Man nennt sie „Lady SOS“

von Alexander Bühler / 21.04.2015

Oft ist sie die letzte Hoffnung: Nawal Soufi organisiert von Sizilien aus Rettungsaktionen für Flüchtlinge in Seenot, mit einfachsten Mitteln. NZZ-Autor Alexander Bühler hat sie in Catania getroffen.

Eben hat sie noch gelacht. Dann klingelt das Handy, dessen Nummer dazu dient, Leben zu retten. Nawal Soufi vergisst alles um sich herum. Sie greift in die Tasche, holt das Notruftelefon hervor. „Marhaba“, „hallo“, sagt sie auf Arabisch und nennt ihren Namen. Ihr Gesprächspartner redet sofort los, er befürchtet, dass sein Bruder hilflos auf dem Mittelmeer treibt. Am Vortag sei er von Libyen aus losgefahren, Richtung Europa. Seitdem habe er nichts mehr von ihm gehört.

Je mehr sich die EU nach innen geöffnet hat, desto stärker hat sie ihre Grenzen nach außen befestigt. Doch angesichts der Kriege der letzten Jahre suchen immer mehr Menschen immer verzweifelter Zuflucht in Europa. Das Mittelmeer, das die Römer noch als „Mare nostrum“ (unser Meer) bezeichneten, ist für viele zur letzten Barriere geworden. Um die zu überwinden, riskieren sie alles. 100.000 Flüchtlinge wurden alleine 2014 von der italienischen Marine und Küstenwache gerettet. Wie viele bei dem Versuch ertranken, Europa zu erreichen, ist unbekannt. Doch an den Meldungen der vergangenen Tage, 3.000 Flüchtlinge seien geborgen worden, mehr als 400 dagegen ertrunken, lassen sich die Proportionen ungefähr erahnen. Die meisten Geretteten verdanken ihr Leben der italienischen Marine, die europäische Grenzagentur Frontex hat weder ausreichend Budget noch den entsprechenden politischen Auftrag.

Logbuch der Verzweiflung

Nawal Soufi ist eine der wenigen Personen, die rund um das Mittelmeer für die Flüchtlinge bereitstehen. Sobald diese in See stechen oder auf dem Meer in Seenot geraten, rufen sie die 27-Jährige an. Soufis Telefonnummer ist als „Lady SOS“ unter vielen Flüchtlingen bekannt, per Facebook, Twitter oder schlicht als Zettel wird sie weitergegeben. Als eine letzte – und beste – Hoffnung.

Auch in diesem Fall: Soufi beendet das Gespräch, das sie mit ihrem zweiten Telefon aus rechtlichen Gründen aufgezeichnet hat, und ruft das Generalkommando der italienischen Küstenwache an. Sie nennt kurz ihren Namen, erklärt, dass es um Bootsflüchtlinge geht, und ist sofort mit der Notrufzentrale verbunden. Dort hat man nichts von einem schiffbrüchigen Boot vor der libyschen Küste gehört.

Zu Hause wird Soufi die Kernpunkte dieses Gesprächs in ein kleines Schreibheft übertragen. In diesem Logbuch der Verzweiflung sind hunderte Anrufe verzeichnet. Soufis Telefon ist seit Jahren Tag und Nacht angeschaltet, manchmal klingelt es ein Dutzend Mal am Tag, wenn die Flüchtlinge von der Ägäis aus, von der libyschen Küste oder von irgendwo auf der Wasserwüste anrufen. „Die meisten Boote“, erklärt Soufi, „haben keine ausgebildete Besatzung.“ Stattdessen bekämen einige Flüchtlinge im Austausch gegen einen Rabatt einen eintägigen Schnellkurs von den Schleppern und würden dann schlicht losgeschickt.

Ausruhen ist keine Option

Zum Glück hätten sie aber oft ein Satellitentelefon dabei, um Soufi anrufen zu können. Mit dieser Nummer gelinge es der Küstenwache meistens, die Position des Boots zu ermitteln. „Einmal“, erzählt sie, ein Strahlen zieht sich über ihr schmales Gesicht, „rief mich einer an und bat um Hilfe. Aber aus Angst, von der Küstenwache wieder abgeschoben zu werden, warf er das Telefon ins Meer.“ Zu seinem eigenen Glück hatte der Flüchtling aber noch ein weiteres Satellitentelefon in der Hosentasche, das Soufi unablässig anrufen konnte. Damit lieferte sie der Küstenwache die richtigen Positionsangaben.

Längst könnte Soufi sich einer größeren Organisation angeschlossen haben. Doch anderen ihre Arbeit übergeben, sich ausruhen, das könnte sie nicht. Agata Ronsivalle, eine Lehrerin, ist eine ihrer wenigen Mitarbeiterinnen. „Ich staune immer wieder, woher sie diese Energie nimmt“, sagt die Frau, wenn wieder nachts um zwei Uhr eine E-Mail mit Aufträgen von Soufi kommt.

Nawal Soufi selbst wundert sich nur über die Frage. „Vielleicht kommt es daher, weil ich mit dem Thema Migranten und Flüchtlinge aufgewachsen bin“, erklärt sie. Ihr Vater stammt aus Marokko. Ein eingewanderter Lampenbauer, der gelegentlich die Leichname verstorbener Marokkaner wusch und in die alte Heimat zurückbrachte. Manchmal durfte Nawal mitreisen, das andere Ufer des Mittelmeers kennenlernen. Aber ihr Einsatz für die Flüchtlinge hat noch eine weitere Wurzel, sagt Soufi: „Als Kind sah ich, wie ein Boot voller Migranten landete.“ Sie begriff die Not dieser Menschen, was sie antrieb. Als Jugendliche fing sie an, ihnen über die sozialen Netzwerke ihre Hilfe anzubieten. Mittlerweile ist sie so bekannt, dass öfters die Schiffe der Küstenwache voller Flüchtlinge im Hafen ankommen und als Erstes ein hundertfacher Ruf „Nawal Soufi!“ ertönt. Oft nimmt sie von ihrem Heimatort bei Catania den Bus und reist nach Palermo, um dort die Flüchtlinge bei der Weiterreise zu beraten. Sie will sie vor Schleppern bewahren: „Die knöpfen ihnen sonst hunderte Euro für ein Bahnticket ab!“ Doch die Frau weiß genau, auf welchem schmalen Grat zwischen Hilfe und Schlepperei sie sich bewegt. Immer wieder warnt sie Anrufer, die bei ihr Informationen über einen illegalen Grenzübertritt holen wollen, weist sie auf die Widerrechtlichkeit ihres Handelns hin. Doch wer in Not gerät, kann auf ihre Hilfe bauen.

Auch der Anrufer, der um seinen Bruder besorgt ist. Über Kontakte erfährt Soufi, dass das Boot des Bruders zur libyschen Küste umgekehrt ist. Sie atmet auf. Jetzt kann sie sich um das nächste Boot voller Flüchtlinge kümmern.