EPA/YOAN VALAT

La Vie Continue

von Marc Zitzmann / 14.11.2015

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Paris am Samstagmorgen, kurz nach Sonnenaufgang. Am Vorabend sind im Osten der Kapitale mindestens 128 Menschen ermordet worden. Man erwartet, im 10. und vor allem im am stärksten betroffenen 11. Arrondissement eine Geisterstadt vorzufinden. Weit gefehlt! Die Ville Lumière geht ihren üblichen, an diesem Wochentag und zu dieser Tageszeit eher gemächlichen Gang. Jogger schwitzen sich schwer schnaufend in Form. Hunde gehen mit ihren Besitzern Gassi. Ein alter Mann führt seine zittrige Frau ins Untersuchungslabor. Die Polizeipräfektur hat in der Nacht in einem Communiqué alle Bewohner der Region Île-de-France aufgefordert, das Haus nur zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist.

Abgesperrte Tatorte

Aber wir sind in Paris: Niemand schert sich groß um amtliche Weisungen. Und vielleicht bildet ja schon der Kauf einer Baguette eine dringende Notwendigkeit. Vor der Bäckerei Landemaine am Eck der Rue Godefroy-Cavaignac hat sich, wie an jedem Samstagmorgen, eine Schlange gebildet. Der Südteil der Straße ist durch schwerbewaffnete Polizisten abgeriegelt: An der Kreuzung liegt das Café La Belle Equipe, wo am Samstagabend mindestens neunzehn Gäste auf der Terrasse erschossen worden sind. Ein junger Mann fragt die Ordnungshüter, ob er eine Kerze deponieren dürfe, was diese verneinen. Sofort streckt sich dem Anwohner das Mikrofon eines hauptstädtischen Radiosenders entgegen.

Ein – vorwiegend ausländisches – Journalistendorf ist weiter nördlich auf dem Mittelstreifen des Boulevard Richard-Lenoir entstanden. Donnerstags und sonntags wird auf dieser breiten Promenade der Marché Bastille aufgebaut, wovon permanente Metallstrukturen zeugen. Jetzt parken an der Kreuzung mit der Rue Oberkampf weiße Kastenwagen mit Parabolantennen, vor denen TV-Journalisten einander ratlos anstarren: Die Zahl der Schaulustigen vor dem Bataclan, wo gegen hundert Konzertgänger niedergemäht wurden, hält sich sehr in Grenzen, die wenigen Passanten haben augenscheinlich keine Lust, Auskunft zu geben. Auch hier ist die nähere Umgebung des Tatorts abgesperrt, improvisierte Gedenkstätten sind (noch) keine zu sehen.

Polizei, aber kaum Soldaten

Auf dem Weg nach Norden beobachtet man die Obdachlosen in ihrem Kiosk auf dem Mittelstreifen des Boulevard Richard Lenoir bei der Morgentoilette. Auf dem Gehsteig kommen zwei Frauen einander entgegen und umarmen sich. Die Ältere tätschelt der Jüngeren den Rücken, während diese erzählt, wie sie auf einem Klappsofa ein wenig Schlaf finden konnte – offenbar ist sie in der Nacht den Weisungen der Polizeipräfektur gefolgt und hat bei Bekannten übernachtet.

Auch die Kreuzung, an der das Café Casa Nostra liegt – Gastbetriebe in den östlichen Bobo-Vierteln tragen gern wortspielerische Namen –, ist abgesperrt. Und auch hier sieht man schwerbewaffnete Polizisten, aber keine Soldaten. 1.500 Militärangehörige wurden nach Paris abgeordnet, zusätzlich zu denen, die bereits seit den Attentaten vom Januar durch die Stadt patrouillieren. Einzig vor der Synagoge in der Rue Basfroi stehen vier von ihnen in hellbraunen Kampfanzügen und mit dem Sturmgewehr in der Hand Wache.

Unüblicher Augenkontakt

Noch weiter im Norden endlich, an der Kreuzung der Rues Alibert und Bichat, liegen das Restaurant Le Petit Cambodge und gegenüber die Bar Le Carillon, auf deren Terrassen mindestens zwölf Morde verübt wurden. Hier sind die polizeilichen Untersuchungen bereits beendet, die Absperrungen verschwunden. Auf der platzartigen Kreuzung, die wie viele solche Orte im Pariser Osten schäbigen Charme mit dörflichem Charakter vereint, haben sich zwei Dutzend Anwohner versammelt und unterhalten sich in kleinen Gruppen. Man kann nicht sagen, dass Trauerpathos in der Luft hängt: Eine junge Frau lässt ihren Hund an der Leine hochspringen, zwei Dealer gehen bereits mit jovialem Lächeln am Telefon ihren Geschäften nach. Niemand weint, unüblich wirkt allein, dass einem mehrere Passanten direkt in die Augen blicken – was Pariser sonst vermeiden.

Ockerfarbenes Pulver

Während bei dem Restaurant der eiserne Vorhang herabgelassen ist, steht die Tür der Bar offen: Innen brennt Licht. Auf allen vier Seiten des Plätzchen wurde Holzmehl über den Straßen- und Trottoirbelag gestreut. Als ein geparktes Auto wegfahren will und man beim Zurückweichen auf das ockerfarbene Pulver tritt, merkt man, dass es feucht ist. Eine dicke Flüssigkeit hat es durchtränkt – eine dicke, dunkelrote Flüssigkeit …