbar fiel auch sonst niemandem etwas auf. „Seit 2012 bewegte er sich nicht. Er machte keinen Lärm“, erklärte der Bürgermeister von Chartres. Mostefaï war ein Familienvater mit zwei Kindern, lebte in einer Sozialbauwohnung im Außenquartier La Madeleine bei Chartres und führte anscheinend – so geht aus französischen Medienberichten hervor – ein äußerst zurückgezogenes Leben. Quartierbewohner meinten sogar, er sei schon vor zwei oder drei Jahren weggezogen, man habe nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich befand er sich zeitweise gar nicht an seinem Wohnort.

Nach Angaben seines älteren Bruders brachte Mostefaï seine Familie vor einiger Zeit nach Algerien, ins Dorf seiner Eltern. Der Bruder selbst „fiel aus allen Wolken“, wie er selbst sagte, als er von Mostefaïs Rolle bei dem Attentat hörte. Er habe bei Ismaël Mostefaï keine Hinweise auf eine Radikalisierung festgestellt; allerdings habe er zu diesem auch kaum Kontakt gehabt. Er gab an, er habe mit seiner Mutter telefoniert, und es scheine, dass auch sie von gar nichts wisse.

Es gibt noch einen dritten Bruder Mostefaï. Wo dieser sich derzeit aufhält, ist den Behörden nicht bekannt. Die Polizei hegt offenbar den Verdacht, dass er an dem Überfall auf das Bataclan mit beteiligt war; doch konnten die durch Explosion verstümmelten Leichen der beiden anderen Attentäter bisher nicht identifiziert werden. Sechs Mitglieder der Familie Mostefaï wurden bis auf weiteres in Polizeigewahrsam genommen.