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EU-Kommission

Kommissionsprognose: Zäher Aufschwung im Euroraum

von René Höltschi / 05.11.2015

Das Wirtschaftswachstum im Euroraum dürfte sich von 1,6 im Jahr 2015 auf 1,8 Prozent im Jahr 2016 beschleunigen. Bremsend wirkt sich das ungünstigere weltwirtschaftliche Umfeld aus.

Der Aufschwung im Euroraum dürfte sich 2016 etwas beschleunigen, aber vor allem wegen der konjunkturellen Abschwächung in den Schwellenländern eine Spur schwächer ausfallen als noch im Frühjahr erwartet. Die EU-Kommission geht in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Herbstprognose von einem realen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Euroraums um 1,6 Prozent in diesem, 1,8 Prozent im nächsten und 1,9 Prozent im übernächsten Jahr aus. Damit hat sie ihre Projektionen für 2015 gegenüber der im Mai veröffentlichten Frühjahrsprognose um 0,1 Prozentpunkte nach oben, jene für 2016 hingegen um 0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Für die ganze EU (EU-28) erwartet sie einen BIP-Zuwachs um 1,9 in 2015, 2,0 in 2016 und 2,1 Prozent in 2017, womit sie ebenfalls für dieses Jahr leicht nach oben und für 2016 leicht nach unten revidiert hat.

Ungünstige Einflüsse aus China

Das höchste Wachstum im Euroraum wird laut der Prognose in diesem und im nächsten Jahr Irland erzielen. Am anderen Ende des Spektrums liegt Griechenland, das als einziges EU-Mitglied in beiden Jahren einen BIP-Rückgang erleiden dürfte, bevor es 2017 auf einen Wachstumspfad zurückkehren sollte.

Wie der für den Euro zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, erklärte, wird das Wachstum hauptsächlich durch temporäre Faktoren wie niedrige Ölpreise, den schwächeren Kurs des Euro und die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gestützt. Bremsend auswirken dürfte sich der Konjunkturrückgang in den Schwellenländern, hauptsächlich in China. Bisher hat sich dies vor allem dank der Abwertung des Euro kaum auf die Exporte des Euroraums ausgewirkt. Doch für 2016 erwarten die Brüsseler Auguren ein Nachlassen des Exportwachstums, bevor dieses 2017 wieder leicht anziehen werde.

Effekte des Flüchtlingsstroms

Die Prognose enthält auch eine erste Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen, die sich aus der Ankunft von Asylbewerbern in großer Zahl ergeben könnten. Während kurzfristig die zusätzlichen öffentlichen Ausgaben zu einem Anstieg des BIP führen würden, seien mittelfristig positive Auswirkungen auf das Wachstum dank einer Zunahme des Arbeitskräfteangebots zu erwarten, schreibt die Kommission. Voraussetzung sei indessen, dass die richtigen Maßnahmen zur Erleichterung des Zugangs zum Arbeitsmarkt bereitstünden. Für die EU insgesamt werden die Auswirkungen auf das Wachstum laut den Auguren aber gering bleiben.

Inflation bleibt 2016 tief

Der starke Rückgang der Preise für Öl und andere Rohstoffe hat dazu geführt, dass die Inflation im September im Euroraum vorübergehend leicht negativ war. Zugleich treiben jedoch das Lohnwachstum, die Zunahme des privaten Verbrauchs und die stärkere Auslastung der Produktionskapazitäten die Preise tendenziell nach oben. Die Kommission geht davon aus, dass die Inflation des Euroraums gemessen an den Konsumentenpreisen nach einem Tiefpunkt von 0,1 Prozent im ganzen laufenden Jahr auf 1,0 Prozent im nächsten und 1,6 Prozent im übernächsten Jahr steigen wird. Für 2016 entspricht dies indessen einer Senkung um 0,5 Prozentpunkte gegenüber der Frühjahrsprognose (die das Jahr 2017 noch nicht abgedeckt hatte).

Die Arbeitslosenquote dürfte im Euroraum nur langsam von 11,0 Prozent in diesem auf 10,6 Prozent im nächsten und 10,3 Prozent im übernächsten Jahr sinken. Für die ganze EU erwartet die Kommission einen Rückgang auf 8,9 Prozent bis 2017.

Frankreich tut sich schwer

Dank der vorangegangenen Konsolidierungsanstrengungen, der konjunkturellen Aufhellung und der tiefen Zinsen dürfte die aggregierte Staatsdefizitquote des Euroraums schrittweise von 2,6 Prozent des BIP in 2014 auf 1,5 Prozent in 2017 zurückgehen. Für 2015 erwartet die Kommission zudem erstmals seit Beginn der Krise einen geringen Rückgang der Schuldenquote auf noch immer sehr hohe 94 Prozent des BIP. Unter den Euro-Staaten sticht vor allem Frankreich negativ hervor: Ohne zusätzliche Maßnahmen dürfte sein Staatsdefizit bis 2017 nur auf 3,3 Prozent des BIP sinken und damit die 3 Prozent-Limite entgegen den Vereinbarungen im laufenden EU-Defizitverfahren noch immer nicht einhalten.