imago

Portugals neuer Präsident

Marcelo Superstar

von Thomas Fischer / 25.01.2016

Ein beliebter TV-Kommentator tauscht das Fernsehstudio gegen den Präsidentenpalast. Also muss die linke Regierung auch künftig mit einem Staatsoberhaupt aus dem bürgerlichen Lager auskommen.

Marcelo Rebelo de Sousa hat im Wahlkampf für das Präsidentenamt in Portugal keine Plakate kleben lassen. Für die Kampagne budgetierte er den modesten Betrag von nur 157.000 Euro. Er hat die Direktwahl am Sonntag aber mit absoluter Mehrheit gewonnen, sodass es zu keiner Stichwahl kommt. Am 9. März übernimmt der 67-jährige Juraprofessor aus dem bürgerlichen Lager, der schlicht als „Marcelo“ bekannt ist, die Nachfolge von Aníbal Cavaco Silva, der nach zwei Amtszeiten abtreten muss.

Marcelo gab sich als unabhängiger Kandidat der „linken Rechten“. Seine Wahl empfahlen zwar der bürgerliche Partido Social Democrata (PSD), den er selbst von 1996 bis 1999 geführt hatte, und der kleinere rechte Partido Popular (CDS-PP). Sein Stimmanteil übertrifft aber klar jene 38,6 Prozent, die diese neuerdings oppositionellen Parteien bei der Parlamentswahl im Oktober erhalten hatten. Als Protestvotum gegen die neue Linksregierung ist dies kaum zu werten. Viele Wählerinnen und Wähler dürften weniger für den rechten Kandidaten gestimmt haben als für den eloquenten, volksnahen und bei seinen Studenten beliebten Marcelo. Er zehrt von seiner Popularität als langjähriger TV-Kommentator, der nach eigenen Angaben jeden Tag zwei Bücher liest, nur fünf Stunden schläft und leidenschaftlich gern surft. Marcelo scheint alles zu wissen und ist eine Institution.

Gründer des moderaten Wochenblatts „Expresso“

Rebelo de Sousa kam 1948 im ländlichen Celorico de Basto in der Nordregion Minho zur Welt. Noch stand das Land unter der Fuchtel einer faschistoiden Diktatur. Während sein Vater dem Regime als Generalgouverneur der Kolonie Mosambik diente, absolvierte Marcelo sein Jurastudium in Lissabon, das er 1971 abschloss. Mit dem späteren Ministerpräsidenten Francisco Pinto Balsemão gründete er 1973 das bis heute führende Wochenblatt „Expresso“, das als Sprachrohr einer moderaten, vom Regime tolerierten Opposition galt.

Kurz nach dem demokratischen Umbruch von 1974 gehörte Rebelo de Sousa zu den Gründern des heutigen PSD (der damals PPD hieß) und wurde 1975 zum Abgeordneten der verfassunggebenden Versammlung gewählt. Von 1981 bis 1981 war er Minister für parlamentarische Angelegenheiten.

Marcelo erlitt jedoch auch Niederlagen. 1989 unterlag er als Kandidat für das Bürgermeisteramt in Lissabon. 1999 wollte er Ministerpräsident werden, warf jedoch schon vor der Parlamentswahl das Handtuch. Um gegen die damalige sozialistische Regierung zu punkten, war er zuvor auch populistische Abwege gegangen. Seine Partei feierte 1998 etwa die Nein-Mehrheit bei einem Referendum gegen eine Aufteilung von Festland-Portugal in acht administrative Regionen. Nein-Plakate hatten dramatisierend vor „Korruption mal acht“ oder „Steuern mal acht“ gewarnt. Mehrheitlich stimmten die PSD-Abgeordneten im Parlament damals zudem gegen die Fristenlösung bei der Abtreibung, was Marcelo heute als „rechter Makel“ anhaftet.

Bestens vernetzt in Gesellschaft und Politik

Seiner Popularität als Kommentator tat das kaum Abbruch. Oft mit der Gestik eines Predigers verkündete Marcelo jeden Sonntagabend seine Wahrheiten, wobei mitunter nicht klar war, welches Insiderwissen und welche Interessen ihn leiteten. Im letzten Herbst gab er diese Tätigkeit auf. Er ist in Gesellschaft und Politik bestens vernetzt. Zudem berief ihn Cavaco Silva in den Staatsrat, der den Präsidenten berät. Für Spekulationen sorgte auch Marcelos vertrauter Umgang mit Ricardo Salgado, Patriarch der einst überaus einflussreichen, 2014 aber kollabierten Gruppe Espírito Santo.

Marcelo kommt aus der selben Partei wie Cavaco, pflegt aber einen ganz anderen Stil. Wo Cavaco bieder und spröde wirkte, sprüht Marcelo. Wie rechts oder umgänglich er ist, muss sich in der Kohabitation mit der linken Regierung erweisen. Er will zur politischen Stabilität beitragen und keine Gegenmacht sein. Im Wahlkampf meinte aber ein Rivale, dass er schon für alles und für das jeweilige Gegenteil eingetreten sei. Sprichwörtlich ist, wie Marcelo sich 1996 selber untreu wurde. Nicht einmal, wenn Christus auf die Erde niederkäme, wollte er PSD-Vorsitzender werden, schwor der Katholik damals – und ließ sich wenig später doch in dieses Amt wählen.

Auch protokollarisch will der Vater von zwei Kindern aus einer geschiedenen Ehe ein Zeichen setzen. Er hat eine Lebensgefährtin, die aber nicht als „First Lady“ an seiner Seite strahlen soll.