100 Jahre Schlacht von Verdun

„Ist Verdun nicht ein Menschenfresser?“

von Marc Zitzmann / 23.02.2016

Das wiedereröffnete Mémorial de Verdun und ein Essay der Historiker Gerd Krumeich und Antoine Prost beleuchten die lothringische Schlacht von 1916 aus französischer und aus deutscher Sicht.

„Inmitten all der maßlosen und grauenhaften Bilder, die ich erlebe, ist der Gedanke der Rückkehr in die Heimat wie ein strahlendes Licht im Dunkel. Mach Dir keine Sorgen, ich werde es überleben“, schreibt Franz Marc am 4. März 1916 an seine Frau. Die Zuversicht des Malers in Feldgrau trügt: Noch am selben Tag tötet ihn ein Granatsplitter. Realistischer tönt da der Brief eines Unbekannten aus dem Gegnerlager: „Hier habe ich Angst. Ist Verdun nicht ein Menschenfresser?“ Beide Zitate finden sich in einem neuen Saal des Mémorial de Verdun, das gestern Montag nach zweieinhalbjähriger Schließung wiedereröffnet wurde, hundert Jahre nach Beginn der epochalen Schlacht, die bald schon nach der lothringischen Stadt benannt wurde.

Beide Perspektiven

Mémorial de Verdun
Credits: Jean-Marie Mangeot

Die Nebeneinanderstellung der beiden Briefauszüge ist emblematisch für den neuen Museumsparcours. Konsequenter als der alte setzt er Deutsche und Franzosen parallel, Berühmte und Unbekannte, Opfer und solche, die der „Hölle von Verdun“ unversehrt entkamen. Hauptgrund für den 12,5 Millionen Euro teuren Um- und Ausbau des 1967 eröffneten Memorials dürfte indes der heuer zu erwartende Besucherstrom sein: Das Bordelaiser Architekturbüro Brochet Lajus Pueyo hat den zweistöckigen Bau einfühlsam, aber etwas kühl mit Glaskästen überhöht, mit zwei Flügeln sowie einem großzügigen Empfangsbereich versehen und so 1.900 Quadratmeter zusätzlichen Raum geschaffen für Dauer- und Wechselausstellungen und für alle Annehmlichkeiten, die ein Museum heute braucht.

Souvenir aus dem Schützengraben
Credits: © Collection du Memorial de Verdun – Droits reserves

Inhaltlich jedoch bedurfte der vorige Parcours, der erst 2006 eröffnet worden war, keineswegs der Totalüberholung. Gewiss wurden Details auf den neusten Forschungsstand gebracht: Die Deutschen wählten Verdun nicht zum Angriffsziel, weil Frankreichs Befehlshaber die schwere Artillerie von den Festungen der Zone abgezogen hatten (das merkten die Angreifer erst später); und es gab auch keine Regel, wonach französische Einheiten erst abgelöst wurden, wenn sie ein Drittel ihrer Männer verloren hatten. Aber die Themen und Problemstellungen des Parcours von 2006 übernimmt jener von 2016 fast durchweg, wenngleich in neuer Anordnung, mit zusätzlichen Exponaten und einer luxuriöseren – aber auch unübersichtlicheren, weil weniger linearen – Szenografie. So finden sich neben der Zweiteilung in Front (Erdgeschoß) und Hinterland (erster Stock) auch zahlreiche Einzelthemen wieder: Bewaffnung, Kommunikation, Verletzung und Tod, die zerstörten Dörfer vor Verdun, das „Schützengraben-Kunsthandwerk“ …

Neu ist neben einigen Kapiteln, die den Akzent aufs unmittelbare Erleben legen („Vorrücken an die Front“, „Vorbereitungen im Chaos“, „Unter Feuer!“, „Überleben“, „Wie kann man durchhalten?“), die systematische Gleichbehandlung der deutschen und der französischen Perspektive. Jedes Thema wird so von beiden Seiten beleuchtet – bis hin zu scheinbar Trivialem: Die Deutschen spielten zwischen zwei Angriffen Skat, die Franzosen Manille.

Der Mythos Verdun

Knapper als im alten Parcours fällt dagegen das Kapitel über Verdun als Gedenkort und (trans)nationaler Mythos aus. Um darüber mehr zu erfahren, empfiehlt sich die Lektüre des kürzlich erschienenen Buches, das der Deutsche Gerd Krumeich und der Franzose Antoine Prost gemeinsam geschrieben haben: „Verdun 1916“, das erste Unternehmen dieser Art überhaupt zu diesem Thema. Leider ist die deutsche Übersetzung (Verlag Klartext) des auf Französisch mit eleganter Feder verfassten Essays sprachlich ebenso ungelenk wie ungenau – und stellenweise schlicht fehlerhaft.

Deutscher Helm
Credits: © Memorial de Verdun

Die beiden eminenten Historiker und ausgewiesenen Kenner des Ersten Weltkrieges betreiben keine Ereignisgeschichte (die Fakten sind weitgehend bekannt), sondern stellen einige „ganz konkrete und ganz einfache Fragen“. Ihre Antworten indes sind komplex. Im Kapitel „Warum Verdun?“ etwa widersprechen sie überzeugend der These, die Deutschen hätten Frankreichs Streitkräfte an diesem Ort binden und „ausbluten“ lassen wollen. Das sei eine nachgeschobene Rechtfertigung des deutschen Oberbefehlshabers, der das Scheitern seines ursprünglichen Plans, Frankreich durch eine schwere Niederlage einen Separatfrieden aufzuzwingen, habe vertuschen wollen.

Französischer Helm
Credits: Pierre Antoine

Das Kapitel „Wie wurde Verdun für Frankreich zu einem heiligen Ort?“ beschreibt die früh aufkommende Sorge, man könne dort den Krieg verlieren. Dank einem landesweiten Turnus-System kämpften zwischen zwei Drittel und drei Viertel aller französischen Soldaten 1916 auf Zeit auf diesem Schlachtfeld. Zudem waren keine Alliierten beteiligt – so wurde Verdun zur Schlacht schlechthin. Und zur „schlimmsten“ von allen – obwohl sie sich von anderen großen Gefechten laut den Autoren kaum unterschied und etwa die Schlacht an der Somme im selben Jahr noch viel verlustreicher war. In Deutschland erlangte Verdun nie dieselbe mythische Aura. Während Henri Barbusse 1916 für seinen naturalistischen Kriegsroman „Le Feu“ den Prix Goncourt erhielt, wurde Fritz von Unruh im selben Jahr das Kriegsgericht angedroht, sollte er seine literarisch ähnlich bedeutende expressionistische Verdun-Erzählung „Opfergang“ veröffentlichen (sie erschien dann 1919). Erst ab 1928 erwachte in Deutschland ein breiteres Interesse an Verdun und mischten sich deutsche „Kriegstouristen“ unter die französischen Pilger.

De Gaulle, Mitterrand, Kohl


Credits: SVEN SIMON

1936 nahmen deutsche Veteranen an einem pazifistischen Fackelzug zum Ossarium von Douaumont teil, wo die Gebeine von 130.000 unbekannten Kämpfern aus beiden Lagern ruhen. Daselbst hielten Helmut Kohl und François Mitterrand einander 1984 während einer Gedenkfeier lange die Hand – das Bild ging um die Welt –, nachdem bereits de Gaulle 1968 am selben Ort die „direkte und privilegierte Kooperation“ zwischen Deutschland und Frankreich beschworen hatte und elf Jahre später Ernst Jünger als Ehrengast der Gedenkfeiern in einer auf Französisch gehaltenen Rede befunden hatte, im Rückblick verschmölzen die Fronten.

So sehen es auch Krumeich und Prost: Verdun mache aus den Ahnen der heutigen Deutschen und Franzosen Opfer eines und desselben mörderischen Wahns und damit aus ihnen allen ein einziges Volk. „Verdun bringt nicht näher: Es eint.“