AFP / DIMITAR DILKOFF

Grenzsperre in Mazedonien

Neue Barrieren – neue Wege

von Andreas Ernst / 08.03.2016

Die Balkanroute ist praktisch versiegelt. Die Migranten suchen Ausweichrouten. Diese sind eher für junge Männer geeignet als für Frauen und Kinder.

Sollte dieser Tage die EU die Balkanroute für geschlossen erklären, vollzöge sie eigentlich nur nach, was vor zwei Wochen Österreich und mit ihm die westlichen Balkanstaaten bereits umgesetzt haben: Die mazedonische Grenze ist fast hermetisch verschlossen. Nach undurchsichtigen Kriterien, die vom UNO-Flüchtlingswerk als eindeutig rechtswidrig bezeichnet werden, lassen die Grenzpolizisten manchmal 50, manchmal 100 oder 200 Flüchtlinge aus dem Durchgangslager Idomeni nach Mazedonien übertreten. Afghanen werden prinzipiell zurückgewiesen, Syrer und Iraker je nach regionaler Herkunft zurückgeschickt oder durchgelassen. Für Iraner, Pakistaner, Algerier oder Marokkaner gibt es schon lange kein Durchkommen mehr.

Mazedonien als Türsteher

Der Strom der Reisenden nach Norden ist im Vergleich zum Herbst ein dünnes Rinnsal geworden. Im kroatischen Lager Slavonski Brod gab es am Sonntag keine Neuzugänge. Stattdessen wurden dort etwa 300 Personen festgehalten, die aus Österreich zurückgeschickt worden waren. Über Serbien und Mazedonien sollen sie bald zum Ausgangspunkt der Balkanroute nach Idomeni zurückgeschafft werden.

Dort hat sich das für 2.000 Personen angelegte Durchgangslager in eine Elendssiedlung verwandelt, die bereits mehr als 13.000 Personen umfasst, zur Hälfte Frauen und Kinder. Der griechische Staat, der im Lager kaum in Erscheinung tritt und die Versorgung der Menschen weitgehend Hilfsorganisationen und Privaten überlässt, baut fieberhaft an sogenannten Hotspots, die der längerfristigen Unterbringung der Flüchtlinge dienen. Derzeit gelangen mehr als 1.000 Personen täglich über die Ägäis nach Griechenland.

Die von Österreich durchgesetzte Lösung, die Griechenland – und nicht die Türkei – zum „Hub“ für die Flüchtlinge macht, sieht für das Nichtmitglied Mazedonien die Rolle des Türstehers der Europäischen Union vor. Das kleine Land ist damit überfordert. Es zögerte anfangs, die gespannten Beziehungen zu Griechenland weiter zu verschlechtern. Doch wurde ihm von Österreich, Ungarn und Gleichgesinnten Hilfe versprochen. Sie umfasst Polizeikräfte, demnächst wohl aber auch Militär und eine lange Liste von Material: von Stacheldrahtrollen über Nachtsichtgeräte bis zu Blendgranaten und Tränengas.

Reise im Güterwagen

Die illegalen Grenzübertritte nehmen indessen zu. Die serbische Polizei nahm am Sonntag 51 Personen an der Südgrenze fest, die versucht hatten, in Güterwagen von Thessaloniki nach Österreich zu gelangen. Es handelte sich um Iraner und Afghanen, unter ihnen acht Frauen und drei Kinder. Auch Ungarn, der Pionier der einseitigen Abschottungspolitik, ist – trotz Befestigung und Bewachung – mit einer starken Zunahme illegaler Übertritte an seiner Südgrenze konfrontiert.

Mit zunehmender Abriegelung der mazedonischen Grenze beginnt sich die Balkanroute zu zergliedern. Weil die bisherige Strecke, behördlich organisiert mit Bahn und Bus und kurzen Zwischenhalten in grenznahen Transitlagern, nur noch wenigen offensteht, werden Umwege wieder attraktiver, auch wenn diese länger und gefährlicher sind. Schlepper kommen dabei erneut ins Geschäft.

Harte Strecke für harte Kerle

Die albanische Polizei hat zwar den Auftrag, illegale Durchreisen zu verhindern, aber es ist absehbar, dass die Route von Griechenland an die albanische Adriaküste vermehrt begangen wird. Von dort werden die Flüchtlinge mit Schmugglerschiffen Italien erreichen. Bereits seit längerem benutzen vor allem Afghanen den Landweg von der Türkei über Bulgarien nach Dimitrovgrad in Serbien – dies, obwohl die bulgarisch-türkische Grenze befestigt ist und Polizei und Bevölkerung den Flüchtlingen, anders als im Westbalkan, oft feindselig begegnen.

Die neuen Barrieren machen den Weg teurer, gefährlicher und anstrengender. Sie dürften insofern ihren Zweck erfüllen, als deutlich weniger Menschen die Weiterreise wagen werden, vor allem weniger Frauen und Kinder. Junge Männer hingegen werden eher bereit sein, sich durchzuschlagen. Damit wird der Anteil derjeniger Migranten zunehmen, die aus wirtschaftlichen Gründen unterwegs sind, auf Kosten jener, die vor Krieg und Gewalt flüchten.

Ebenfalls dürfte in den kommenden Jahren die Zahl jener steigen, die als Asylbewerber in den Balkanstaaten beabsichtigen, längerfristig eine Existenz aufzubauen. Die UNO meldete für Februar 700 Asylanträge in Serbien. Es wird mit weiteren gerechnet. Einwanderung ist ein neues Phänomen für diese Gesellschaften. Wie sie sich damit arrangieren, ist eine der vielen Unbekannten der neuesten Wendung in der europäischen Flüchtlingskrise.