Massimo Percossi / Epa

Abfallberge in Rom

Müllkrise in der Ewigen Stadt

von Tilman Sauer / 12.08.2016

In der italienischen Hauptstadt stinkt es zum Himmel – und das liegt nicht allein am Dreck auf den Strassen. Bürgermeisterin Virginia Raggi verspricht, die Stadt zu säubern.

Virginia Raggi, die frisch gewählte Bürgermeisterin Roms, setzte bei der ersten Sitzung des neuen Stadtrats am vergangenen 7. Juli ihren sieben Jahre alten Sohn Matteo auf den Bürgermeistersessel. Von seinem hohen Posten aus verfolgte der Knirps die Stimmenauszählung der Wahl des Ratsvorsitzenden. Das Amt seiner Mutter hält man derzeit für den härtesten Job im Land. Doch im Ratssaal auf dem von Michelangelo gestalteten Kapitol in Rom wähnte man sich an einem Volksfest.

Im Kreuzfeuer der Kritik

Einen Monat später ist das Vergnügen vorbei. Auf Verlangen der Opposition haben sich die Stadträte mitten in den Sommerferien zu einer ausserordentlichen Sitzung versammelt. Die Bürgermeisterin und Vertreterin der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung musste Stellung nehmen zur Affäre um ihre Stadträtin für Umweltangelegenheiten, Paola Muraro, die seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik steht. Auf den heissesten Stuhl der Stadtregierung hatte Raggi eine Frau bestellt, die zwölf Jahre lang als Beraterin der städtischen Müllabfuhr Ama gewirkt und für ihre Tätigkeit 1,1 Millionen Euro bezogen hatte.

Selbst Wähler der Fünf-Sterne-Bewegung fühlten sich verschaukelt: Ausgerechnet Muraro soll den Augiasstall ausmisten und Rom von seiner Müllkrise erlösen? Schliesslich hatte sie eng mit den ehemaligen Ama-Managern zusammengearbeitet, gegen die inzwischen im Rahmen des Verfahrens „Mafia Capitale“ ermittelt wird. Den Wählern hatte Raggi vor ihrem Erdrutschsieg im Juni versprochen, alle Probleme der Chaos-Metropole aus der Welt zu schaffen.

Die Situation auf den Strassen Roms ist im Juni schlagartig eskaliert. Aus ramponierten Müllcontainern quellen die Plasticbeutel. Davor liegt der Abfall auf der Strasse und den Trottoirs verstreut. Kühlschränke, Matratzen und kaputte Ventilatoren versperren den Weg. Ratten und Möwen fallen über die stinkenden Haufen her. Manchmal sieht man Füchse zwischen aufgeplatzten Säcken und zerfledderten Kartons herumstöbern. Spielende Kinder filmten im Juli 25 Ratten, die sie bei einem Container in ihrem Viertel Tor Bella Monaca aufgescheucht hatten. Im Internet wurde das Video ein Renner. Der Fünf-Minuten-Film verstörte Italien. So weit also war es gekommen mit der Ewigen Stadt.

Neu sind die Bilder der Schande nicht. Nur stammten sie bisher aus den Vorstädten. Nun begegnete man Roms Dekadenz auch in der von Touristen überlaufenen Altstadt zwischen Kolosseum und Petersdom, wo Gastronomen die Müllabfuhr aus der eigenen Tasche bezahlen, um den Dreck von der Strasse zu bekommen. Oder im vornehmen Parioli-Viertel, in dem die 38-jährige Anwältin Raggi wohnt. Sie versprach, die Stadt bis am 20. August säubern zu lassen. Zumindest im Zentrum hat sich die Lage bereits normalisiert. Was zum Teil auch damit zu erklären ist, dass dort jeder zweite Einwohner gerade seine Ferien fern von Rom verbringt.

Verantwortung bei Vorgängern

Die Querelen um die Abfallberge und die zuständige Stadträtin für Umwelt haben die römische Sommerpause entflammt. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten sie am vergangenen Mittwoch an der Krisensitzung des Stadtrats. Der lange, schmale Saal im Senatorenpalast auf dem Kapitol war mit Anhängern der Protestpartei Fünf Sterne gefüllt. Über der Bürgermeisterin ragte Julius Caesar, in Feldherrn-Pose aus Stein gemeisselt, in die Höhe. Unter dem antiken Herrscher hatten die Römer Gallien bis an den Rhein erobert. Nun stritt man zu seinen Füssen acht Stunden lang über das Müllchaos am Tiber.

Raggi, die im Frühjahr über Nacht ein Politstar in Italien geworden war, lässt sich von der kraftlosen Opposition nicht in die Defensive drängen. Sie liest vielmehr 45 Minuten lang eine Anklageschrift vor, in der sie die Verantwortung ihren Vorvorgängern zuweist. „Ich erzähle Ihnen die Geschichte, wie der Abfallkreislauf in Rom seit 1964 organisiert worden ist“, hebt die Bürgermeisterin in selbstgefälligem Tonfall an. Heute müsse man der Systemkrise mit knappen Mitteln und wenig Zeit begegnen und dabei lauernde Gesundheitsrisiken von der Bevölkerung fernhalten. „Wir bewegen uns auf vermintem Gelände, aber das war uns vorher bewusst“, sagt Raggi.

Sie stellt sich schützend vor Muraro, die seit Wochen im Mittelpunkt der Angriffe auf Roms Fünf-Sterne-Regierung steht: „An der Kompetenz von Muraro lässt sich nichts aussetzen, aber vielleicht ist sie zu unbequem geworden?“, hinterfragt die Bürgermeisterin die Kritik an ihrer Stadträtin. Verschwörungstheorien sind nichts Neues unter dem römischen Himmel. Sie dienen in Italien Gescheiterten traditionell als Alibi für ihr Versagen. Von einem Interessenkonflikt der langjährigen Ama-Beraterin will man bei der Fünf-Sterne-Bewegung nichts hören. Muraro sei schlicht „eine Person, die in einem anderen Leben Beraterin war“, lautet die Parteilinie.

Allem Anschein nach ist es jedoch schwierig, die Dinge so scharf zu trennen. Da ermitteln Staatsanwälte etwa wegen des Verdachts eines Schwindels in den beiden römischen Müllaufbereitungsanlagen der Ama. Bei der Behandlung der Abfälle soll gegen Umweltauflagen verstossen worden sein. Das geht aus technischen Gutachten hervor. Für die Kontrolle der Einhaltung der Vorschriften war in beiden Anlagen Paola Muraro verantwortlich. Unangenehm fällt auch auf, dass sich zwischen dem Gutachter der Staatsanwaltschaft und Muraro ein Streit entfacht hat. Die heutige Stadträtin für Umwelt hatte sich im Januar über die Entnahme der Proben beschwert. Sie seien nicht vorschriftsgemäss durchgeführt worden, wandte Muraro ein.

Die Ermittlungen der Justiz in der römischen Abfallwirtschaft gehen in mehrere Richtungen. In den Akten der Staatsanwälte tauchen auch abgehörte Telefonate zwischen Muraro und Salvatore Buzzi auf, dem Hauptangeklagten im Prozess „Mafia Capitale“. Ihre Gespräche haben keine strafrechtliche Relevanz, doch auf die selbsternannten Saubermänner und -frauen der Fünf-Sterne-Bewegung werfen die Enthüllungen ein schiefes Licht. Die Parteioberen stellen sich hinter Muraro. Die offizielle Linie heisst: Erst wenn ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird, wird die frühere Beraterin fallengelassen.

Nach Deutschland gekarrt

Gewiss ist, dass die Gefechte um die Stadträtin die Suche nach einem Ausweg aus der katastrophalen Situation nicht befördern. Auf der von der Stadt kontrollierten Ama lasten 1,2 Milliarden Euro Schulden. Die Kosten für die Müllabfuhr und -entsorgung sind 2015 in Rom um 34,4 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro gestiegen – ein italienisches Rekordniveau. Pro Haushalt verursachte der Abfall 1121 Euro Kosten. Ein Hauptgrund: Mangels eigener Entsorgungseinrichtungen schickt Rom seinen Müll in 60 verschiedene Anlagen. Ein Grossteil davon wird bis nach Deutschland gekarrt. Wie Raggi ihr schwerstes Erbe bewältigen will, werden die Römer wohl im Dezember erfahren. Dann will die Bürgermeisterin ihren Masterplan zur Abfallbeseitigung vorlegen.