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Plagiarismus

Melania Trump und ihre Rede: Mehr Plagiate im Osten?

Meinung / von Andreas Ernst / 05.08.2016

Das universitäre System in Osteuropa fördere das Abschreiben, meint eine amerikanische Professorin. Doch Plagiate sind keine rein osteuropäische Spezialität.

Als jüngst Frau Trump anlässlich der Nominierung ihres Gatten zum Präsidentschaftskandidaten eine Rede halten musste, suchte sie nach Vorbildern. Das ist verständlich, denn als ehemaliges Mannequin hat sie zwar Bühnenerfahrung, aber auf Laufstegen wird ja nicht gesprochen. Sie wurde fündig bei Frau Obama, die eine mitreissende Rednerin ist und bei der Kandidatenkür ihres Mannes seinerzeit viel Applaus erhalten hatte. Also kupferte Melania Trump ab und wiederholte etwa zwei Minuten lang die Rede der «Vorgängerin» wörtlich. Die Sache flog natürlich sofort auf. Aber die Trumps sind anderes gewohnt, als dass ihnen Melanias Rede wirklich peinlich gewesen wäre.

Peinlich hingegen ist eine Betrachtung, die eine amerikanischen Politikprofessorin in der «Washington Post» dem Vorfall widmet. Monika Nalepa nämlich kommt zum Schluss, dass Melania Trumps Fehltritt kein Zufall sei. In Osteuropa habe das Betrügen an Universitäten Tradition. Trump, die ihren Studien in Slowenien nachgegangen war, sei ein Produkt dieser postsozialistischen akademischen Kultur. Diese zeichne sich durch unkritisches Auswendiglernen aus, auch nach Abschaffung des Fachs Marxismus-Leninismus. Das Abschreiben gelte in diesen Ländern bloss als «Ausleihen», und so besehen sei das Verhalten der Kandidatengattin verständlich.

Man stutzt, und vor dem inneren Auge paradieren vorbei: der ehemalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, zurückgetreten 2011 wegen seines Dissertation-Plagiats, Bildungsministerin Annette Schavan, die dasselbe Schicksal 2013 ereilte, die Schweizer Parlamentarierin Doris Fiala oder deren deutsche Amtskollegin Petra Hinz, die akademische Grade vorgaukelte. Die Liste lässt sich lange fortsetzen, auch ohne Osteuropäer.

Aber es gibt in der Tat einen Unterschied zwischen West und Ost. Er liegt in der Rechenschaftspflicht. Es gibt klare Hinweise auf Plagiieren in den Dissertationen des serbischen Innenministers und des Belgrader Bürgermeisters. Nur beunruhigt das im Land weder die Mächtigen noch die Gerichte.