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Türkei-Russland

Moskau droht mit Handelskrieg

von Benjamin Triebe / 26.11.2015

Ein russischer Handelskrieg könnte die Türkei aufgrund der engen Verflechtung empfindlich treffen. Die ersten Folgen spürt allerdings die russische Bevölkerung – schon jetzt.

So schnell können sich politische Tonlagen ändern. Noch im September hatte der türkische Präsident Recep Erdoğan bei einem Besuch in Moskau die Hoffnung geäußert, der Handel seines Landes mit Russland könne bis 2023 auf 100 Milliarden Euro pro Jahr anwachsen. Doch seit Ankaras Luftwaffe am Dienstag ein russisches Kampfflugzeug abgeschossen hat, weht der Wind aus der Gegenrichtung: Russlands Regierungschef Dmitri Medwedew sagte am Mittwoch, Ankara müsse mit wirtschaftlichen Strafen rechnen. Moskau überlege, sich aus Projekten zurückzuziehen; türkische Unternehmen könnten Marktanteile in Russland einbüßen. Außenminister Sergei Lawrow erklärte, man wolle Firmen nicht künstlich Probleme bereiten, aber der Abschuss verlange eine Antwort.

Mehr Aufwand für die Ferien

Moskau und Ankara pflegen enge Wirtschaftsbeziehungen, das Potenzial für Verwerfungen ist groß. Betrachtet man die 28 Länder der EU als Block, so war Russland 2014 der zweitwichtigste Handelspartner der Türkei. Der gemeinsame Warenumsatz belief sich auf umgerechnet 24 Milliarden Euro. Russland war das viertwichtigste Zielland türkischer Ausfuhren – und die zweitwichtigste Importquelle. Nach Deutschland kauft niemand in Europa so viel Gas von Russland wie die Türkei. Doch ähnlich wie bei Deutschland wird Moskau diese Beziehung wohl nicht aufs Spiel setzen.

Die Türkei exportiert vor allem Kleidung sowie Obst und Gemüse. Letzteres ist seit dem von Moskau im Sommer 2014 verhängten Einfuhrstopp für viele westliche Lebensmittel noch wichtiger geworden. Allerdings sind die türkischen Ausfuhren aufgrund der russischen Wirtschaftskrise von Januar bis September um rund 40 Prozent gesunken.

Der relative Schaden eines Handelskrieges wäre für die Türkei wahrscheinlich größer als für Russland. Doch auch die russische Bevölkerung könnte leiden, nicht nur wegen ausbleibender Konsumgüter. Die Türkei ist als eine der wenigen sommerlichen Destinationen beliebt, in die russische Touristen ohne Visum reisen dürfen. Von 4,4 Millionen russischen Besuchern im vergangenen Jahr waren gemäß Reuters rund 3,3 Millionen Feriengäste. Nur aus Deutschland kamen mehr Touristen. Doch Außenminister Lawrow empfahl den Bürgern bereits, von Reisen in die Türkei abzusehen. Die terroristische Bedrohung sei dort ebenso groß wie in Ägypten. Der Verband der Reiseveranstalter erklärte, seine Firmen hätten den Verkauf von Flügen und Reisen eingestellt. Nun müssen Russen viel mehr Aufwand betreiben, um in der Türkei Ferien zu verbringen.

Politik mit Gas und Kernkraft

Die russische Bevölkerung ist es nicht erst seit dem preistreibenden Lebensmittelembargo gewohnt, dass der Kreml politische Gefechte auf ihrem Rücken austrägt. Zu den Strafen, zu denen russische Behörden gegen andere Länder greifen, gehört seit je der Einfuhrstopp von Agrargütern wegen „gesundheitlicher Bedenken“. Am Mittwoch wurde ein weiterer türkischer Geflügelfleisch-Importeur gesperrt.

Wohl nicht die Geflügelimporte, aber bedeutende wirtschaftliche Fragen werden dagegen direkt im Kreml entschieden. So wird spekuliert, ob Moskau seine Unterstützung für den Bau eines vom Staatskonzern Rosatom zu errichtenden Atomkraftwerks zurückziehen könnte oder ob Präsident Wladimir Putin den Bau der Erdgaspipeline Turkish Stream absagen lässt. Die Rohrleitung war vor rund einem Jahr von Putin aus der Taufe gehoben worden, um engere Bande mit der Türkei zu knüpfen. Noch ist sie in der Planung; ein Stopp beträfe also keine derzeitigen Lieferungen. Zuletzt hatten die Gespräche auch wegen preislicher Fragen gestockt. Gazprom kündigte bereits an, die Kapazität von Turkish Stream zu halbieren.