Charles Platiau / Reuters

Damm gegen Migranten

Mauerbau in Calais

von Nikos Tzermias / 07.09.2016

Nebst Metallzäunen soll nun noch eine Mauer den Migrantenstrom von Calais nach Grossbritannien eindämmen. Die Zahl der im „Dschungel von Calais“ hausenden Migranten hat massiv zugenommen.

Auf beiden Seiten der Hauptstrasse zum Hafen von Calais beginnt nächstens der Bau einer vier Meter hohen und einen Kilometer langen Mauer. Sie soll verhindern, dass Migranten auf Lastwagen aufspringen, um von Frankreich nach Grossbritannien zu gelangen. Entlang den Zufahrten zum Hafen sowie zum Eurotunnel waren zuvor bereits hohe Metallzäune mit Stacheldraht errichtet worden, doch liess sich dadurch der Andrang der Migranten nicht genügend eindämmen.

Der Dschungel wächst

Das hat sich herumgesprochen, und das berühmt-berüchtigte informelle Lager, der sogenannte Dschungel von Calais, ist wieder massiv angeschwollen. Dort hausen unter slumartigen Bedingungen rund 9000 Migranten, gegenüber 4500 im Frühjahr und 6000 im letzten Herbst. Die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, beklagt, dass die Migranten in ihrer Stadt auch zunehmend mit Gewalt gegen die Sicherheitskräfte vorgingen, um nach Grossbritannien zu gelangen. Aus Wut über den Dschungel blockierten französische Lastwagenfahrer und Bauern am letzten Montag die Hauptstrasse zum Hafen.

Der unmittelbar bevorstehende Beginn des Mauerbaus wurde am Mittwoch vom britischen Minister für Immigrationsfragen, Robert Goodwill, angekündigt. Seine Regierung will die auf fast 2,4 Millionen Euro veranschlagten Kosten bestreiten. Der Beitrag erfolgt im Rahmen der insgesamt 20 Millionen Euro hohen Beihilfen, die noch Premierminister David Cameron Anfang März bei einem Gipfeltreffen mit dem französischen Staatschef François Hollande in Amiens zugesichert hatte, um die Grenzkontrollen am Ärmelkanal zu verstärken.

Zur Bewältigung der Krise bei Calais hat Grossbritannien schon umgerechnet 60 Millionen Euro bezahlt. Die Zusammenarbeit beruht auf dem 2003 erzielten Abkommen von Le Touquet, das die Errichtung britischer Grenzkontrollen auf französischem Territorium vorsieht. Das Abkommen ist jederzeit kündbar und nicht von der EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens abhängig. Einige französische Politiker haben aber immer wieder warnend festgestellt, dass der Brexit zur Verlagerung des Dschungels von Calais nach Dover führen könnte.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve hat erklärt, dass die Regierung den Dschungel bis Ende Jahr räumen wolle. Die Ankündigung wurde mit grosser Skepsis aufgenommen; ursprünglich sollte der Dschungel schon im letzten Frühling beseitigt werden. Paris ringt schon seit rund zwanzig Jahren mit dem Problem.

Flüchtlingslager in Paris

Laut einer Analyse von „Le Monde“ scheiterte die Schliessung des Dschungels zum einen am Fehlen von alternativen, regulären Unterkünften für Migranten. Zum andern erlitt die Regierung einen Rückschlag, als das französische Verwaltungsgericht in Lille die geplante Schliessung der von den Migranten geführten Läden im Dschungel verhinderte, wogegen die Regierung Berufung beim Staatsrat eingelegt hat.

Im Innenministerium besteht nun die Hoffnung, dass sich nach der Feriensaison in den nächsten Monaten Tausende von Notunterkünften schaffen lassen und dies die Räumung der wilden Zelt- und Barackenlager in Calais und anderen Orten entlang der Ärmelkanalküste erleichtern wird. Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, kündigte am Dienstag die Eröffnung von zwei Lagern für annähernd 1000 Flüchtlinge an der Peripherie der französischen Hauptstadt an, wo in den letzten Monaten Hunderte, wenn nicht Tausende von Migranten wilde Camps errichtet hatten. Das Problem bleibt indes, dass viele Migranten aus wirtschaftlichen, sprachlichen und familiären Gründen lieber nach Grossbritannien gelangen möchten, als in Frankreich zu bleiben.