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Angriffe gegen griechische Orthodoxie

Linke Kirchenstürmer bringen Tsipras in Bedrängnis

von Markus Karner / 10.08.2016

In Griechenland häufen sich Gewaltaktionen von Anarchisten gegen die orthodoxe Kirche. Die Opposition wirft dem Regierungschef Untätigkeit vor.

Als eine Gruppe von Anarchisten und Flüchtlingen an einem Sonntagmorgen Ende Juli in die Hauptkirche des heiligen Gregorios Palamas in Thessaloniki stürmte und die Liturgie unterbrach, war der Bischof fassungslos. „So etwas ist in Griechenland noch nie passiert“, sagte Anthimos, der Metropolit der zweitgrössten Stadt des Landes. Doch das war, bevor andere Anarchisten in Athen am Montag Brandsätze in das Areal des Petraki-Klosters schleuderten. Aus einzelnen Angriffen gegen die orthodoxe Kirche ist eine Serie geworden, die den Staat und die Regierung von Alexis Tsipras offenkundig herausfordern will.

Das Dilemma des Atheisten

Die Störer der Liturgie in Thessaloniki protestierten mit ihrer Aktion gegen die Räumung eines Gebäudes, das sie für Flüchtlinge besetzt hatten, das aber im Besitz der Kirche ist. Den Brandanschlag in Athen wiederum soll eine Gruppe Jugendlicher gegen drei Uhr morgens verübt haben. Zwei Autos brannten auf dem Gelände des Moni Petraki aus. Die orthodoxe Kirche hat in Petraki auch ihren Verwaltungssitz. Das machte das Kloster für die Angreifer besonders wichtig. Olga Gerovasili, die stets kämpferisch auftretende Sprecherin der griechischen Regierung, nannte den Brandanschlag empörend. Kein Gewaltakt werde toleriert, versicherte sie.

Doch ebendas behauptet die Opposition. Die Angriffe der Anarchisten – oder der „antiautoritären Bewegung“, wie sie von Wohlmeinenden in Griechenland bezeichnet wird – seien so dreist geworden, weil die linksgerichtete Regierungspartei sie nicht verurteile, erklärte Kyriakos Mitsotakis, der Vorsitzende der konservativen Partei Nea Dimokratia. Anarchisten aus dem Athener Stadtteil Exarchia griffen in den vergangenen Monaten eine Polizeiwache an, überfielen einen Bus der Athener Verkehrsbetriebe, zwangen die Passagiere zum Aussteigen und zündeten das Fahrzeug an; zuletzt waren sie es auch, die laut eigenen Angaben einen Drogendealer in Mafia-Manier auf offener Strasse erschossen hatten. Die Angriffe auf die orthodoxe Kirche sind jedoch neu. Im Jargon der Anarchisten ist sie ein „zeitloser Mechanismus der Unterdrückung“. Doch vor allem ist die orthodoxe Kirche das Staatssymbol schlechthin. Kaum ein Akt wird als provokativer empfunden als Angriffe auf Kirchen, Popen und Gläubige.

Die linksgerichtete Regierungspartei Syriza und ihren Ministerpräsidenten Tsipras hat die Kirche von Beginn weg in ein Dilemma gebracht. Nicht nur ist der erklärte Atheist Tsipras in einer Koalition mit der kirchentreuen rechtspopulistischen Partei Anel (Unabhängige Griechen) von Verteidigungsminister Panos Kammenos eingebunden. Tsipras und seine Syriza-Minister weigerten sich auch, bei der Vereidigung durch den Erzbischof auf die Bibel zu schwören, wie es Brauch ist in Griechenland. Die Erwartung der linken Wählerschaft nach mehr Emanzipation von der Kirche zu erfüllen, erweist sich allerdings als sehr viel schwieriger.

Mächtige Bischöfe

„Diese Regierung geht Hand in Hand mit der Kirche wie alle anderen Parteien“, stellt Grigoris Valianatos fest, ein TV-Moderator und Bürgerrechtsaktivist der Schwulenbewegung in Griechenland. Valianatos war eine treibende Kraft hinter der Einführung der Zivilehe, die im Dezember 2015 Gesetz wurde, jedoch in rechtlich eingeschränkter Form. Der „tiefe Staat“ habe Tsipras unter Druck gesetzt, sagt Valianatos halb belustigt und meint damit die unsichtbare Macht der Bischöfe.

Zu politischen Freunden werden Syriza und die Bischöfe allerdings kaum. Diese haben sich in letzter Zeit vor allem auf Bildungsminister Nikos Filis eingeschossen. Dieser versucht, den Religionsunterricht auf andere Religionen zu erweitern. „Möge seine Hand verdorren“, schleuderte der Bischof von Kalavryta, Ambrosios, dem linken Minister in einer Predigt entgegen. Ambrosios ist seit 1978 im Amt und macht aus seiner Sympathie für die faschistische Goldene Morgenröte kein Hehl.