Gaetan Bally/Keystone

Einfache Sprache

Leichter gesagt

von Viola Schenz / 07.09.2016

Grosse Schrift, kurze Sätze, weder Passiv noch Fremdwörter: Nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund nutzen die Angebote in „Leichter Sprache“. Nun gibt es auch ein entsprechendes Nachrichtenportal. Verlernen die Deutschen ihre Sprache?

Anne Leichtfuss hat einen einzigartigen Job. Die 37-Jährige dolmetscht, simultan, aber nicht in irgendeine Fremdsprache, sondern vom Deutschen ins Deutsche. Genau gesagt: von sogenannter schwerer Sprache in die Leichte Sprache. In Windeseile zerpflückt sie Gesagtes, wirft Fremdwörter und Konjunktive raus, verzaubert Nebensätze in Hauptsätze, enträtselt Fachbegriffe. Leichtfuss ist auf eine Marktlücke gestossen. Ausser ihr bietet niemand irgendwo diesen Dienst an. Da sitzt sie dann an Konferenzen, Podiumsdiskussionen oder Kirchentagen in ihrer Kabine neben den Fremdsprachendolmetschern vor ihrem Mikrofon, und wer im Publikum ihren Service nutzen will, schaltet den Kopfhörer auf den entsprechenden Kanal.

Eigentlich ist Leichtfuss Journalistin, aber seit Monaten dolmetscht sie hauptsächlich; ihr Talent ist gefragt wie nie. „Früher gab es vor allem Anfragen aus dem sozialpolitischen Bereich, wenn es um Inklusion und Ähnliches ging. Inzwischen wollen mich Unternehmen, Theaterfestivals oder wissenschaftliche Symposien, wo sich Fachpublikum und Laien zusammenfinden“, erzählt die Bonnerin und ergänzt lachend: „Ich wäre froh, wenn ich nicht die Einzige meiner Art wäre. Die anderen Dolmetscher können nach 25 Minuten ihre Pause machen, ich muss durcharbeiten, weil es niemanden gibt, der mich ablöst.“

Einfach ist nicht leicht

Dass die junge Frau derzeit so begehrt ist, liegt am Hype um Leichte Sprache, der Deutschland im Griff hat. Leichte Sprache heisst: grosse Schrift, kurze Sätze, eine Aussage pro Satz, je Satz ein Absatz, kein Passiv, keine Fremdwörter, möglichst kein Konjunktiv, Begriffe werden erklärt, zusammengesetzte Wörter durch Bindestriche oder sogenannte Mediopunkte erkennbar gemacht. Sie wird kreiert für Menschen mit kognitiven Problemen, mit Lese- und Lernschwierigkeiten, aber auch für Ausländer und Nicht-Muttersprachler. Und weil in Deutschland nichts einfach nur leicht sein darf, gibt es neben der Leichten noch die „Einfache Sprache“, die etwas anspruchsvoller ist. Deren Sätze dürfen zum Beispiel bis zu fünfzehn Wörter lang sein. Texte in Leichter Sprache finden sich immer häufiger, vor allem in der Politik. Alle Bundesministerien haben inzwischen entsprechende Angebote auf ihren Websites, die Bundesregierung informiert unter dem Link „Leichte Sprache“ etwa so:

„Ein anderes Wort für Kabinett ist Bundes-Regierung. Die Bundes-Regierung ist die Regierung von Deutschland. Die Bundes-Kanzlerin ist die Chefin der Bundes-Regierung. Zur Zeit ist Angela Merkel die Bundes-Kanzlerin. Jede Bundes-Ministerin und jeder Bundes-Minister hat eigene Aufgaben.“

Auch Städte, Gemeinden und Behörden bieten inzwischen Websites und Broschüren in simplem Deutsch. Der Deutschlandfunk bringt wöchentlich leichter verständliche Nachrichten, das Trierer Stadtmuseum hat einen entsprechenden Audioguide, das Startup „Was hab ich“ setzt sich für eine bessere Verständigung zwischen Medizinern und Patienten ein, der Verlag Spass am Lesen druckt Bücher in Einfacher Sprache. Selbst der heilige Duden erscheint inzwischen mit einer Leichte-Sprache-Ausgabe, im November gesellt sich ein Arbeitsbuch dazu. Man könnte den Eindruck bekommen, in Deutschland sei ein Wettbewerb um das einfachste Deutsch ausgebrochen. Mit ihm kommen Agenturen, die sich darauf spezialisieren, entsprechende Texte zu verfassen, wie die Medienwerkstatt für Leichte Sprache in München.

Am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe wird Forschern und Studenten beigebracht, ihre Ergebnisse verständlich unters Volk zu bringen. Und an der Universität Hildesheim gibt es seit gut zwei Jahren sogar eine entsprechende Abteilung. Sie widmet sich „der Erforschung und Normierung des Sprachsystems der Leichten Sprache sowie der empirischen Erprobung der gewonnenen Erkenntnisse“ – die Ironie will es offenbar, dass Institutionen, die sich mit Leichter Sprache beschäftigen, ihre Arbeit in besonders umständlichem Deutsch wiedergeben. Die Akademiker versuchen, Brücke zwischen Sprachforschung und Sprachpraxis in Behörden und Firmen zu sein.

„Angst um Goethe“

Zugegeben: Das Deutsch hat seine Tücken, beziehungsweise es hat Tücken entwickelt und kultiviert. Wer ist nicht schon an Amtsschreiben verzweifelt? Wer wünschte sich beim Lesen seines Steuerbescheids nicht einen Übersetzer für Begriffe wie „Vorläufigkeitsvermerk“ oder „Veranlagungsverfügung“? Der Grad der Zivilisiertheit einer Gesellschaft zeige sich am Umgang mit ihren Minderheiten, heisst es. Aber braucht es deswegen gleich eine Art Parallel-Deutsch? Übertreiben es die Deutschen wieder einmal mit ihrer berüchtigten Perfektion, ihrem Helfersyndrom? Was passiert hier eigentlich? Verlernt ein Land seine Muttersprache, ist es auf dem Weg in die Sprachgestörtheit? Ja, sagen die Sprachhüter der Nation, die sowieso landauf, landab Rechtschreib- und Grammatikfrevel beklagen, die sich angesichts allgegenwärtiger Deppen-Apostrophe wie bei „Dieter’s Bistro“ oder „Oma’s Rezepte“ die Haare raufen. Durch Einfache Sprache gingen Stil, Rhythmus, Schönheit, Komplexität, Nuancen verloren, argumentiert zum Beispiel Konrad Paul Liessmann vom Institut für Philosophie der Universität Wien in einem Aufsatz. Er sieht in einer stark vereinfachten Sprache die Gefahr für ein stark vereinfachtes Bewusstsein. Christina Maass kennt diese Argumente und die Warnungen vor Sprachverhunzung und Infantilisierung, sie nennt sie die „Angst um Goethe“.

Die 45 Jahre alte Medienlinguistin leitet besagte Forschungsstelle an der Universität Hildesheim. „Ich kann diese Angst verstehen, aber sie ist unbegründet. Niemand will Goethe und deutsche Hochkultur vereinfachen“, sagt sie. Leichte Sprache ergänze nur, sie ersetze nichts. Sie sei bestimmt für Leute, die bisher keinen Zugang zur Schriftsprache gehabt hätten, die von sich aus nichts lesen würden. Und Maass ergänzt: „Wenn man die gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen möchte, kommt man um Verständlichkeit nicht herum.“ Leichte Sprache werde vor allem bei juristisch-administrativen, medizinischen, technischen Texten eingesetzt und die seien ja nun auch nicht die Blüte der deutschen Schriftlichkeit, sagt Maass. Solche Angebote nutzten auch viele „durchschnittliche“ Leser. Die erste Auflage einer Erbrechtsbroschüre des niedersächsischen Justizministeriums in Leichter Sprache war innerhalb weniger Monate vergriffen, obwohl mehrere zehntausend Stück gedruckt worden waren. Sicherlich seien nicht alle, die diese Broschüre angefordert hätten, Personen mit einer Leseeinschränkung gewesen. „Es lohnt sich, Barrieren abzubauen“, argumentiert Maass, „oft in unerwarteter Hinsicht auch für andere. Wer mit Kinderwagen, Fahrrad oder Skateboard in der Stadt unterwegs ist, nutzt sicher gern die Rampen, die eigentlich für die Rollstuhlfahrer angelegt wurden.“ Seit rund eine Million Flüchtlinge über Deutschland verteilt sind, haben Leute wie Anne Leichtfuss oder Maass und ihr Team noch mehr zu tun. Jetzt gibt es eine immer grössere Nachfrage nach Lehrmaterialien und Schulungen von Deutschlehrern. So dolmetscht Leichtfuss nicht nur, sondern bringt auch anderen Übersetzen und Dolmetschen bei; denn etwas leicht auszudrücken, kann ganz schön schwer sein. In jedem Fall muss man es sich mühsam aneignen.

Ein glücklicher Mark Twain?

Moritz Damm kennt diese Mühsal. Der 33 Jahre alte Journalist betreibt seit Juli „Einfach Heidelberg“, das deutschlandweit erste lokale Nachrichtenportal in Leichter Sprache. Es hat drei Ressorts – Politik, Freizeit, Sport – und stadtnahe Inhalte wie Übernachtungssteuer für Hotels, Flüchtlingshilfe, Besuch im Heidelberger Zoo. Die 30-köpfige Redaktion besteht aus Mitarbeitern mit Behinderung und Studenten der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, mit der Damm die Website gemeinsam betreibt. Geld kommt aus Spenden einer Stiftung und einer Heidelberger Bank, es fliesst ausschliesslich ins technische Equipment, als Redaktion dient ein Zimmer der Pädagogischen Hochschule. Gut hundert Nutzer zählt Damm bis jetzt pro Tag, nicht viele, wie er selber sagt, aber man sei ja gerade erst gestartet. Auch das Themenangebot ist nicht üppig, ein oder zwei neue Texte plane man pro Woche. Das liegt daran, dass ein Artikel eine knappe Woche braucht, bis er fertig ist; denn hier schreiben eben keine Profis, sondern hauptsächlich Laien und Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung. „Wir wählen die Themen gemeinsam aus, recherchieren sie, führen Interviews“, sagt Damm. Führen leicht verständliche Texte zu mehr Eigenständigkeit, zu mehr sozialer oder politischer Partizipation von Leuten, die bisher ausgegrenzt waren oder sich so fühlten? Kann man die beklagte Politikverdrossenheit auch so angehen? Inwieweit die neuen Sprachangebote und Websites tatsächlich genutzt werden, ist bis anhin nicht erfasst.

Vielleicht muss man wirklich im Kleinen beginnen. „Wir wollen, dass alle Heidelberger unabhängig von Bildungshintergrund, Nationalität, Alter oder Behinderung die Themen in der Stadt miterleben können“, erklärt Damm sein Motiv. Ausgerechnet Heidelberg. Die Stadt, in der der Sprachakrobat Mark Twain besonders litt. Sein „Bummel durch Europa“ führte Twain im Sommer 1878 drei Monate lang in die Stadt am Neckar. Dort widmete sich der Schriftsteller ausgiebig der „schrecklichen deutschen Sprache“ mit ihren Wortungetümen und Schachtelsätzen. Das Kapitel dient Germanisten noch heute als Belustigung oder Abschreckung – je nachdem. Kehrte Twain im Jahre 2016 nach Heidelberg zurück, würde er sich über die vereinfachte Sprache sicherlich freuen. Aber vielleicht würde er die Deutschen auch für ein bisschen verrückt erklären.