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Felix Austria in der großen Welt

Jammern auf höchstem Niveau

von Bernhard Schinwald / 16.09.2016

Wenige Länder in der Welt sind so wohlhabend und globalisiert und gleichermaßen so globalisierungskritisch wie Österreich.

Ja, es war nur eine Aussage einer Nationalratsabgeordneten einer untergehenden populistischen Oppositionspartei. Aber als die EU-Sprecherin des Team Stronach, Waltraud Dietrich, bei der parlamentarischen Enquete über CETA und TTIP zum Schluss kam, dass die „Globalisierung kein Modell für die Zukunft“ sei, war das doch ein bisschen erstaunlich. Nicht etwa, weil so eine Aussage im Parlament eines entwickelten Landes vor einem Publikum aus Politikern, Experten, Interessenvertretern und Bürgern, Menschen aus dem In- und Ausland, in dieser Deutlichkeit nicht oft zu hören ist. Es war erstaunlich, weil dieser Satz so beiläufig fiel und sich niemand besonders darüber wunderte – geschweige denn daran störte.

Warum so skeptisch?

Vielleicht war dieser kurze Moment der Verblüfftheit über die Unverblüfftheit im Rest der Zuhörerschaft aber auch der Stimmung im Sitzungssaal geschuldet, nachdem der Bundeskanzler seine Skepsis gegenüber CETA und TTIP auf eine Stufe mit dem Brexit stellte. Die Globalisierung bringe positive Wohlstandseffekte – die Verteilung dieses Wohlstands funktioniere aber nicht so wie erwartet, hatte Christian Kern zuvor erklärt.

Der Kanzler spricht in dieser Sache mit Volkes Stimme. Das ist nicht nur der Eindruck, der sich bei der täglichen Lektüre der auflagenstärksten Zeitungen aufdrängt, sondern sich auch in Zahlen zeigen lässt. In einer Eurobarometer-Erhebung aus dem Jahr 2011 gaben 75 Prozent der befragten Österreicher an, dass die Globalisierung nur großen Unternehmen, nicht aber den einfachen Bürgern diene. Österreich liegt mit dieser Skepsis im EU-Spitzenfeld. Die Vorstellung, dass die Aussage von Dietrich, wonach „Globalisierung kein Modell“ für die Zukunft sein kann, hierzulande mehrheitsfähig ist, erfordert keine große Fantasie.

Es liegt auf der Hand: Österreich hat ein Problem mit der Idee der Globalisierung. Die Frage ist nur: wieso?

So global wie wenige

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich gibt jedes Jahr einen Globalisierungsindex heraus. Darin berücksichtigt werden nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und politische Aspekte der Globalisierung – etwa der Anteil der Internetuser, der internationale Tourismus beziehungsweise der Zahl der gastierenden Botschaften und der Teilnehmerschaft an internationalen Abkommen und Organisationen.

Österreich rangiert in der diesjährigen Auflage des Index weltweit auf dem vierten Platz. In der Kategorie der sozialen Globalisierung ist Österreich sogar führend. Im Bereich Wirtschaft liegt das Land auf Platz 13, im jenem der Politik auf Platz vier.

Politiker, inklusive Bundeskanzler Kern, werden nicht müde, die Exportstärke der heimischen Wirtschaft zu feiern. Wien ist ein Standort wichtiger internationaler Organisationen und war in den vergangenen Jahren Schauplatz weltpolitisch wichtiger Verhandlungen. Wenig macht seine Bewohner zudem so stolz wie die Tatsache, dass internationale Expats die Stadt jährlich zur lebenswertesten der Welt küren. Im EU-weiten Vergleich rangieren die Österreicher mit ihren Englischkenntnissen auf Platz vier (wenn man Länder ausnimmt, in denen es die Muttersprache ist).

Horrorszenarien statt empirischer Evidenz

Österreich zählt bereits heute zu den globalisiertesten Ländern der Welt – zu einem Zeitpunkt also, an dem der Wohlstand so hoch wie nie zuvor und der soziale Friede, selbst nach den Herausforderungen der Flüchtlingskrise, nicht spürbar gefährdet ist. Wer also behauptet, die Globalisierung führe zu sozialen Verwerfungen oder sei „kein Modell der Zukunft“, kann sich nur auf Schreckensszenarien berufen. Sowohl die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte als auch die gegenwärtige Lage in diesem Land unterstützen diese Behauptung jedenfalls nicht.

Im Übrigen: Wer um das soziale Gefüge in diesem Land besorgt ist, findet in der heimischen Wirtschafts- und Sozialpolitik wohl treffsicherere Instrumente als in internationalen Handelsabkommen.