Cristiano Chiodi / Keystone

Erdbeben in Zentralitalien

„Mit mehr Sand als Zement gebaut“

von Andrea Spalinger / 29.08.2016

Pfusch und Korruption haben dazu beigetragen, dass das jüngste Beben in Italien so viele Todesopfer gefordert hat. Beim Wiederaufbau drohen sich fragwürdige Bauunternehmer und Beamte zu bereichern.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien, bei dem mindestens 291 Personen ums Leben gekommen sind, hat die Justiz in den betroffenen Provinzen Untersuchungen eingeleitet. Der für die schwer verwüstete Gemeinde Amatrice zuständige Staatsanwalt in Rieti, Giuseppe Saieva, ist überzeugt, dass die Bauvorschriften dort im grossen Stil missachtet worden sind. «Was passiert ist, kann nicht allein als Naturkatastrophe abgetan werden», erklärte er gegenüber der Zeitung «La Repubblica». Pfusch und Korruption seien ganz eindeutig mitverantwortlich gewesen.

Mehr Sand als Zement

Ein Team von vier Richtern ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung und Verursachung eines Desasters. Bisher seien noch keine Verdächtigen identifiziert worden, heisst es. Im Visier seien aber Bauunternehmer wie auch verantwortliche Geologen, Beamte und Politiker, hiess es. Es dürfte allerdings eine ganze Weile dauern, bis Berge von Baubewilligungen und anderen Dokumenten durchforstet sind. Zuerst will sich die Staatsanwaltschaft auf jene rund hundert Gebäude konzentrieren, unter deren Trümmern Menschen ums Leben gekommen sind. Insbesondere jene Gebäude, die nach der Verschärfung des Baugesetzes 2001 erbaut oder renoviert worden sind, sollen genau unter die Lupe genommen werden.

Auch der Staatsanwalt in der Provinz Ascoli Piceno, zu der Arquata und Pescara del Tronto zählen, hat Untersuchungen eingeleitet. Ein Teil dieser Gemeinden war bereits 1997 bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen worden. Nun soll geprüft werden, wer für den Wiederaufbau und die Erdbebensicherung danach zuständig war.

Dass im mittelalterlichen Stadtkern dieser Orte viele historische Gebäude in sich zusammengefallen sind, mag verständlich sein. Schockierend ist jedoch, dass auch viele neuere Gebäude nicht standgehalten haben. In Amatrice sind etwa Mauern und stützende Träger vieler Häuser einfach zerbröselt und haben viel zu schwere Betondächer alles unter sich zermalmt. Bei einigen der zerstörten Gebäude sei mehr Sand als Zement verwendet worden, stellte Saieva fest.

In der Öffentlichkeit sorgt vor allem der Einsturz einer vor wenigen Jahren renovierten Grundschule für Empörung. Dafür hatten Staat und Region 700 000 Euro gesprochen, einen Teil davon ausdrücklich für die Erdbebensicherung. Die Arbeiten wurden in Rekordzeit beendet, die Schule 2012 mit einer pompösen Zeremonie eingeweiht. Den Auftrag hatte eine Firma bekommen, gegen die wegen Korruption ermittelt wird, unter anderem auch im Zusammenhang mit einem Wiederaufbauprojekt im erdbebenzerstörten L’Aquila. Viele Fragen wirft zudem auch der Einsturz eines Glockenturms in Amatrice auf, bei dem ein Paar mit zwei Kindern ums Leben gekommen ist. Der Turm wurde dreimal renoviert, zuletzt mit Mitteln aus einem Sonderfonds, der nach der Tragödie in L’Aquila 2009 eingerichtet worden war.

Der Chef der nationalen Antikorruptionsbehörde sagte in einem Interview mit der «Repubblica», nach solchen Katastrophen sei die Gefahr gross, dass sich die Mafia und mit ihr verbandelte Bauunternehmer bereicherten. Die Behörden seien heute aber so alert wie nie. Ministerpräsident Matteo Renzi hat die von ihm geschaffene Antikorruptionsbehörde bereits mit der Überwachung des Wiederaufbaus in Latium und den Marken beauftragt, was von Experten als wichtiges Signal gewertet wird.

Mehr Kontrollen

Obwohl Italien das am meisten von Erdbeben betroffene Land Europas ist, sind 70 Prozent seiner Immobilien nicht erdbebensicher. Verantwortlich ist auch die alte Bausubstanz. Nur für Neubauten gelten seit 1974 gewisse Vorschriften, bestehende Gebäude müssen nicht seismisch gesichert werden. Zwar gibt es staatliche Anreizprogramme, doch diese sind wenig attraktiv. Gleichzeitig sind laut dem Versicherungsverband in Italien weniger als ein Prozent aller Immobilien für Naturkatastrophen versichert. Die Regierungen Monti, Letta und Renzi haben vergeblich versucht, dies zur Pflicht zu machen. Die Opposition verhindert es mit der Behauptung, dies käme verdeckten Steuern gleich. De facto greift der Steuerzahler aber auch so tief in die Tasche. Jedes Jahr gibt Italien durchschnittlich 3,5 Milliarden Euro für Notmassnahmen nach Überschwemmungen und Beben aus.