AFP PHOTO / Yui Mok

London ist für Labour kein Trost

von Martin Alioth / 09.05.2016

Nun steht ein Muslim an der Spitze der Metropole London. Doch der Sieg Sadiq Khans verschleiert trübe Aussichten für die Labourpartei.

London habe für die Hoffnung gestimmt und gegen die Angst, hat Sadiq Khan, der neue Stadtpräsident Londons, am Samstag in den frühen Morgenstunden erklärt, unmittelbar nachdem sein Wahlsieg mit 57 Prozent der Stimmen bestätigt worden war. Er kritisierte die hetzerische Kampagne des geschlagenen Tory-Kandidaten Zac Goldsmith, der versucht hatte, den Muslim Khan als gefährlichen Trittbrettfahrer von Islamisten zu verunglimpfen.

Zahlreiche prominente Konservative haben seit dem Urnengang vom letzten Donnerstag die zweifelhaften Methoden Goldsmiths als kontraproduktiv und langfristig schädlich kritisiert. Das Verdikt der bunten Londoner Wählerschaft schien ihnen recht zu geben. Der Sohn eines Busfahrers aus Pakistan steht für die Chancengleichheit der Metropole und für ihre zunehmende Indifferenz gegenüber Hautfarbe, Religion und dergleichen.

Khan hat indessen im Londoner Biotop eher trotz seiner Zugehörigkeit zur Labourpartei triumphiert als wegen ihr. Überall sonst nämlich wurde Labour von den Wählern dafür bestraft, dass die Partei keine glaubwürdige Alternative zu den herrschenden Tories anzubieten vermag. Der Labour-Vorsitzende, Jeremy Corbyn, versuchte zwar am Freitag, die Rückschläge herunterzuspielen, doch sein Frohsinn wirkte künstlich und weltfremd.

In Schottland rutschte die Partei, die das Land noch bis vor wenigen Jahren als ihren Erbhof behandeln durfte, auf den schmählichen dritten Platz ab; ihr Wähleranteil schrumpfte um über neun Prozentpunkte. Die schottischen Konservativen dagegen, unter der beherzten Führung der eigenwilligen Ruth Davidson, verdoppelten ihre Mandate. Sie dürfen bei der nächsten Unterhauswahl auf Zugewinne in Schottland bauen, was noch vor kurzem als Fiebertraum gegolten hätte. In Wales hatte Labour unverschämtes Glück. Die Partei verlor im Regionalparlament von Cardiff nur einen einzigen Sitz und wird wohl weiter allein regieren. Doch ihr Stimmenanteil schrumpfte um nahezu acht Prozentpunkte. Im Rhondda-Tal, ihrer einstigen Hochburg, verlor sie gar gegen die Nationalisten.

Dort, wo britische Wahlen gewonnen und verloren werden, in England, stagnierte Corbyns Labourpartei auf tiefem Niveau. Dabei müsste eine Oppositionspartei unter neuer Führung massive Zugewinne verbuchen, um eine Chance auf einen Regierungswechsel zu haben.

Nicht nur Corbyns notorische Kritiker haben deshalb am Samstag ihren Blick resigniert auf die übernächste Wahl geheftet: 2025. Corbyns eigenbrötlerischer, handgestrickter Sozialismus begeistert zwar die aufgeblähte Parteibasis unverändert, ist aber mitnichten mehrheitsfähig. Die zerstrittenen pannenanfälligen Tories, die in den letzten Wochen mehr Rückzieher machen mussten als ein begabter Fußballspieler, lachen sich ins Fäustchen.

Die antieuropäische und fremdenfeindliche UKIP-Partei bereichert sich aus dem enttäuschten Labour-Reservoir – am deutlichsten in Wales. Für das bevorstehende EU-Referendum bedeutet die sterile Nabelschau der Labourpartei, dass linke Argumente für den Verbleib in der EU weitgehend ungehört bleiben.