REUTERS/Ints Kalnins

Fälle sexueller Belästigung verschwiegen

„Kölner Probleme“ auch in Schweden

von Rudolf Hermann / 13.01.2016

Die Stockholmer Polizei hat gravierende Vorfälle von Gruppen-Belästigung an Musikfestivals verschwiegen. In Finnland konnte die Polizei in der Silvesternacht offenbar solche Übergriffe verhindern.

Wie aus einer jüngst publizierten Reportage der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter hervorgeht, ist es 2014 und 2015 beim größten Jugend-Sommerfestival Stockholms zu ähnlichen sexuellen Übergriffen gekommen, wie sie sich in der Neujahrsnacht 2016 in Köln und anderen Städten ereignet haben. Während die Polizeikräfte im Terrain offenbar dagegen vorgegangen waren und den vorgesetzten Dienststellen darüber Bericht erstattet hatten, blieben die Informationen gegenüber der Öffentlichkeit unter Verschluss. Sie kamen ans Licht, weil Dagens Nyheter über informelle Kanäle in den Besitz der internen Kommunikations-Unterlagen der Polizei gelangt war.

„Unerklärliches Schweigen“

Roger Ticoalu, der Chef für Veranstaltungen beim Stockholmer Stadtrat, der das Festival „We are Sthlm“ ausrichtet, erklärte laut dem Bericht, Fälle von sexueller Belästigung seien zwar auch schon in Vorjahren verzeichnet worden. Doch 2014 habe man einen Paradigmenwechsel gesehen: Gruppen junger Männer hätten Frauen gezielt umringt. Man sei zunächst sprachlos gewesen über diese Art der Belästigung. dann aber habe man sehr schnell reagiert, und zwar mit erhöhter Präsenz von eigenem Sicherheitspersonal und intensiverer Zusammenarbeit mit Polizeikräften in Uniform und in Zivil.

Am letztjährigen Festival kam es zu etwa einem Dutzend Anzeigen; rund 50 mutmaßliche Täter konnten identifiziert werden. Laut internen Polizeiberichten ging die sexuelle Belästigung vorwiegend von afghanischen Teenagern aus. Von der Presseabteilung der Polizei hieß es jedoch zum Anlass, die Atmosphäre sei relativ ruhig gewesen angesichts der großen Besucherzahl.

Varg Gyllander, der Chef der Medienabteilung der Polizei, bezeichnete es retrospektiv als „unerklärlich“, weshalb die Informationen nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben worden seien. Dazu sei nun eine Untersuchung eingeleitet worden. Der Kommandant der für das Festival zuständigen Polizeiabteilung, Peter Aagren, wurde von Dagens Nyheter mit den Worten zitiert, man sei vielleicht nicht offen gewesen, weil es sich um Täter mit ausländischem Hintergrund gehandelt habe. Manchmal halte die Polizei Informationen zurück, wenn man glaube, dass diese den Schwedendemokraten (der rechtsnationalen Partei im Parlament) in die Hände spielen könnten.

Der schwedische Polizeidirektor Dan Eliasson, der sich am Montag zu der Affäre äußerte, schloss laut dem schwedischen Rundfunk hingegen aus, dass die Polizei in ihrer Informationspolitik auf politische Umstände Rücksicht nehme. Eine Untersuchung müsse die Angelegenheit nun vollständig ausleuchten. Ministerpräsident Löfven erklärte, man werde nicht wegschauen.

Zu untersuchen gibt es dabei neben den nun aufgedeckten Ereignissen an besagten Musikfestivals auch die inzwischen 19 Klagen, die aus der südschwedischen Stadt Kalmar aus der Neujahrsnacht 2016 eingegangen sind. Dort soll es nach gleichem Muster wie in Köln zur sexuellen Belästigung von Frauen gekommen sein.

Diskussion auch in Finnland

In Finnland hingegen scheint es der Polizei an Silvester gelungen zu sein, eine ähnliche Entwicklung zu verhindern. Aus Medienberichten geht hervor, dass sich rund tausend irakische Asylsuchende beim Hauptbahnhof in Helsinki versammelt hatten. Die Polizei teilte später mit, dass die Situation „mögliche Parallelen“ zu derjenigen in Köln gehabt habe. Aus dem Nationalen Ermittlungsbüro wurde dies zwar nicht bestätigt, doch der Polizeichef Kolehmainen sagte, naturgemäß erfolgten die Berichte der Beamten im Feld aus einem Blickwinkel, der nicht notwendigerweise auch derjenige der Ermittler sei.

Die finnische Beauftragte für Geschlechterfragen, Pirkko Mäkinen, äußerte Verwunderung darüber, dass das Thema sexuelle Belästigung gerade jetzt in Verbindung mit der Flüchtlingskrise so heiß diskutiert werde. Internationale vergleichende Studien zeigten schließlich, dass Frauen in Finnland schon lange vor dem derzeitigen Zufluss Asylsuchender von einem substanziellen Ausmaß sexueller und anderer Gewalt betroffen gewesen seien. Jedoch sei es gut, sagte Mäkinen, dass ein gesellschaftlich eher tabuisiertes Thema nun ins Scheinwerferlicht gerückt sei und öffentlich diskutiert werde.