dpa – Bildfunk

EU-Strategie zur Digitalisierung der Industrie

Mit der Wolke in die Zukunft

von René Höltschi / 20.04.2016

Die Digitalisierung der Industrie birgt erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Doch Europa hat Nachholbedarf. Nun will Brüssel die Modernisierung anschieben.

Um mehr als 110 Milliarden Euro pro Jahr könnten Unternehmen in Europa ihre Umsätze durch die Digitalisierung ihrer Produkte und Dienstleistungen steigern. Dies zumindest erwartet die EU-Kommission unter Berufung auf einschlägige Studien. Am Dienstag stellte sie deshalb ein Bündel von Maßnahmen vor, die die Digitalisierung der Industrie unterstützen und vorantreiben sollen. Der Strategieplan ist Teil der im Mai 2015 skizzierten Bestrebungen zur Schaffung eines digitalen Binnenmarkts.

Offener Zugang zu Daten

Als ein erstes Ziel sieht die Strategie die Schaffung einer Europäischen Cloud für offene Wissenschaft (European Open Science Cloud, EOSC) vor. Gemeint ist eine virtuelle Umgebung, in der Europas Forscher und Fachkräfte ihre Daten über Fachgebiete und Grenzen hinweg speichern, austauschen und wiederverwenden könnten. Hierzu soll durch den Aufbau von Hochleistungsbreitbandnetzen, Großspeichereinrichtungen und Superrechnerkapazitäten eine Dateninfrastruktur gebildet werden.

Die EOSC soll ab 2016 aufgebaut werden, wozu auch bestehende Infrastrukturen gestärkt und vernetzt würden. Fragen zur Führung und Finanzierung muss die Kommission in Kooperation mit den Mitgliedstaaten und weiteren Akteuren noch klären. Sie geht davon aus, dass über fünf Jahre insgesamt 6,7 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen nötig sind. Hierzu könnten zwei Milliarden Euro aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 beigesteuert werden. An diesem Programm nimmt derzeit auch die Schweiz teilweise teil.

Eine zentrale Idee ist die Offenheit, wobei die Kommission vorangehen will: Ab 2017 sollen alle wissenschaftlichen Daten, die im Rahmen von Horizon 2020 und somit mithilfe der Steuerzahler generiert werden, standardmäßig offen zugänglich sein, damit die wissenschaftliche Gemeinschaft diese Datenmengen wiederverwenden kann. Für Daten, die etwa aus Sicherheitsgründen oder wegen ihrer Marktnähe heikel sind, soll es ein Opt-out-System geben. Auch sollen berechtigte Interessen der Urheber geschützt werden, wenn die „Wolke“ in einem späteren Schritt für Nutzer aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Sektor geöffnet wird. Man wolle „Wissen öffnen und Ideen schützen“, erklärte der EU-Forschungskommissar Carlos Moedas das Konzept vor den Medien, ohne ins Detail zu gehen.

Rechtsrahmen für Drohnen

Eine Reihe von Initiativen sieht die Kommission sodann vor, um die Digitalisierung der Industrie im engeren Sinn zu fördern. So will sie mit regelmäßigen Foren und runden Tischen die Koordinierung der über 30 bestehenden nationalen und regionalen Initiativen unterstützen, darunter zum Beispiel die „Plattform Industrie 4.0“ in Deutschland oder „Produktion der Zukunft“ in Österreich. 500 Millionen Euro sollen in ein EU-weites Netz von Technologie-Exzellenz-Zentren (Digital Innovation Hubs) fließen, in denen Firmen Innovationen testen und sich beraten lassen können. Weiter stellt Brüssel Gesetzesinitiativen in Aussicht, die den freien Datenfluss stärken (z.B. durch Aufhebung nationaler Vorschriften, wonach Daten in einem bestimmten Land zu speichern sind) und klare Eigentumsverhältnisse für Daten schaffen sollen. Ferner sollen Sicherheits- und Haftungsfragen geklärt werden bezüglich des Internets der Dinge und autonomer Systeme (selbstfahrende Autos, Drohnen).

Viel Wert legt die Strategie auf die Digitalisierung der öffentlichen Dienste und die Entwicklung gemeinsamer technischer Standards. Letztere sollen sicherstellen, dass vernetzte Geräte unabhängig von Hersteller, technischen Merkmalen oder Herkunftsland miteinander kommunizieren können. Besonders wichtig sei dies in den Bereichen 5G, Cloud-Computing, Internet der Dinge, Daten-Technologien und Cybersicherheit. Zur Beschleunigung der Standardisierung will die Kommission die Kooperation mit den Normungsorganisationen ausbauen sowie Prüfungen und Versuche kofinanzieren.

Insgesamt dürften mit den Plänen laut Kommission innerhalb von fünf Jahren unter Einrechnung der erwähnten Mittel für die „Wolke“ über 50 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert werden. Hierzu könnte der EU-Haushalt vor allem aus dem Horizon-2020-Topf etwa 6,8 Milliarden Euro direkt beisteuern. Der Rest wäre von den Mitgliedstaaten und der Industrie aufzubringen, die sich aber wiederum um Mittel aus dem „Juncker-Plan“ und weiteren Töpfen bemühen könnten.