Berengo Gardin Gianni / Contrasto

Bevölkerungsprognose

Italiens Bevölkerung schrumpft: Fertig-Kindersegen

von Andrea Spalinger / 26.07.2016

Die Geburtenzahlen sinken in Italien seit Jahren. Die Bevölkerung nimmt ab, trotz Zuwanderung. Düstere Stimmen warnen vor einer Apokalypse.

Antonella Falconio hat eine sechsjährige Tochter. Eigentlich hätte sie gerne noch ein zweites Kind. Die Mittdreissigerin stammt aus einer kinderreichen Familie in den Abruzzen und möchte nicht, dass ihre Tochter als Einzelkind aufwächst. Zudem hätten sie und ihr Mann Riccardo auch gerne mehr Leben im Haus. Aus finanziellen Gründen scheint ihnen Familienzuwachs aber nicht angebracht. „Wir kommen gerade so über die Runden“, sagt Antonella. „Wenn wir zwei Kinder hätten, könnten wir den beiden nicht mehr die gleichen Chancen im Leben bieten. Ausserdem würde es für mich noch schwieriger, die Betreuung zu organisieren.“

Wunsch nach mehr Nachwuchs

Die beiden gehören keiner benachteiligten sozialen Schicht an. Sie sind ein typisches junges Paar aus der oberen Mittelklasse. Er ist als Anwalt einer Kanzlei angeschlossen. Sie hat Sprachwissenschaften studiert und schlägt sich als freie Film- und Fernseh-Assistentin durch. Das Einkommen von beiden schwankt je nach Auftragslage stark. Gemeinsam verdienen sie in guten Monaten rund 3000 Euro, oft ist es weniger. Doch die Steuern in Italien sind hoch. Und das Leben in der Hauptstadt teuer, vor allem Wohnraum und Kinderbetreuung gehen ins Geld. Wie viele junge Italiener werden auch Antonella und Riccardo von der älteren Generation finanziell unterstützt. Die Schwiegereltern haben dem Paar vor ein paar Jahren dabei geholfen, eine Wohnung im Norden der Stadt zu kaufen. „Wenn wir diese nicht hätten, würde es für uns jeden Monat sehr eng“, stellt die berufstätige Mutter fest.

Als ihre Tochter geboren wurde, arbeitete Antonella Vollzeit in einem Buchverlag. Doch sie fand keinen Platz in der staatlichen Kinderkrippe, und eine private Betreuung konnte sie sich nicht leisten. Deshalb arbeitete sie bald nur noch halbtags und liess die Tochter vormittags bei der Schwiegermutter. In der Krise verlor sie ihre Stelle, seither schlägt sie sich als Selbständige durch. Die Kleine geht mittlerweile in den Kindergarten, doch die Betreuung bleibt ein Problem. Ohne die Hilfe der Grossmutter wäre das Paar aufgeschmissen.

Laut Gianpiero Dalla Zuanna ist Antonellas Beispiel symptomatisch für Italien. „Untersuchungen zeigen klar, dass die jungen Leute hier gerne mehr Kinder hätten, als sie haben“, erklärt der Professor für Demografie an der Universität von Padua im Gespräch. „Im Schnitt wünschen sie sich mehr als zwei.“ Bereits seit vier Jahrzehnten liegt die durchschnittliche Kinderzahl jedoch deutlich tiefer. 2015 kamen auf eine Frau in Italien gerade noch 1,35 Kinder. 2,11 Kinder wären nötig, um die Bevölkerung aus sich selbst heraus, also ohne Zuwanderung, fortlaufend zu ersetzen.

Im letzten Jahr wurden laut dem Anfang Juni publizierten Bericht der Statistikbehörde Istat 486 000 Kinder geboren und damit 17 000 weniger als 2014. Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 zeichnet sich ein starker Einbruch ab. Insgesamt sind in den letzten sieben Jahren 90 000 Kinder weniger auf die Welt gekommen als in der Vorperiode. Dabei handelt es sich um einen landesweiten Trend. Am stärksten war der Rückgang zwar im Zentrum und im Norden, auch im Süden sind die Geburtenzahlen aber deutlich gesunken. Verschärft wurde die Situation 2015 durch einen Anstieg der Todesfälle um fast 10 Prozent auf 647 000. Verantwortlich dafür waren unter anderem eine schwere Grippewelle im Frühjahr und die ungewöhnliche Hitze im Sommer.

Die Bevölkerungsentwicklung beunruhigt die Demografen seit längerem. Doch nun ist die Gesamtbevölkerung zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg geschrumpft. 2015 lebten in Italien laut Istat 130 061 Personen weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Ausländer stieg dabei um 11 716. Im Vergleich zu früheren Jahren ist aber auch bei der Zuwanderung eine Abschwächung auszumachen, und der Zuwachs bei den Ausländern konnte den Rückgang bei der einheimischen Bevölkerung deshalb nicht mehr wettmachen.

Alarm in Rom

Italiens Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin warnte kürzlich vor einer Apokalypse. „Wir müssen sofort handeln, sonst riskieren wir einen verheerenden demografischen Knick. Wenn der Trend sich fortsetzt, werden in unserem Land 2026 nur noch 350 000 Kinder geboren, das heisst 40 Prozent weniger als 2010“, mahnte sie. Auch Professor Dalla Zuanna bezeichnet die Entwicklung als sehr beunruhigend. Die sinkende Geburtenrate reflektiere eine grosse Unsicherheit bei den jungen Paaren in Bezug auf die Zukunft. Die Gründe dafür seien vielschichtig; er nennt hohe Jugendarbeitslosigkeit, niedrige und unregelmässige Einkommen, trübe Karriereaussichten und wachsende finanzielle Abhängigkeit der jungen Generation von den Eltern. „Immer mehr Italiener halten ihre berufliche Situation heute einfach nicht mehr für stabil genug, um eine Familie zu gründen“, stellt Dalla Zuanna fest, „viele andere verzichten aus wirtschaftlichen Gründen auf ein zweites oder drittes Kind.“

Das hat zur Folge, dass das Durchschnittsalter steigt und Italien zunehmend überaltert. 1990 hatten die über 65-Jährigen noch 13 Prozent der Bevölkerung ausgemacht. Mittlerweile sind es 22 Prozent. Der Anteil der unter 15-Jährigen hingegen ist gesunken und liegt heute bei weniger als 14 Prozent. Das heisst, auf 158 Rentner kommen derzeit nur noch 100 junge Einwohner.

Schlusslicht in Europa

Die meisten Industriestaaten kämpfen mit ähnlichen Problemen. In Italien ist die Situation wegen der langen Rezession und gravierender struktureller Probleme aber akuter als anderswo. Laut einer Statistik von Eurostat zählte das südeuropäische Land 2014 deutlich mehr alte und weniger junge Bürger als die meisten anderen EU-Staaten. Mit einem Durchschnittsalter von 44,7 Jahren wird Italien derzeit zudem nur noch von Deutschland (45,6) übertroffen; in der Schweiz liegt es bei 42,3 Jahren.

Kulturelle Veränderungen haben selbstverständlich zum Geburtenrückgang beigetragen. Italienerinnen haben heute auch deshalb weniger Kinder als früher, weil sie besser ausgebildet und häufiger berufstätig sind. Doch das allein erklärt das Phänomen laut Dalla Zuanna nicht. Wie sich in Frankreich und vielen nordeuropäischen Staaten zeige, sei die Emanzipation der Frau durchaus mit Kindern kompatibel, erklärt er. Wenn die Bedingungen stimmten, habe die junge Generation noch immer einen Wunsch nach Kindern.

In Italien tut der Staat allerdings sehr viel weniger für Familien mit Kindern als vielerorts sonst in Europa. Es gibt kaum finanzielle Unterstützung, und es mangelt an bezahlbaren Betreuungsstrukturen. Dies macht es für Frauen schwierig, Beruf und Muttersein zu vereinen. Laut Dalla Zuanna können sich nur rund ein Drittel der Eltern in Italien einen Babysitter, eine Krippe oder eine andere Form bezahlter Kinderbetreuung leisten. Oft sprängen deshalb die Grosseltern ein. Rund ein Drittel der Mütter lasse die Kinder von ihren Eltern oder Schwiegereltern betreuen. Ein weiteres Drittel bleibe zu Hause. Doch das bedeute oft den Abstieg in die Armut, erklärt der Demograf. Viele Familien, in denen nur ein Elternteil arbeite, lebten laut Studien in notdürftigen Verhältnissen. Laut der Hilfsorganisation „Save the Children“ leben in Italien heute über eine Million Kinder unter der Armutsgrenze. Die Zahl der betroffenen Familien hat sich demnach zwischen 2006 und 2016 verdreifacht.

80 Euro monatlich pro Kind

Dalla Zuanna sitzt seit 2013 im Senat und versucht dort, auf politischer Ebene mehr Verständnis für das Thema zu wecken. Seiner Meinung nach wären dringend Steuervorteile für Familien und höhere Kinderzulagen nötig. Zudem müsste der Staat mehr in Kinderbetreuungsstätten investieren und arbeitenden Müttern durch gesetzliche Regelungen unter die Arme greifen. All dies sei jedoch schwer durchzusetzen. In Italien herrsche die Mentalität vor, dass Kinderhaben Privatsache sei und der Staat sich nicht einzumischen habe, erklärt er. In den letzten Jahrzehnten habe das Thema weder für rechte noch für linke Regierungen Priorität gehabt.

Die Regierung von Matteo Renzi hat im letzten Jahr zwar einen „Bonus Bebè“ eingeführt. Familien mit niedrigem Einkommen (unter 25 000 Euro im Jahr) erhalten nun drei Jahre lang pro Kind 80 Euro im Monat. Doch das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Antonella hätte nicht von einem solchen Bonus profitiert, weil sie nicht in die unterste Einkommenskategorie fällt. „So oder so würden 80 Euro unsere Meinung über ein zweites Kind aber nicht ändern“, sagt sie. „Davon kann man keine Kinderbetreuung bezahlen. Der Staat sollte lieber das Krippenangebot ausbauen.“ Auch die Gesundheitsministerin hat entschiedenere Massnahmen gefordert. Die Mutterschaft müsse soziales Prestige zurückgewinnen, sagte Lorenzin. Momentan stelle sie in erster Linie ein berufliches Hindernis für junge Frauen dar. Rückläufige ZuwanderungDem natürlichen Rückgang der Bevölkerung steht noch immer ein Wanderungszuwachs gegenüber. So liessen sich 2015 laut der Statistikbehörde Istat 133 000 Personen mehr in Italien nieder, als aus dem Land wegzogen.Allerdings zeichnet sich auch da eine Abschwächung gegenüber den Vorjahren ab. Italien ist wegen der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit für ausländische Zuwanderer weniger attraktiv geworden. Im letzten Jahr meldeten sich noch 280 000 Personen neu in Italien an, 90 Prozent von ihnen waren Ausländer. Im gleichen Zeitraum verlegten 45 000 Ausländer ihren Wohnsitz anderswohin.Auch immer mehr Italiener wandern aus. 2015 waren es laut Istat 100 000. Nach Angaben der Anagrafe degli italiani residenti all’estero ist die Zahl der im Ausland lebenden Italiener im letzten Jahrzehnt um 50 Prozent auf 4,6 Millionen gestiegen. Vor allem immer mehr junge, gut ausgebildete Bürger verlassen das Land auf der Suche nach Arbeit.Von den knapp 61 Millionen Menschen, die in Italien leben, sind gut 5 Millionen Ausländer (8,3 Prozent). Die Hälfte von diesen stammt aus der Europäischen Union. Mit Abstand am stärksten vertreten sind die Rumänen. Sie machen rund einen Viertel der ausländischen Einwohner aus.Von den knapp 500 000 Kindern, die 2015 in Italien geboren wurden, waren 72 000 fremder Staatsangehörigkeit (14 Prozent). Auch bei ausländischen Paaren zeichnet sich jedoch ein Geburtenrückgang ab. Kamen 2008 auf jede ausländische Frau noch 2,65 Kinder, waren es 2015 nur noch 1,93.