Sedat Suna / Keystone

Nach dem Putschversuch: Die große Erdogan-Party

von Inga Rogg / 19.07.2016

Der Taksim-Platz ist nachts fest in der Hand von Regierungsanhängern. Es wird dem großen Führer gehuldigt. Vor drei Jahren fand dort ein ganz anderes Fest statt.

Sie tanzen und singen, im Takt der Musik schwingen sie die Fahne der türkischen Republik. „Seid wachsam“, hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ein paar Stunden davor gemahnt. Die Gefahr der Putschisten, die das Land ins Chaos zu stürzen drohten, sei noch nicht gebannt, heisst es im Regierungslager. „Wir werden die öffentlichen Plätze nicht verlassen“, sagt Erdogan. „Das ist keine Sache von zwölf Stunden.“ Allein am Takism-Platz sind Tausende seinem Aufruf gefolgt.

Frauen in Kopftüchern, aber auch einige ohne, Männer mit und ohne Bärte, Junge und Alte füllen in der Sonntagnacht den zentralen Platz von Istanbul. Unter den vielen Türkei-Fahnen erstrahlt der Taksim in der Nacht wie ein blutrotes Flammenmeer. Aus dem Lautsprecher ertönt ein zwei Jahre alter Wahlkampfsong, der zur Hymne der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) geworden ist. Seine wichtigste Botschaft: „Recep Tayyip Erdogan“. Der Führer, der seit Jahren erwartet worden sei, singt der dunkle Bariton. Und dann: „Ree-cep Tay-yip Erdoo-gan“. Die Menge schunkelt, schwingt die Fahnen, Männern greifen sich an Schultern und Händen und tanzen einen traditionellen Reigen. „Und jetzt alle zusammen“, ruft ihnen der Mann am Lautsprecher zu. Wie ein Schlachtruf klingt es auch noch mehr als einen Kilometer entfernt: „Ree-cep Tay-yip Erdoo-gan“. Es herrscht Volksfeststimmung.

Zahlreiche Übergriffe

Aber es gibt auch andere Szenen in dieser heiss-schwülen Sommernacht. Eine Motorradgang braust durch die Istiklal-Strasse, die eigentlich eine Fussgängerzone ist. Auch die Biker haben sich in Fahnen gehüllt. Aber sie brüllen: „Gott ist gross.“ Das klingt in dieser Gegend wie eine Kampfansage von Islamisten an die säkularen Nachtschwärmer, die in den Kneipen ihr Bier, ihren Wein oder Raki trinken. Im Nobelviertel Moda auf der asiatischen Seite seien Alkohol-Trinker attackiert worden, berichtete die unabhängige Tageszeitung „Cumhuriyet“ am Montag. Im zentralanatolischen Konya seien syrische Flüchtlinge angegriffen worden, ein Mob habe Häuser mit Läden von Syrern in Brand gesteckt. In Istanbul sei der Vorsitzende eines Jugendverbands der oppositionellen Republikanischen Volkspartei von Parteigängern Erdogans verprügelt worden. Vor allem richten sich die Übergriffe gegen die Aleviten.

Schwierige Lage der Aleviten

Die Aleviten sind eine religiöse muslimische Minderheit, die immer wieder Opfer von Massakern wurden, ausgeführt von radikalen Sunniten, aber auch von rechten Nationalisten. Aufgrund ihrer historischen Erfahrung gehören die Aleviten zu den entschiedensten Verfechtern der von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk eingeführten säkularen Ordnung des Landes, zugleich stehen viele Aleviten eher links. Einer der Brennpunkte des Konflikts ist seit Jahren der Stadtteil Gazi. Dort marschierten am Wochenende AKP-Unterstützer auf und brüllten: „Gott ist gross.“ Die Polizei schritt jedoch ein und verhinderte damit Schlimmeres. Auch in Antakya an der syrischen Grenze musste die Polizei einschreiten. Dort sperrte sie die Strassen in ein alevitisches Quartier, um Angriffe von AKP-Anhängern zu verhindern.

In der aufgeheizten Atmosphäre werden aus Gerüchten manchmal ungeprüfte Wahrheiten. So machten am Sonntagabend Berichte die Runde, im Stadtteil Pasaköskü in der ostanatolischen Stadt Malatya sei ein Alevit gelyncht worden. Der Abgeordnete und stellvertretende CHP-Vorsitzende Veli Agbaba, der aus Malatya stammt, widersprach dem jedoch. Zwar sei ein Konvoi mit Regierungsanhängern in dem Viertel aufgetaucht, sie hätten Slogans gerufen, in denen sie die Aleviten für den Putschversuch verantwortlich machten, teilte Agbaba kurz nach Mitternacht mit. Daraufhin habe es Streit gegeben, die Polizei habe jedoch interveniert. Es gebe Provokationen, sagte Agbaba. Alle sollten die Ruhe bewahren.

Von all dem erfährt man in den regierungsnahen Medien am Montag nichts. Sie loben die „Grosse Säuberung“, wie ein Blatt titelt, verbreiten Bilder von den „Verrätern“, den festgenommen Soldaten. Auf den Fotos ist zu sehen, dass viele der Soldaten misshandelt wurden – aber das finden die Regierungsblätter offenbar ganz normal, nur Menschenrechtler protestieren. Darüber hinaus gibt es Berichte und Aufnahmen vom erschreckenden Aussmass der Zerstörung, das die Putschisten angerichtet haben sowie vom „heldenhaften Widerstand des Volkes“. Als „Wächter der Demokratie“ werden die Parteigänger gefeiert.

Aber am Taksim und anderswo geht es nur um einen: den Präsidenten, ihren „Führer“, in dem einige seiner Hofschreiber bereits den neuen Kalifen sehen. Bis 2023, dem 100. Jahrestag der Republik will Erdogan mit der kemalistischen Vergangenheit aufräumen, die viel beschworene „neue Türkei“ zur Vollendung führen. Dann könnte auf dem Taksim auch die von ihm gewünschte Moschee stehen und an der Stelle des Gezi-Parks die Replik einer Kaserne.

Morddrohungen bei kritischen Äusserungen

„Ich habe Angst“, sagt eine junge Ingenieurin, die anynom bleiben möchte. Vor drei Jahren stand sie auf dem Taksim-Platz. Junge Leute wie sie feierten damals eine ganz andere Party. Es war die Zeit des Gezi-Aufstands. Auch damals wurde getanzt und musiziert, aber es waren andere Lieder, die Musiker spielten Gitarre und Flöten und trommelten. Im Gezi-Park standen Zelte, es gab Yoga-Kurse, es wurde gezeichnet, gemalt und viel, viel diskutiert. Frauen versuchten Fussball-Ultras ihre Macho-Slogans auszutreiben, Aktivisten versuchten eine neue Diskussionskultur zu schaffen – Türken und Kurden, Sunniten und Aleviten, Anhänger verschiedener Ideologien sollten endlich lernen, sich zuzuhören statt sich ständig niederzuschreien. Bunt und heiter ging es zu, bis Erdogan die Polizei schickte und dem kurzen Sommer des demokratischen Aufbruchs ein Ende bereitete.

Heute erhalte sie Morddrohungen, wenn sie sich auf Facebook oder Twitter kritisch über die Regierung äussere, sagt die Ingenieurin. Auf der Strasse werde sie von Bärtigen angepöbelt und als Hure beschimpft, wenn sie kurze Hosen trage. Seit dem Wochenende sei es noch schlimmer geworden. „Ich traue mich nicht mehr aus dem Haus.“ Sie ist nicht einzige, die Angst hat. Kritische Journalisten und Akademiker befürchten eine Verhaftungswelle. Am Sonntag liess die Regierung die Websites mehrerer kritischer Medien sperren. Ein Regierungsinsider verbreitete am Montag eine Liste mit den Namen von Dutzenden von Journalisten, die demnächst angeblich festgenommen werden sollen.

Führerkult bis zum Morgen

Regierungskritiker sprechen von einem „Putsch von oben“. „Wir befürchten, dass auf den militärischen ein ziviler Putsch folgt“, schreibt die „Cumhuriyet“ in einem Editorial am Montag. Das könne nicht die Alternative sein. Die türkische Gesellschaft verdiene eine liberale, demokratische, säkulare und soziale Verfassungsrepublik, schreibt das Blatt. Das ist im Grunde genommen das, wofür die Gezi-Bewegung bis heute steht. Doch am Taksim wird in dieser Nacht das Gegenteil in Szene gesetzt: Führerkult statt demokratischer Kakofonie. In schierer Endlosschleife läuft der Erdogan-Song. Und stundenlang erschallt es: „Ree-cep Tay-yip Erdoo-gan“. Der Morgen bricht bereits an, als die Musik und Sprechchöre verstummen.