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Euro 2016

Missvergnügen statt Hochstimmung in Frankreich

von Nikos Tzermias / 09.06.2016

Was zu nationalem Stolz gereichen sollte, droht zum Albtraum zu werden. Wenige Tage vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft hadert Frankreich mit sich selbst.

Die Franzosen wollen in diesen schwierigen Zeiten glücklich sein, wünschen sich eine erfolgreiche Fußball-Europameisterschaft. Niemand verstünde es, sollten die Streiks fortgesetzt werden. Dem Ansehen Frankreichs, das die beliebteste Tourismusdestination weltweit ist, würde schwer geschadet. Mit diesem Hinweis versuchte Staatspräsident François Hollande die Eisenbahnergewerkschaft und andere Syndikate davon abzuhalten, auch während der Euro 2016, die am Freitag beginnt, weiter zu streiken.

Der Aufruf zu nationalem Verantwortungsbewusstsein dürfte bei der militanten Gewerkschaft CGT und anderen linken Arbeitnehmerorganisationen aber auf taube Ohren stoßen. Trotz neuen Konzessionen der sozialistischen Regierung in den Tarifverhandlungen mit den Eisenbahnern kündigte die CGT neue Streikaktionen gegen Hollandes Arbeitsreform an, nachdem die Gesetzesvorlage schon in den letzten Wochen stark verwässert worden war.

Kein Vertrauen in Hollande

Bei der Staatsbahn SNCF wurde am Mittwoch erneut gestreikt, bereits den achten Tag in Folge. Die Verkehrsbehinderungen waren etwas geringer als in den Vortagen. Es rollten wieder 80 Prozent der TGV-Schnellzüge und 60 Prozent der Intercity-Züge. Bei den Pariser S-Bahnen fiel jedoch immer noch jeder zweite Zug aus. Gestreikt wurde außerdem weiterhin in drei der acht französischen Ölraffinerien. Für Missstände wie in Neapel – nämlich überquellende Abfallcontainer – sorgten in Paris zudem die Streiks bei der Kehrichtabfuhr und in den Entsorgungs- und Verbrennungsanlagen.

Präsident Hollande versucht, sich als dialogbereiter Reformer und auch sonst als umsichtiger Landesvater in Szene zu setzen. Die meisten Bürger bringen ihm jedoch kein Vertrauen mehr entgegen; sie sind vielmehr davon überzeugt, dass der Staatschef mit seinem notorischen Zickzackkurs und mit der erst im letzten Jahr seiner fünfjährigen Amtsperiode unvermittelt angekündigten Lockerung des Arbeitsrechts wesentlich zur sozialen Unrast beigetragen hat. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop beurteilen gerade noch 16 Prozent der befragten Französinnen und Franzosen Hollandes Amtsführung positiv. Das ist die niedrigste Zustimmungsquote in der Fünften Republik.

Neben der sozialen Unrast will auch das Wetter nicht mitspielen. Zwar hat das Hochwasser bei Paris seinen Höhepunkt überschritten, doch musste die Regierung am Mittwoch wegen anhaltender Überschwemmungen vorab in Nordwestfrankreich für 782 Gemeinden in 16 Departementen den Notstand ausrufen. Die Unwetter haben bisher fünf Menschenleben gefordert, über 20.000 Personen mussten evakuiert werden. Der Sachschaden wird von der Vereinigung der französischen Versicherungsgesellschaften auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt.

Kein Nullrisiko

Schließlich wird die Euro 2016 vor allem auch von der Drohung neuer Terroranschläge überschattet. Bezeichnenderweise hat die Regierung am Mittwoch eine App lanciert, mit der sich die Bevölkerung und im Besonderen auch die Sportfans auf Französisch und Englisch im Fall eines Attentats per Smartphone auf dem Laufenden halten und Anweisungen der Polizei empfangen können.

Der Geheimdienstchef Patrick Calvar hatte vor ein paar Wochen im Parlament erklärt, man wisse, dass die Terrormiliz IS neue Anschläge plane. Entsprechend hat Innenminister Bernard Cazeneuve beispiellose Sicherheitsvorkehrungen mit einem Aufgebot von annähernd 100.000 Angehörigen der Sicherheitskräfte angekündigt. Sie sollen auch Missetaten von Hooligans verhindern. Cazeneuve gab allerdings erneut zu bedenken, dass es auch bei hundertprozentiger Vorbereitung kein Nullrisiko gebe.