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Augenschein in einer Labour-Stadt

Jeremy Corbyns Worthülsen

von Markus M. Haefliger / 01.10.2016

In Wigan hat George Orwell vor 80 Jahren die Wirtschaftsdepression beschrieben. Heute kämpft die Stadt mit anderen Krisen. Labour-Stadträte halten den Linkskurs der Partei dabei für wenig hilfreich.

Im Grossraumbüro des Rathauses von Wigan ist das Fernsehgerät angestellt, ein Flachbildschirm zeigt die Direktübertragung eines BBC-Informationskanals vom Labour-Parteitag. Das Treffen findet dieses Jahr dreissig Kilometer von Wigan entfernt in Liverpool statt, also praktisch vor der Haustüre der Stadt in den West Midlands, einem ehemaligen Zentrum der Kohle- und Textilindustrie. Mit dem Zug wäre man rasch in Liverpool, aber Wigans Stadtpräsident Lord Peter Smith, der die Labourpartei auch im Oberhaus des Parlaments vertritt, antwortet auf die Frage, ob er nicht lieber am Parteitag wäre, mit einer abschätzigen Bewegung. „Dort wird geredet, hier gearbeitet“, sagt er.

Auf den Spuren Orwells

Wigan ist fest in Labour-Hand. Bei Parlamentswahlen hält die Partei seit hundert Jahren alle drei Wahlkreise des Bezirks; 65 von 75 Stadträten gehören ihr an. Labour erzielte bei den letzten Lokalwahlen über 55 Prozent der Stimmen, entgegen dem landesweiten Trend – laut Umfragen droht der Partei Jeremy Corbyns ein Absacken unter 30 Prozent. Wigans Platz in der Industriegeschichte war einer der Gründe, warum der Schriftsteller George Orwell im Frühjahr 1936, mitten in der Wirtschaftsdepression, mehrere Wochen in der Stadt verbrachte. Der Verleger Victor Gollancz, der unter dem Label „Left Book Club“ günstige Taschenbücher unter die Leute brachte, hatte Orwell beauftragt, einen Bericht über die Krise zu schreiben. Das schmale Buch, ein Klassiker der langen Reportage, wurde im folgenden Jahr unter dem Titel „The Road to Wigan Pier“ veröffentlicht.

Die alte Stadtbibliothek, in der Orwell einen Arbeitsplatz belegte, tut noch immer ihren Dienst. Dachbalken, eine Galerie und Regale aus dunklem Mahagoni prägen den Raum, in dem lokale Archive aufbewahrt werden. Unterhalb der Altstadt liegt an einer Verzweigung des Liverpool-and-Leeds-Kanals die Pier, die Orwells Buch den Namen gab. Die Förderwagen der umliegenden Bergwerke entluden hier Kohle in die Schleppschiffe. Heute werden die Treidelpfade von Rentnern benutzt, die Hunde spazieren führen. Ehemalige Spinnereien zu beiden Seiten des Kanals wurden teilweise in Loft-Wohnungen umgewandelt, andere stehen leer.

Orwell beschreibt in den ersten Kapiteln die Lebensbedingungen in den Slums von Wigan. Die Kohleminen hatten massenweise Bergarbeiter entlassen, die Textilfabriken standen still. Oft teilten sich mehrere Familien enge, unhygienische Wohnungen und ernährten sich von Kartoffeln und minderwertigem Fett. 80 Jahre später ist von den miserablen Arbeiterwohnungen im Quartier Scholes nichts mehr zu sehen, an ihrer Stelle wurden in den sechziger Jahren zwölfstöckige Wohnblöcke errichtet. Die Krise hat ein neues Gesicht, Wigan gehört zum deindustrialisierten Norden Englands. Die letzte Baumwollspinnerei ging in den siebziger Jahren ein, das letzte Kohlebergwerk schloss zwei Jahrzehnte später.

Die Folge ist weniger materielle als seelische Verwahrlosung. Barbara Nettleton leitet das „Sunshine House“, ein Gemeinschaftszentrum im Scholes-Quartier. Laut der pensionierten Verwaltungsangestellten, die Freiwilligenarbeit leistet, besuchen wöchentlich über zweitausend Benutzer das Zentrum, das Kurse, Freizeitaktivitäten und günstige Lunches anbietet. Weisses Neonlicht erhellt den Aufenthaltsraum, in dem es nach geschmolzenem Käse und gebratenem Speck riecht. An der Wand hängt der Union Jack, aus einem Radio plärrt eine Talkshow. Rund die Hälfte der Nutzer des Zentrums sind laut Nettleton Sozialhilfeempfänger, Ex-Häftlinge, Langzeitarbeitslose oder Personen mit psychischen Problemen. In den Sozialwohnungen der Umgebung sei eine Generation aufgewachsen, die nie Eltern gehabt habe, die einer bezahlten Arbeit nachgegangen seien. Das Quartierzentrum bietet zahlreiche Teilzeitjobs in geschützter Umgebung an, aber weil der Nettolohn kaum höher ist als die Fürsorge, schlagen viele Bewerber das Angebot aus. „Sie sitzen lieber vor dem Fernseher“, sagt Nettleton.

Seit dem wirtschaftlichen Einbruch von 2009 ist Wigan zudem von Sparmassnahmen getroffen. Ein Einkaufszentrum neben dem „Sunshine House“ verwahrloste, nachdem das Postbüro geschlossen worden war. Der Reihe nach zogen die Bäckerei, die Metzgerei, eine Kleintierhandlung, ein Gemüseladen und ein Café weg.

Depression gestern und heute

Die Austeritätspolitik der konservativen Regierungen seit 2010 wirkt sich indirekt über fehlende Mitteltransfers zu den Gemeinden aus. So verfügte Wigan, eine Stadt mit 320 000 Einwohnern, 2010/11 über ein Jahresbudget von 281 Millionen Pfund, davon waren 41 Prozent Zuschüsse der Regierung in London. Sie entfallen bis 2020 gänzlich. Die Stadtregierung sparte bisher 100 Budget-Millionen ein, über tausend Stellen wurden gestrichen. Die Stadtverantwortlichen hätten allen Grund, über die Sparpolitik der Tories herzuziehen, zumal Corbyn es vormacht. Am Parteitag in Liverpool schoben er und sein marxistischer Schattenkanzler John McDonnell der Regierung und ihrer Sparpolitik die Verantwortung für alle Missstände inklusive Brexit-Entscheid in die Schuhe. Sie versprachen eine Kehrtwende, also den Ausbau von Subventionen, Schulwesen, Gesundheitsdienst. Die Parteiführung will die nächsten Unterhauswahlen zudem mit einem Programm bestreiten, das öffentliche Infrastrukturinvestitionen von 350 Milliarden Pfund vorsieht.

Aber David Molyneux, stellvertretender Stadtpräsident von Wigan und ein altgedienter Labourpolitiker auch er, ist unbeeindruckt. „Schauen Sie“, sagt er, „es ist doch egal, welche Partei 2010 an die Macht kam – jede Regierung hätte sparen müssen.“ So viel Pragmatismus hörte man in Liverpool selten, in Lokal- und Stadtregierungen, die von der Labourpartei beherrscht werden, ist er normal. Molyneux und sein Vorgesetzter, der 71-jährige Lord Smith, nennen sogar Vorteile der Sparpolitik. Not macht erfinderisch: Als Folge der Kürzungen stellte die Stadt ihre Dienstleistungen auf eine unternehmerische Basis. Das Quartierzentrum „Sunshine House“ etwa organisiert die Kurse für Weiterbildung und Hobbys gemeinsam mit Kleinunternehmern und steht finanziell mittlerweile auf eigenen Füssen.

Bodenständige Politiker

Molyneux holt mit der ironischen Bemerkung, dass er das „eigentlich gar nicht sagen“ dürfe, die Ergebnisse von Kundenbefragungen hervor. Danach wuchs die Zufriedenheit der Bürger mit ihrer Stadtbehörde zwischen 2009 und 2014 von 42 Prozent positiven Rückmeldungen auf deren 61 Prozent. Wegen der Sparpolitik? „Ich würde sagen: trotz der Sparpolitik“, sagt Molyneux. Stadtpräsident Peter Smith hat den Adelstitel Tony Blair zu verdanken, was ihn laut eigener Aussage in der Labourpartei „derzeit sehr unpopulär macht“. Der Lord hält Wigan für eine Erfolgsgeschichte. Selbstbemitleidung sei den Bewohnern fremd, sagt er. Man geht auf Unternehmer zu, die günstige Verkehrslage tut ein Übriges. In den letzten Jahren siedelten sich Logistik- und und Nahrungsmittelfirmen in Wigan an.

Die Labourpartei stand seit den frühen achtziger Jahren politisch nie so weit links wie heute. Die „Corbynistas“, Corbyns Anhänger, betreiben einen Personenkult um den Parteichef. Dies und die unrealistischen Positionen haben mehrere Aushängeschilder der Partei in die Provinz vertrieben. Andy Burnham, einer der drei Abgeordneten aus Wigan, trat im Juni als Schatteninnenminister zurück, nun kündigte er auch den Rücktritt aus dem Parlament an. Er kandidiert für den neuen, von den Tories geschaffenen Posten als Bürgermeister von Gross-Manchester und gilt als Favorit für die Wahl im Frühling. Um den Posten und parallel dazu um das Bürgermeisteramt in Liverpool bewarben sich mehrere prominente Labourpolitiker. Sadiq Khan war vor einem Jahr in London den gleichen Weg gegangen; im Mai gewann er dort die Bürgermeisterwahl.

Orwell beschloss „The Road to Wigan Pier“ mit einem Essay-Teil zum Thema, weshalb im Europa der dreissiger Jahre trotz elenden Verhältnissen der Faschismus auf dem Vormarsch und der Sozialismus unter vielen Arbeitern unbeliebt sei. Die Frage erinnert ein wenig an die derzeitige Verwirrung in der Labourpartei darüber, dass im Juni viele eigene Wähler gegen die EU-Mitgliedschaft stimmten. In Wigan votierten 64 Prozent der Berechtigten für den Brexit, unter ihnen mindestens ein Drittel der Labourwähler. Laut Burnham fühlen sich die Brexit-Befürworter in den eigenen Reihen von der Partei im Stich gelassen (siehe Zusatztext). Wie anderswo spielen Sorgen wegen der Einwanderung eine Rolle. Viele Einfamilienhäuser wurden von Firmen in Beschlag genommen, die im Regierungsauftrag günstig Asylbewerber unterbringen.

Eine Satire auf Corbyn

Orwell fand vor 80 Jahren auf seine Frage allerdings eine andere Antwort. Sie wäre uninteressant, käme ihr nicht mit Blick auf Corbyn, einen Abstinenzler und Vegetarier mit sektiererischem Fanklub, der ungern eine Krawatte trägt und sich weigert, vor der Königin auf die Knie zu fallen, eine fast komisch anmutende Aktualität zu. Laut Orwell, dessen eigener, kämpferischer Humanismus politisch schwer einzuordnen ist, werden sozialistische Theorien von Vertretern der Mittelschicht gepredigt, von „Abstinenzlern und Vegetariern“, die sich gerne nonkonformistisch geben. Versammlungen solcher Schönwetter-Sozialisten glichen Debattierklubs, schreibt Orwell, in denen Fruchtsaft getrunken und Sandalen getragen würden, während man endlos über den Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus streite. Als Beschreibung einiger Randveranstaltungen des Labour-Parteitags trifft der Text den Nagel auf den Kopf. Die Labourpartei ringt mit dem Thema EinwanderungWährend der linke Labourchef Jeremy Corbyn Einwanderungsbeschränkungen auch nach dem Brexit ablehnt, entwickeln Politiker aus dem gemässigten Labour-Lager Vorschläge für eine geregelte Immigration. Die Thematik beherrschte am Labour-Parteitag diese Woche in Liverpool zahlreiche Diskussionen. Einwanderungsbeschränkungen säten Zwietracht in der Gesellschaft, sagte Corbyn in seiner Abschlussrede. Nicht die Immigration sei das Problem, – ihre Folgen seien es.Zur Linderung will Corbyn den 2010 abgeschafften Migration Impact Fund (Fonds für Migrationsfolgen) neu äufnen. Mit den Geldern sollen in Gegenden, die besonders von der Einwanderung betroffen sind, Engpässe in Wohlfahrtseinrichtungen wie den Schulwesen und der Gesundheitsversorgung bewältigt werden. Ein Ausbau der Berufsbildung soll mehr Briten Zugang zu Jobs verschaffen, in denen Einwanderer stark vertreten sind, beispielsweise zu Pflegeberufen. Labour will ausserdem verbieten, dass Arbeitsmigranten aus Osteuropa in ihren Herkunftsländern und nach dortigen Bestimmungen angeheuert werden.Laut dem gemässigten Lager greifen die Vorschläge zu kurz. Der Abgeordnete Paul Blomfield sagte, Labour müsse die „Komfortzone“ angebotsorientierter Lösungen verlassen und Beschränkungen der Immigration befürworten. Er sprach an einer Diskussionsrunde zur Frage „Wie kann die Labourpartei verhindern, dass ihr wegen der Einwanderung die Wähler davonlaufen?“. Blomfield vertritt mit Sheffield einen Wahlkreis, der – wie Wigan – als Labour-Hochburg gilt, aber beim EU-Referendum für den Brexit stimmte. Blomfield und der Labourabgeordnete Stephen Kinnock befürworten eine Regelung der Einwanderung über Arbeitsgenehmigungen. Viele Engländer, vor allem weisse Arbeiter und Arbeitslose, fühlten sich durch die rasante Immigration seit 2002 überrumpelt und übervorteilt. Die Personenfreizügigkeit in der EU werde als bodenlos angesehen. Wer den damit verbundenen Ängsten bloss mit Wirtschaftsstatistiken über den wirtschaftlichen Nutzen der Einwanderung begegne, rede an den Betroffenen vorbei.Kinnock und Blomfield wollen der rechtsnationalistischen Ukip die Deutungshoheit über eine Regelung der Einwanderung entreissen. Zur Begründung sagt Kinnock, der bedrohte gesellschaftliche Zusammenhalt sei ein Kernanliegen der Linken. In ähnliche Richtung geht ein Vorschlag von Sadiq Khan, dem Bürgermeister von London. Der im Mai gewählte Labourpolitiker will auf London beschränkte Arbeitsvisa für europäische Angestellte im Finanzsektor ausgeben. Dies soll primär Unsicherheiten in der Finanzbranche beseitigen, aber der Vorschlag wird auch als Modell für die Zeit nach dem Brexit gehandelt. Danach würden Arbeitgeber, Gewerkschaften und lokale Behörden je nach Region und Wirtschaftssektor gemeinsam Arbeitsbewilligungen für EU-Einwanderer festlegen.