Frankreich

Multikulti-Schulen gegen Ghettobildung

von Nikos Tzermias / 11.11.2015

Chancengleichheit ist in Frankreichs Schulwesen ein fernes Ideal. Die Regierung plant jetzt Pilotprojekte gegen die soziale Entmischung.

„Wir wollen Weiße, und zwar von den Besten, in unseren Schulen!“, riefen vor rund einem Jahr aus dem Maghreb stammende Mütter bei einer Demonstration in Montpellier aus, als sie gegen die beunruhigende Ghettobildung im französischen Schulwesen protestierten. Tatsächlich gilt die soziale Entmischung in den Schulen als ein Hauptgrund dafür, dass laut der letzten Pisa-Studie der OECD für 2012 in keinem anderen Industrieland die schulischen Leistungen der Kinder derart stark von der sozialen Herkunft abhängen.

Paragraphen und Praxis

Die seit dreieinhalb Jahren regierenden Sozialisten hatten zwar schon im Wahlkampf die Förderung einer ausgewogeneren sozialen Durchmischung in den Wohnquartieren wie auch im Schulwesen propagiert und bald darauf auch Gesetze dafür verabschiedet. Doch mit der Umsetzung der Politik hapert es weiterhin. Besser gestellte Gemeinden wehren sich gegen die Verpflichtung, mehr Sozialwohnungen zur Verfügung zu stellen, und behindern damit auch die Aufnahme von mehr Bewohnern mit Migrationshintergrund.

Nicht minder heiß umstritten ist die eng damit verbundene Frage, inwieweit das Prinzip, dass Schüler in ihrem eigenen Wohnquartier zur Schule gehen sollen, modifiziert werden soll. Um den leistungsschwachen Schulen zu entfliehen, ziehen Eltern, die es sich leisten können, zumeist in bessere Wohngegenden oder versuchen, ihre Kinder an eine der landesweit 8.500 Privatschulen zu schicken. Diese sind zumeist katholisch, werden aber in der Regel vom laizistischen Staat massiv subventioniert.

Maßnahmen gegen die Entmischung sind jedoch politisch sehr schwer beliebt zu machen. Eltern befürchten, dass eine solche Politik, so gut sie auch gemeint sein mag, dem Vorankommen ihrer Zöglinge schaden wird. Symptomatisch für dieses Dilemma ist die für Sozialisten eher ungewöhnliche Zaghaftigkeit, mit der die Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belkacem gegen den Missstand vorgehen will.

Pilotversuche mit Verzögerung

Sie kündigte während einer Pressekonferenz an, dass ab Herbst 2016 in 17 Départements in 30 bis 50 von landesweit insgesamt 1.700 Mittelschulen (Collèges) Pilotversuche zur besseren Durchmischung beginnen sollen. Dabei stützt man sich weiterhin auf die bereits in einem Gesetz von 2013 verankerte Idee, die Einzugsgebiete für die Collèges zu erweitern, sodass künftig ein Schuldistrikt mehr unterschiedliche Quartiere und mehr als eine Mittelschule aufweisen wird.

Laut der Ministerin sollen die Details aber nicht von oben herab angeordnet, sondern im Dialog mit den gewählten Behörden der Départements und Vertretern der Lehrer- und Elternschaft festgelegt werden. Dabei erwähnte Vallaud-Belkacem auch die Möglichkeit, die soziale Durchmischung durch attraktive Schulprogramme nach amerikanischem Vorbild („magnet schools“) zu fördern. Paradoxerweise hat die Regierung unlängst aber eine Collège-Reform in die Wege geleitet, die von der bürgerlichen Opposition mit einigem Grund als „Mittelmäßigkeit für alle“ aufs Korn genommen wurde.

Die Ministerin regte auch an, die Privatschulen, die ihre Schüler frei wählen können, durch finanzielle Anreize einzuspannen. Besonders realitätsfremd wirkte schließlich die von Vallaud-Belkacem bekundete Überzeugung, dass die Familien weiterhin von dem nach dem Terror bei Charlie Hebdo wiedererwachten republikanischen Geist beseelt seien und Durchmischung eine Lehre in Staatsbürgerschaft sei.