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Russland

Mordfall Boris Nemzow: Von Killern und Drahtziehern

von Daniel Wechlin / 03.10.2016

In Moskau hat der Geschworenenprozess im Mordfall des Kremlkritikers Boris Nemzow begonnen. Fünf Tschetschenen werden der Tat verdächtigt. Spekuliert wird aber vor allem über die Strippenzieher.

Anderthalb Jahre nach der Ermordung des Kremlkritikers Boris Nemzow ist am Montag vor einem Moskauer Militärgericht der Geschworenenprozess gegen fünf Tschetschenen eröffnet worden. Drei von ihnen gehörten Sicherheitsstrukturen der russischen Teilrepublik im Nordkaukasus an. Der mutmassliche Schütze etwa, Saur Dadajew, war Offizier des Bataillons „Nord“. Die Sondereinheit untersteht dem föderalen Innenministerium, ist faktisch aber Teil der Privatarmee des berüchtigten Republikoberhaupts Ramsan Kadyrow. Als Auftraggeber der Bluttat gilt der Staatsanwaltschaft Ruslan Muchudinow, der ebenfalls bei „Nord“ diente, aber untergetaucht ist. Zusammen mit einer weiteren Person soll er den Tatverdächtigen umgerechnet 232 000 Franken für die Tötung Nemzows geboten haben.

Spekulationen halten sich, dass er für das tschetschenische Regime nur ein Bauernopfer ist. Einige sehen Ruslan Geremejew als Drahtzieher. Der einstige stellvertretende Kommandeur von „Nord“, für den Muchudinow als Fahrer arbeitete, hätte mehrmals einvernommen werden sollen. Doch er genoss wohl Protektion und setzte sich ins Ausland ab. Laut der „Nowaja Gaseta“ verbrachte Geremejew längere Zeit mit den Beschuldigten in Moskau, die ab Herbst 2014 mit der Observierung Nemzows begonnen hätten. Auf den 55-Jährigen wurden schliesslich am 27. Februar 2015 auf offener Strasse sechs Schüsse abgefeuert, worauf er noch am Tatort auf einer Brücke unweit des Kremls verstarb.

Geremejew ist der Neffe von Suleiman Geremejew, einem Mitglied des russischen Oberhauses. Zudem ist er mit Adam Delimchanow verwandt, Abgeordneter der Staatsduma sowie Cousin und möglicher Nachfolger Kadyrows. Die Anwälte des Getöteten forderten aber vergeblich die Befragung von Kadyrow. Sie gehen von einem politisch motivierten Mord aus, über den der tschetschenische Machthaber zumindest informiert gewesen sei, wenn er ihn nicht sogar in Auftrag gegeben habe. Der Kreml-Protégé Kadyrow lobte nach der Tat Dadajew als „wahren russischen Patrioten“ und hetzte mit seinen Schergen weiter gegen Nemzows Weggefährten der demokratischen Opposition, die offen mit dem Tod bedroht und als Volksverräter diffamiert werden.

Die Angeklagten bezeichneten sich zum Prozessauftakt erneut als unschuldig; dies, nachdem sie erstaunlich schnell gestellt wurden. In Untersuchungshaft hatten sie zunächst gestanden und detailliert über die Durchführung der Mordtat berichtet. Als Motiv gaben sie islamkritische Aussagen Nemzows zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“ an. Die Überwachung des bekannten Regierungskritikers begann aber schon vor dem Pariser Attentat, auch äusserte sich Nemzow nie entsprechend. Die Inkriminierten ihrerseits sollen sich wenig um ihre Tarnung gekümmert und viele Spuren hinterlassen haben. Dies sind Umstände, die Beobachter als Beleg dafür werten, dass die Festgenommenen davon ausgingen, ihr Handeln sei sanktioniert und ihnen drohe keine Rechenschaft.