Amoklauf von München

München trauert leise

von Stephanie Lahrtz / 25.07.2016

Die Tat hat schockiert, aber nur wenige verängstigt. Fast alle bewegt die Frage, warum niemand die Vorbereitungen bemerkte – und rechtzeitig gegensteuerte.

Erst war es ein Ort pulsierenden Grossstadtlebens, dann wurde es zum Tatort einer schockierenden Bluttat. Nun ist es ein Ort der Begegnungen und der ersten Verarbeitung des grauenvollen Geschehens geworden. Seit Samstagmorgen bringen unentwegt Tausende von Menschen Blumen, Kerzen, Kuscheltiere und selbstgemalte Karten mit letzten Grüssen zum Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) im Norden der Stadt, dem Ort des Amoklaufs von Freitagabend. Natürlich sind auch Gaffer und Selfie-Fanatiker darunter – aber die meisten Menschen weinen und verstecken ihre Emotionen hinter grossen Sonnenbrillen. Es ist friedlich und leise.

„Eigentlich sind wir hier eine ruhige Wohngegend, ganz normale Leute, Schulen, Geschäfte“, sagt eine Anwohnerin am Sonntagmorgen bedrückt. Doch wann wird es hier wieder so richtig normal sein? „Ist doch egal, ob es ein Amoklauf oder eine Terrorattacke war, es ist immer furchtbar, wenn Menschen durch einen Menschen sterben“, sagt ein Passant. Das ganze Wochenende über beten vor der U-Bahnstation, vor den Stufen des OEZ und vor dem abgesperrten Schnellimbiss Menschen unterschiedlichster Konfessionen. Viele Nationalitäten sind versammelt, man trauert gemeinsam, Animositäten sind keine zu hören. Mehrere Länder haben Opfer zu beklagen, Leid und Anteilnahme verbinden über Sprachgrenzen hinweg. Nach dem Sonntagsgottesdienst in einer nahe gelegenen Kirche kommt eine grosse Gruppe festlich gekleideter Äthiopier vorbei. „Wir wollen unsere Anteilnahme zeigen“, sagt eine Frau.

Man trifft vor dem OEZ viele Augenzeugen und Personen, deren Kinder oder zumindest Freunde der Kinder am Freitag während der Schiessereien hier waren. Sie haben zwar keine Angehörigen verloren, aber auch sie sind traumatisiert, aus dem Alltag gerissen. Es hält sie nicht in ihren Wohnungen. Sie kamen am Samstag, sie kamen am Sonntag und vielleicht kommen sie am Montag nach der Arbeit wieder. Man will die schrecklichen Bilder und Erzählungen loswerden, erhofft sich etwas Erleichterung durch die Anteilnahme.

„Der hat sich gezielt Jugendliche als Opfer ausgesucht“, behauptet ein Augenzeuge. Acht der neun Getöteten waren 20 Jahre und jünger. Vermutlich hat der Täter sich daher diesen Ort ausgesucht: Es ist ein am Freitagabend von vielen Jugendlichen frequentierter Treffpunkt, denn es gibt Internet- und Telefonläden, Geschäfte mit billiger Mode und Accessoires, erschwingliches Essen für viele Geschmacksrichtungen. Alles mit direktem U-Bahn-Anschluss und nur einen Spaziergang vom Olympiapark entfernt. Offenbar hatte der Täter einen Hass auf Gleichaltrige entwickelt. Eine Nachbarin der Eltern des Amokläufers berichtet im Gespräch, dass der junge Mann monatelang massiv gemobbt worden sei. Er habe deshalb auch kürzlich seine Prüfung an der Fachoberschule nicht geschafft.

Eventuell war dieses Mobbing eine der Ursachen der psychiatrischen Erkrankung des deutsch-iranischen Täters. So litt er seit längerem unter Depressionen und einer Angststörung, offenbar hatte er auch eine Phobie vor sozialen Kontakten entwickelt. Eine Lehrerin gibt im Gespräch vor dem OEZ zu bedenken, dass es Kinder mit ausländischen Eltern viel schwerer hätten, sich gegen Mobbing in der Schule durchzusetzen. „Den Eltern fehlt es oft wegen mangelnder Sprachkenntnisse und auch geringem Selbstbewusstsein an der nötigen Durchsetzungskraft“.

Der Amoklauf war nicht nur seit längerem geplant, der Täter ging offenbar auch gezielt und kaltblütig vor. Sichtlich bewegt ist ein Mann, der das Geschehen von Freitagabend schildert, immer wieder versagt ihm die Stimme. „Der Freund meines Sohnes sass mit seiner Schwester auf dem Balkon des McDonalds, als direkt unter ihm vor der Tür die ersten Schüsse fielen“, berichtet er, vor dem Blumenmeer an der Absperrung stehend. „Beide liefen nach unten, fanden den Hinterausgang nicht, liefen dem Täter in die Schusslinie. Der Junge stiess noch seine Schwester zur Seite, sie fiel in die Büsche – und überlebte. Dann traf eine Kugel den Bruder in den Bauch, er stürzte zu Boden. Da stellte sich der Täter ganz ruhig vor ihm auf und richtete ihn mit einem zweiten Schuss regelrecht hin“. Entsetzen macht sich breit. Was soll man Tröstendes sagen? Auch den vielen anwesenden und kompetenten Helfern von Kriseninterventionsteams bleibt oft nur, jemand in den Arm zu nehmen, zuzuhören, weinen zu lassen.

Es ist viel Trauer hier im Münchner Norden zu hören, an diesem sonnigen Wochenende, an dem die Welt erstarrt zu sein scheint. Doch Angst vor weiteren Anschlägen äussern die wenigsten. Stattdessen wird immer wieder die Frage laut, ob nicht das Umfeld des Täters womöglich Verantwortung trägt. Eine Mutter berichtet, dass ihr 17jähriger Sohn nach seiner Schulabschlussparty mit Freunden im OEZ war. „In einem Musikgeschäft hörte er die Schüsse, hat gar nicht kapiert, was los war und lief raus. Er sah den Täter, daneben eine Person in einer grösser werdenden Blutlache. Voll panisch lief mein Sohn zurück in den Laden. Irgendwie kam er nach Hause, seitdem liegt er nur noch auf dem Bett, redet nicht, isst nicht.“ Wie könne es sein, dass die Eltern des Amokläufers wenig oder gar nichts von dessen grauenvollen Plänen mitbekommen hätten? „Kann man so etwas wirklich nicht verhindern?“, fragt die Frau. Sie erntete zustimmendes Kopfnicken und Gemurmel. Eine Frau entgegnet leise, welche Eltern denn immer alles von ihren Teenager-Kinder wüssten – man solle nicht vorschnell urteilen.

Normalität gibt es auch seit Freitagabend nicht mehr vor einem modernen, cremeweissen Haus in der Maxvorstadt. Gutbetuchte wohnen hier in den Penthouses mit Dachterrasse – und in einer Sozialwohnung darunter die Familie des Täters. Während draussen Dutzende Kamerateams lauern, versuchen innen Familie und Nachbarn das Unbegreifliche zu verstehen.