Max Rossi / Reuters

Italien

Keine wilde Party für Berlusconi

von Andrea Spalinger / 29.09.2016

Jahrzehntelang dominierte Silvio Berlusconi die italienische Politik und die Schlagzeilen der Boulevardpresse. An seinem 80. Geburtstag ist er gesundheitlich angeschlagen, seine Partei ist geschwächt.

Die Parteikollegen hatten zu seinem 80. Geburtstag einen „Silvio Berlusconi Day“ geplant. Eine glamouröse Fete mit hochkarätigen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Fernsehen und der Fussballwelt. Nach einer Herzoperation im Juni hatte sich der frühere Ministerpräsident auf Anordnung der Ärzte in seine Villa bei Mailand zurückgezogen und sich nur noch um seinen Garten, seine Schosshunde und seine zehn Enkel gekümmert. Der runde Geburtstag wäre aus Sicht seiner Getreuen ideal für seine Rückkehr auf die politische Bühne gewesen.

Doch davon wollte der „Familienrat“, allen voran die älteste Tochter Marina, nichts wissen. Marina wirft den Parteikollegen vor, den alternden Vater zu sehr zu fordern, und hat diese während der Rekonvaleszenz von ihm ferngehalten. Auch die 31-jährige Lebensgefährtin Francesca Pasquale wurde als zu stressig für den Patienten eingestuft und kurzerhand in ihre eigene Luxusvilla verbannt.

Fussballklub verkauft

Gefeiert wird nun am 29. September im kleinen Kreis der Familie und der engsten Freunde. Man könnte fast Mitleid mit dem „Cavaliere“ haben, wie ihn die Presse in Anspielung auf einen – aberkannten – Verdienstorden immer noch nennt. Seine wilden Bunga-Bunga-Partys, auf denen er sich mit Scharen von blutjungen Verehrerinnen und Callgirls amüsierte, sind legendär, ebenso die rauschenden Dinner-Abende mit ausländischen Gästen wie seinem Busenfreund Wladimir Putin.

Berlusconi ist derzeit aber wohl nicht sehr zum Feiern zumute. 2016 war für ihn nicht nur gesundheitlich ein düsteres Jahr. Im August musste er seinen geliebten Fussballklub AC Milan an ein chinesisches Konsortium verkaufen. Dreissig Jahre lang hatte er diesen mit Herzblut geführt, doch in den letzten Jahren haben sich Schulden in der Höhe von 220 Millionen Euro angehäuft, und die waren schlicht nicht mehr tragbar.

Auch Berlusconis Holding Fininvest – sie hält Beteiligungen am Film- und Fernsehunternehmen Mediaset, am Verlagshaus Mondadori und an der Bank Mediolanum – hat während der Rezession stark an Wert verloren. Der Patriarch hält noch die Mehrheit von 60 Prozent an der Familienholding, den Rest hat er an seine fünf Kinder verteilt. Geführt wird sie heute von der ältesten Tochter. In den letzten Jahren hat Berlusconi fast sämtliche Führungspositionen in seinen Firmen an die jüngere Generation übertragen.

Von Familienidylle kann dennoch keine Rede sein. Die Kinder aus erster und zweiter Ehe sind sich spinnefeind. Zudem kämpft der Patriarch derzeit vor Gericht gegen seine zweite Ex-Frau, die 59-jährige ehemalige Schauspielerin Veronica Lario, mit der er zwanzig Jahre lang verheiratet war. Sie erhält 1,4 Millionen Euro Unterhalt im Monat. Das sei zu viel, weil es ihm finanziell nicht mehr so gut gehe, argumentiert Berlusconi. Laut Forbes war er 2015 mit einem Vermögen von 7,9 Milliarden Dollar allerdings noch immer einer der reichsten Männer Italiens.

Politisches Profil verloren

Auch an der politischen Front läuft es schon länger nicht gut. Seit Berlusconi 2011 zurücktreten musste, hat seine Forza Italia stark an Rückhalt verloren. Die Partei, die zu ihren besten Zeiten ein Drittel der Wählerstimmen gewann, kommt laut Umfragen heute noch auf 10 Prozent und liegt damit weit abgeschlagen auf Platz vier. Die einzige ernsthafte Bedrohung für das Regierungslager stellt derzeit die populistische Fünf-Sterne-Bewegung dar.

Eines der Hauptprobleme Berlusconis ist, dass der Regierungschef Matteo Renzi kein typischer linker Politiker ist. Mit seiner Reformpolitik hat er dem bürgerlichen Lager nicht nur Stammwähler abspenstig gemacht, sondern dieses auch in eine wahre Identitätskrise gestürzt. Zu Beginn stimmte Berlusconis Truppe im Parlament für Renzis Reformen. Doch seit sich die beiden wegen der Wahl des Staatspräsidenten zerstritten haben, ist es vorbei mit dem Pakt. Die Forza Italia stimmt seither gegen Reformprojekte, für die sie einst selbst gekämpft hatte. Zahlreiche Abgeordnete und Senatoren haben die Partei deshalb verlassen, und auch viele Wähler sind irritiert darüber.

Vom Vorbild zur Witzfigur

Der erfolgreiche Mailänder Bauunternehmer und Medienmogul Berlusconi hatte nach dem Tangentopoli-Korruptionsskandal 1993 als „Retter der Nation“ die politische Bühne betreten und im Jahr darauf mit seiner neuen Partei auf Anhieb die Parlamentswahlen gewonnen. Mit der Unterstützung der Lega Nord und der Postfaschisten wurde er zum ersten Mal Ministerpräsident. Er regierte Italien im Jahr 1994 und später noch einmal von 2001 bis 2006 und von 2008 bis 2011.

Für Schlagzeilen sorgte der schillernde Lebemann vor allem mit Prozessen und Sexskandalen. Etliche Male musste er sich wegen Amtsmissbrauchs, Bestechung und Steuerbetrugs vor Gericht verantworten. Nur einmal wurde er rechtskräftig verurteilt: 2013 zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs; aufgrund seines fortgeschrittenen Alters musste er nur zehn Monate Sozialdienst in einem Altersheim leisten. Infolge der Verurteilung wurde Berlusconi aus dem Senat ausgeschlossen; bis 2019 darf er keine öffentlichen Ämter bekleiden.

Weltweit für Aufsehen sorgte der „Ruby-Prozess“ um Sex mit einer minderjährigen Prostituierten an einer Party in seiner Villa. 2015 wurde Berlusconi in letzter Instanz freigesprochen, mit der Begründung, er habe nicht gewusst, dass die Nachtklubtänzerin aus Marokko erst 17-jährig gewesen sei. Später wurde bekannt, dass er Ruby und anderen jungen Frauen über 10 Millionen Euro Schweigegeld bezahlt hatte.

Der Selfmademan Berlusconi hatte, was sich viele Italiener wünschen: Macht, Geld und schöne Frauen. Seine Eskapaden wurden von einer Mehrheit im Volk deshalb lange mehr amüsiert als empört verfolgt. Doch 2011 drehte der Wind. Die immer neuen Sex-Skandale begannen die Leute zu irritieren, umso mehr, als sich die Lage vieler Italiener dramatisch verschlechterte und der Regierungschef auf dem Höhepunkt der Finanzkrise eine völlig hilflose Figur machte. Auch sein Medienmonopol konnte ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr helfen. Sein Ende war besiegelt.

Berlusconi war nicht nur länger an der Macht als jeder andere Regierungschef in der Nachkriegszeit. Er dominierte die politische Debatte über zwei Jahrzehnte hinweg vollkommen. Der von ihm kreierte Berlusconismus, eine italienische Form des Populismus, spaltete die Gesellschaft in zwei Lager – Anhänger und Gegner Berlusconis. Mit seinem Rücktritt haben sowohl der rechte als auch der linke Block ihren Orientierungspunkt verloren und angefangen auseinanderzubröckeln.

Der einstige starke Mann hat in den letzten Jahren versucht, das Mitte-Rechts-Lager noch einmal zu einen. Doch verbindet die unternehmerfreundliche Forza Italia ideologisch zu wenig mit der europafeindlichen Lega Nord. Das rechte Lager ist so heterogen, dass es sich bei den Kommunalwahlen im Juni kaum auf gemeinsame Kandidaten einigen und deshalb keine grössere Stadt mehr erobern konnte. Der Urnengang war für Berlusconi der politische Todesstoss.

Der grösste Fehler des Patriarchen aber war, dass er sich zu lange an die Macht klammerte und es versäumte, einen Nachfolger aufzubauen. Zu lange hat er alle ambitionierten Weggefährten kaltgestellt. Der Partei fehlt es an Ideen, fähigen Köpfen und Nachwuchs. Für Berlusconi gab es immer nur Berlusconi. Noch im letzten Jahr erklärte er: „Ich bin der Präsident der Forza Italia und will als solcher auch sterben.“

Ewige Jugend

Mit Liftings, Haartransplantationen und einer fünfzig Jahre jüngeren Freundin versucht Berlusconi sich jung zu halten. Doch seit der Herzoperation ist er nicht mehr derselbe. Und so hat der Cavaliere vor kurzem doch noch einen Nachfolger aus dem Hut gezaubert: den 59-jährigen Manager Stefano Parisi, der aber bei der Bürgermeisterwahl in Mailand dem Kandidaten Renzis knapp unterlag.

Parisi will die Forza Italia zu einem Sammelbecken für alle Bürgerlichen und Liberalen machen. Doch gegen den politischen Quereinsteiger regt sich starker Widerstand im Parteikader, wo viele selbst auf eine Berufung gehofft hatten. Parisi betont deshalb bei jeder Gelegenheit, er wolle die Forza Italia im Auftrag des Präsidenten erneuern. Am Steuer sei und bleibe Berlusconi.

Das dürfte dem Dinosaurier gefallen. Denn so richtig loslassen scheint er noch immer nicht zu können. Seine prunkvolle Römer Residenz an der Piazza Venezia hat er im Sommer zwar geräumt, in Mailand hält er aber weiterhin Hof und regelt Parteiangelegenheiten. Doch Berlusconi ist eindeutig die falsche Person, um den Niedergang der Partei noch aufzuhalten.