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Flüchtlingsdruck an der türkischen Küste

Menschenschmuggel im Badeparadies

von Marco Kauffmann Bossart / 18.03.2016

In Çeşme versuchen die Behörden, den Migrationsstrom mit schärferen Kontrollen einzudämmen. Die Schlepper schreckt das kaum ab.

Aus einem Feldweg biegt am frühen Abend eine zehnköpfige Menschengruppe in das Sträßchen ein, das zum Diamond Beach führt. Voran die Männer mit prallgefüllten Taschen, ihnen folgen Frauen mit Decken unter dem Arm und am Schluss drei Kinder, eines mit einem schwarzen Rucksack, der bis zu den Kniekehlen reicht. Auf der Weide tollen Schafe umher. Die Gruppe will auf die griechische Insel Chios übersetzen. Ein Afghane in den Sechzigern mit einem buschigen Schnauz sagt bloß: „Five try.“ Fünfmal stieg er am Strand in ein Boot, fünfmal wurde er von der türkischen Küstenwache gestoppt. Vielleicht klappt der sechste Versuch. Mit einer regulären Fähre würde die 45-minütige Überfahrt vom türkischen Badeort Çeşme 30 Franken kosten, die Schlepper kassieren das Fünfzigfache oder mehr. Freigegeben wird das bei speziellen Zahlungsbüros deponierte Geld erst, wenn das Unternehmen glückt.

Unzählige Schleichwege

Eilig haben es plötzlich zwei Männer, die der Flüchtlingsgruppe mit einigen Metern Abstand folgten. Sie reden Türkisch miteinander, aber ungern mit Journalisten und tragen im Unterschied zu den Flüchtlingen saubere Kleider, glänzende Uhren und Plastiksäcke mit Weißbrot und Wasserflaschen. Ein Einheimischer vermutet Hilfspersonal eines Schleppers.

Den Schmugglern wird es nicht mehr so einfach gemacht wie im vergangenen Sommer, als ihre Minibusse die Flüchtlinge direkt am Meer ausluden. Inzwischen hat die Gendarmerie Gräben ausgehoben, um die Durchfahrt zu erschweren. Und die sechsspurige Autobahn, die Izmir – ein Dreh- und Angelpunkt für Schlepper und Flüchtlinge – mit Çeşme verbindet, wird stärker kontrolliert. Beamte winken Lieferwagen und Kleinbusse mit verdunkelten Scheiben zur Seite. Doch gibt es noch die Landstraße und unzählige Schleichwege.

Im Café Yasu am Hafen Çeşme hat man in den vergangenen Monaten schon viel gehört von einem schärferen Vorgehen gegen Schlepper und Flüchtlinge. Dennoch beobachtet der Besitzer, wie ab ein Uhr nachts Kolonnen von Menschen zum Diamanten-Strand marschieren, vorbei an aufgebockten Luxusjachten in der Marina. Bis vor ein paar Monaten chauffierten Taxis Flüchtlinge bis ans Ufer. Doch vielen Fahrern seien diese illegalen Transfers nun zu heiß. Ob ein neues Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei den Flüchtlingsstrom eindämmt? Die Männer im Café winken ab und spielen eine weitere Runde Backgammon. „Es sind dermaßen viele. Den Menschenstrom können Sie nicht einfach stoppen.“

Der von den Staats- und Regierungschefs der EU diskutierte Plan soll Migranten dazu bringen, sich in der Türkei um einen legalen Migrationsweg zu bemühen. Wer dennoch illegal nach Griechenland gelangte, würde in die Türkei zurückgeschafft und müsste sich für ein Asylverfahren ganz hinten anstellen. Ob die Flüchtlinge auf solchermaßen veränderte Anreize reagieren werden, ist freilich ungewiss. Einige schrecken vor dem in Brüssel skizzierten Umsiedlungsprogramm zurück, weil sie möglicherweise nach Bulgarien oder in die Slowakei ausgeflogen würden. Der Wille, sich in als attraktiver eingestufte Länder durchzuschlagen, scheint bei manchen ungebrochen. Die Schmuggler werben damit, Hilfesuchende an ihre Wunschdestination zu bringen, gerade jene mit geringen Chancen auf Asyl. Wenn die griechisch-mazedonische Grenze geschlossen ist, dann halt über Albanien, Bulgarien oder die Adria nach Italien.

Hilfe der türkischen Society

Ali Gürel fährt mit seinem Kombi an den Stränden von Çeşme entlang und verteilt Flüchtlingen Kleider, Milchpulver für Babys und Konservendosen. Auch er zweifelt, dass ein Abkommen mit der EU die Migranten von ihren Plänen abbringen wird. „Die meisten sind fest entschlossen“, erzählt Gürel, der im schicken Badeort ein Café betreibt und mit anderen Einheimischen Nothilfe leistet. Auf ihrer Facebook-Seite nennt sich die lokale Bürgerinitiative antikapitalistisch, doch bringen an der Sammelstelle im Zentrum von Çeşme auch Damen der türkischen Society gekochte Eier und Windeln vorbei. In den Hügeln rund um den Hafen residiert das gehobene Bürgertum in Villen mit Zitronenhainen, Palmen und gepflegten Blumengärten.

Die Polizei ließ die Bürgerinitiative bis jetzt gewähren, zumal sich Gürel nicht als Fluchthelfer versteht. Im Gegenteil sei es ihm schon gelungen, Flüchtlingsfamilien zu überreden, in der Türkei zu bleiben. Schräg gegenüber dem Warenlager der Helfer sitzt eine syrische Familie am Tisch einer Pension. Sie warten auf den Marschbefehl der Schlepper. Zwei amerikanische Krankenpfleger im Freiwilligeneinsatz drehen ihre Runde. Vergangene Woche brachten sie eine Schwangere ohne Bleibe in ein Spital, bei der die Wehen in einem öffentlichen Park ausgebrochen waren. An diesem Nachmittag desinfizieren sie die blutende Wunde eines Jugendlichen.

Die zehn Afghanen am Diamanten-Strand wollen die Nacht trotz Kälte im Freien verbringen. In der Morgendämmerung rechnen die Männer mit ruhiger See. Werden sie erwischt, wird die Küstenwache sie nach Izmir zurückschaffen. Die meisten beginnen dann wieder von vorne.