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Europa

Müder Mythos

Gastkommentar / von Konrad Paul Liessmann / 30.03.2016

Europa, so konnte man es kürzlich lesen, bedürfe eines Mythos, einer großen Erzählung, an der sich seine Bürger emotional entzünden könnten, um als politisches Gebilde jene Bindungskraft zu entfalten, die der derzeitige Zustand der Europäischen Union so schmerzlich vermissen lasse. Aber leider, so der Befund von Charles Lewinsky, habe keine der zahlreichen Mythen, Legenden, Geschichten und Erinnerungen, an denen die europäischen Kulturen so reich sind, eine gesamteuropäische Perspektive aufzuweisen, sie alle fundieren bestenfalls nationale Identitäten. Das ist, so könnte man sagen, aber auch kein Wunder, denn die Nation selbst ist – neben der neuzeitlichen Wissenschaft, der Maschine und der absoluten Musik – die europäische Erfindung schlechthin. Von nationalen Mythen zu sprechen, hat deshalb etwas Verführerisches, auch wenn Mythen weniger Nationen fundieren als nachträglich legitimieren sollen.

Wer einen europäischen Mythos fordert, verkennt nicht nur diese Dimension, sondern möchte Europa genau nach jenem Modell der Nation bilden, das durch Europa doch obsolet werden soll. Die Nation und damit den Nationalismus zu überwinden bedarf deshalb mehr eines politischen Willens als eines Mythos, der ohnehin nicht am Reißbrett erzeugt werden kann. Denn Mythen, die übrigens von mythisch überhöhten historischen Ereignissen und Legenden aller Art, aber auch von den Glaubenswahrheiten der Religionen zu unterscheiden wären, verlieren sich in der Tiefe der Geschichte, gewinnen ihre Kraft aus den Varianten langer Überlieferung, entfalten ihr Potenzial in der geistig-kulturellen Arbeit, die aufgewendet wird, um ihnen immer wieder neue Einsichten und überraschende Pointen abzugewinnen. Ein verbürgtes Wissen um die europäische Mythologie könnte so in der Tat einiges zum Verständnis europäischen Denkens und Fühlens beitragen. Dass vor allem in den deutschsprachigen Ländern dieses Wissen aus den Lehrplänen verbannt wurde, weil es mit der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen angeblich nichts zu tun habe, indiziert mehr vom Verlust des Europäischen, als es sich die Bildungsbürokraten vorstellen können.

Wer nach einem neuen europäischen Mythos verlangt, muss sich natürlich entgegnen lassen, dass es den Mythos von Europa doch schon gibt. Doch dieser, so Lewinsky, tauge nicht dazu, patriotische Gefühle zu wecken, und er eigne sich auch nicht für Sonntagsreden. Auf Anhieb würde man sagen, dass überhaupt nur eine Geschichte, die diese beiden Bedingungen nicht erfüllt, es wert ist, erzählt und gedeutet zu werden. Und der Mythos von der phönizischen Königstochter namens Europa ist es wert. Dass die Jungfrau von Zeus, der sich ihr in Gestalt eines weißen, wohlriechendes Stieres nähert, entführt und auf Kreta vergewaltigt wird, ist aber nur der erste Teil der Geschichte. Der zweite besteht darin, dass Europas Vater Agenor seine Söhne aussendet, um die geraubte Tochter zu finden; er verbietet ihnen, ohne die Schwester heimkehren. Die Brüder werden vergeblich die bekannte Welt durchqueren; nur Kadmos irrt nicht herum, sondern befragt das Orakel von Delphi, das ihm rät, die Schwester ihrem Schicksal zu überlassen und stattdessen eine Stadt zu gründen. Die Deutung dieser Geschichte in  Kurzfassung: Europas Schicksal entscheidet sich an den Ufern des östlichen Mittelmeeres, und wer Europa krampfhaft sucht, wird es nicht finden. Das dürfte, fürs Erste, zur Beschreibung der Lage Europas doch genügen.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.