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Jugendliche Selbstmordattentäter: Der alle Probleme lösende Moment der Entladung

Gastkommentar / von Rainer Kilb / 29.07.2016

Untersucht man die Motive jugendlicher Selbstmordattentäter, stösst man meist auf einen psychosomatischen Cocktail. Zu Problemen der Adoleszenz und der Migration hinzu kommt das Gift des Islamismus, schildert Rainer KilbRainer Kilb ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, für Gemeinwesenarbeit und Konfliktmanagement an der Hochschule Mannheim. .

Rasch scheinen bei der Analyse der jüngsten Horror-Ereignisse in Deutschland die wichtigsten tieferen Ursachen ausgemacht: Flüchtlingskrise und Islamismus. Indes weist der Münchner Amoklauf noch auf ganz andere Faktoren hin, nämlich auf subjektiv einschneidende Kränkungen durch Mobbing oder schwache Schulleistungen, die sich in einen Furor von Gewalt transformierten. Was auffällt, sind drei Dinge: Die Taten finden in rascher Folge statt, das heisst, es könnte sein, dass der eine Gewaltexzess Auslöser für den nächsten ist. Auf die eine Entladung folgt die andere, was dem IS propagandistisch die Möglichkeit verschafft, sich der verachteten westlichen Kultur als allmächtig zu präsentieren und damit von seinen vom Westen beförderten militärischen Niederlagen in Syrien und Libyen abzulenken.

Jung, männlich, verloren

Sodann geht es um recht junge und männliche Täter, die das eigene Leben zu opfern bereit sind und dabei möglichst spektakulär andere mit in den Tod zu reissen suchen. Die Tatsache, dass sie den eigenen Tod einkalkuliert haben, macht eine wirksame polizeiliche Abwehr extrem schwierig. Wie bei einer asymmetrischen Kriegsführung wehren sich die Täter in ihrem Hass gegen Verhältnisse, über die sie selbst keine Macht mehr verfügen. Sie sind Ausgeschlossene und Marginalisierte, oft ohne dass dies von aussen sichtbar wäre. Freunde, Nachbarn oder Betreuer schildern sie als „nett“ und unauffällig in einer Welt, in der das Unauffällige das Normale ist. Dem Staat das Gewaltmonopol streitig machend, lassen sie erhöhte Sicherheitsstandards und intensivierte Abschreckungsversuche so ins Leere laufen.

Es wäre wichtig, möglichst früh zu erkennen, bei wem sich ein solch brisanter psychosomatischer Cocktail zusammenbraut.

Bei der Analyse lohnt der Blick auf Dinge, die sich auf der gesellschaftlichen Hinterbühne abspielen und wenig Symbolkraft besitzen. Zum einen sind dies die psychischen Risiken, die generell mit der Adoleszenz einhergehen, und zum anderen Risiken, welche die Migration begleiten, wie Lebensbrüche, Traumatisierungen und fehlende positive Integrationserfahrungen (wobei Adoleszenz-Probleme durch Migration verstärkt werden). Die diagnostizierte psychische Labilität der Täter sollte man weniger als klinischen Befund sehen denn als Chiffre für unsichtbare subjektive Problemlagen, die über die allgemeinen Adoleszenz- und Migrationsproblem-Kontexte hinauswachsen und mittels Gewalt eine impulsive Entladung auf der Bühne der Öffentlichkeit suchen und finden.

Gegenseitiges Aufschaukeln

Selbstverständlich kann psychische Labilität nicht als Hauptursache für die Begehung eines Attentats herhalten. Aus der Gewaltforschung wissen wir, dass das Zustandekommen einer Gewalttat multifaktoriell ist und dem gegenseitigen Aufschaukeln vieler Faktoren entspringt. Zu den biografischen Faktoren kommen Faktoren, die von den Tätern gezielt gesucht werden. Ihr psychischer Impuls geht dahin, nach Motiven Ausschau zu halten, mit deren Hilfe ein inneres Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Ob ein Täter auf religiöse oder politische Motive anspricht oder einfach nur diffus aggressiv bleibt, hängt von der Biografie, aber auch vom Zufall ab. Im Kontext des aufgeheizten weltpolitischen Umfelds drängen sich migrantischen Jugendlichen mit Adoleszenz-Problemen vor allem islamistische Deutungsmuster auf. Sie verheissen jene Sicherheit, die der Jugendliche begehrt, wenn er seine psychische Labilität nicht in den Griff zu bekommen vermag.

In der Entscheidung zur Tat spielt die islamistische Ideologie mit ihren Feindbildern und Gewaltmustern eine massgebliche Rolle. Formen des religiösen Radikalismus, zu denen am Ende auch das Selbstmordattentat gehört, bieten Gelegenheit zur kurz- und mittelfristig nachhaltigen Kompensation persönlicher Kränkung, Verletzung und Traumatisierung. Der Islam mit seinem Versprechen, dass sie Teil einer göttlichen Ordnung und einer umfassenden Gemeinschaft werden sowie mit ihrem Jihad-Einsatz der Sache Allahs zum Sieg verhelfen und dafür belohnt werden, drängt sich nur schon ihrer Herkunft wegen als geistiger Jungbrunnen sich degradiert fühlender migrantischer Jugendlicher auf. Er besitzt aber auch einen Appeal über den eigenen Kulturkreis hinaus.

Psychosomatischer Cocktail

Der IS wiederum bietet Adoleszenten gemeinsame reale oder auch nur phantasierte Kampferfahrung in einer politisch-religiösen Solidargemeinschaft mit klaren Regeln und Zielen. Im kriegerischen Akt des Tötens, der sich durch den Einsatz für die „gerechte“ Sache legitimiert, werden Omnipotenzerfahrungen möglich, wobei die tabubrechende Grausamkeit des Vorgehens zusätzlich die Verachtung für die säkularisierte, individualistische und konsumorientierte westliche Lebensweise signalisiert. Wer sich dem terroristischen Kampf des IS anschliesst, wechselt aus der persönlichen Opferrolle in die subjektiv überlegene Täterrolle, in der alle Demütigungen, Überforderungen und Benachteiligungen mit einem Schlag aufgehoben erscheinen.

Um Gewalt-Kurzschlüsse bei traumatisierten Jugendlichen in der Pubertät zu verhindern, wäre es wichtig, möglichst früh zu erkennen, bei wem sich ein solch brisanter psychosomatischer Cocktail zusammenbraut. Es gilt dann, umgehend therapeutische Massnahmen zu ergreifen und zu versuchen, dem Betroffenen die Erfahrung eigenen Selbstwerts, von sozialer Sicherheit und Orientierung, Integration und Lebenssinn zurückzugeben – alles Aspekte einer erfolgreichen Identitätsentwicklung. Wenn es uns nicht gelingt, hier wirksam tätig zu werden, besteht das Risiko, dass exzessive „Bewältigungsformen“ wie jene im Fall Würzburg, Ansbach oder München Teil unseres Alltags werden.